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Echtzeit | Beitrag vom 29.06.2019

Beim Autotuning-Treffen in AllermöheDie archaische Welt der Autoliebhaber

Von Lena Fiedler

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Stilisierte Ansicht eines getunten Autos auf einer Fahrstraße, umgeben von strahlenden Neonfarben. (Jaromír Kavan/Unsplash)
Der Traum vom individuellen Auto - hier in popkulturell stilisierter Ästhetik. (Jaromír Kavan/Unsplash)

Jeden Freitag und Samstag treffen sich in Allermöhe tausende Autotuner aus Hamburg und Umgebung an einer Tankstelle - unter dem strengen Blick der Polizei. Lena Fiedler hat sich die Szene angeschaut.

Laute Motoren, tiefergelegte Autos und viel PS: Autotuning ist ein Hobby, das man vor allem aus Hip-Hop-Videos und Filmen wie "Need for Speed" kennt. Dabei werden Autos umgebaut – vom Motor über die Felgen bis zur Karossiere. Kurz: Die Wagen werden aufgemotzt.

In den letzten Jahren ist dieses Hobby in Verruf geraten. Die Polizei macht die Tuner für illegale Autorennen verantwortlich. In Hamburg wurde 2017 mit der SoKo "Autoposer" eine Sondereinheit gebildet, die für Ordnung auf den Straßen sorgen soll. In Hamburg-Allermöhe stört das niemanden. 

Großer Andrang beim Szenetreffen

Die Szene trifft sich an einer Tankstelle. Man muss sich dieses Event vorstellen wie eine riesige, inoffizielle Automesse - ohne feste Regeln – und das ab Karfreitag jedes Wochenende bis September.

Schon der Weg zur ziemlich großen Tankstelle ist zugeparkt mit vielen Autos. Und direkt an der Tankstelle sieht es so aus wie auf einem riesiges Straßenfest: Menschen sitzen auf Campingstühlen herum, rauchen Shisha, trinken Energydrinks und hören Musik, meistens Charts, oder Deutschrap.

Manche Leute versuchen mit ihren Autos auf die Tankstelle zu kommen, aber keine Chance. Hier gilt die Regel: Wer zuerst kommt, parkt zuerst. Die Autos stehen kreuz und quer herum. Tanken konnte hier niemand mehr.

Die Leute hier sind alle relativ jung, so zwischen 20 und 30 Jahre alt. Viele von ihnen sind tätowiert. Auffällig viele Männer, aber auch Familien mit Kindern, die meisten sehen völlig normal und fast unauffällig aus. Den Nummernschildern nach viele Leute aus Hamburg, aber auch aus Kiel, Neumünster oder Oldenburg.

"Ein Auto muss einzigartig sein"

Zwischen den röhrenden Autos an einem grauen BMW treffe ich Jay – 24 Jahre alt, lockerer Typ mit Sonnenbrille, dunklem Bar und Siegelring am Finger. Er hat sofort Lust mir zu erzählen, wie er überhaupt zum Tuning gekommen ist:

"Ich bin mit Autos groß geworden. Seit 24 Jahren ist mein Vater Autohändler. Und deswegen dreht sich mein Leben nur noch um Autos. Seien es die Felgen. Muss eigentlich optisch stimmen. Eine Person macht das Auto aus. Dementsprechend kannst du den Menschen einkategorisieren."

Für diese Einzigartigkeit machen die Tuner einiges: Da gab es Folien aus Gold, teure Sportsitze, buntes Leder, laute Musikanlagen, LED-Lichter und ungewöhnliche Felgen.

Freunde verstehen das Hobby nicht

Früher, erzählt Jay weiter, hatte er fast nur mit Leuten zu tun, die auch getunet haben. Das lag auch daran, dass sein Vater eine Kfz-Werkstatt hat. Aber heute hat er auch Freunde, die nicht tunen und sein Hobby nicht so richtig verstehen:

"Die sehen das Auto an und sagen 'einfach nur schön'. Viele schauen die neueren Autos an. Was mich ein bisschen mehr anspricht, sind eher so die älteren. Zum Beispiel hier der E46. Da vorne war ein Nissan GTR. Das ist die 'Fast and the Furious'-Zeit, da achtet man auf alles, wenn man mit den Filmen groß geworden ist. "

Auch die Polizei ist da

Bei dem Treffen zeigt auch die Polizei Präsenz. Seit Schlagzeilen von illegalen Autorennen, bei denen Beteiligte und Unbeteiligte ums Leben kamen, schauen die Ordnungshüter genauer hin. In Hamburg gibt es seit anderthalb Jahren eine Sonderkommission, die SoKo "Autoposer".

Bei der Tankstelle in Allermöhe stehen sie mit mehreren Einsatzwagen, einem Social Media Team und einem Museumswagen der Polizei, einem Ford Granada, um die Tuner zu besänftigen. Auch anwesend ist Tobias Greve, Leiter des Social-Media-Teams, der mir an der Tankstelle den Einsatz erklärt:

"Die Aufgabe ist einmal Präsenz zu zeigen, das die Leute sich daran erinnern, dass die Polizei vor Ort ist und entsprechend die Regeln bitte einzuhalten sind. Die zivilen Kollegen haben die Aufgabe Gesetzesübertretungen dann auch zu dokumentieren."

In Deutschland sind Veränderungen am Auto nur im begrenzten Maße erlaubt und müssen beim TÜV eingetragen werden. Die SoKo "Autoposer" macht also den ganzen Tag über Kontrollgänge und sucht nach "Ungesetzlichkeiten", erklärt Tobias Greve:

 "Klassischerweise sind das hier in der Umgebung Geschwindigkeitsüberschreitungen, gefährliche Fahrmanöver, teilweise auch Autorennen. Wobei man sagen muss, dass für den Großteil Tuning ein harmloses Hobby ist, um die geht es uns gar nicht. Aber in jeder Szene gibt es ein paar schwarze Schafe und wegen denen sind wir hier."

Illegale Tunings bleiben zuhause

Auch wegen der Soko kommt kaum noch jemand aus der Szene mit einem krass und illegal umgebauten Auto zu so einem Event. Da fährt man dann lieber mit dem Zweitwagen vor, bei dem alles den Regeln entsprechend in den Papieren eingetragen ist.

Jay zum Beispiel hat sein Cabrio zu Hause gelassen, "weil weder das Fahrwerk noch die Achse, noch die Felgen eingetragen sind. Bei dem Cabrio gab es immer nur ein Vierloch, dann habe ich einen GTI geholt, die Achsen rausgenommen, in mein Cabrio eingebaut. Audi TT Parabolfelgen. Da braucht man schon wieder sonst was für Bescheinigungen von Audi, damit man die überhaupt beim TÜV eintragen kann. Und das Fahrwerk ist nen bisschen zu tief, einen Bordstein kommt der nicht mehr so ganz hoch."

Eine Männerdomäne

Auch an den Ausdrücken und Abkürzungen merkt man: Das ist eine eigene Welt, auch eine sehr männlich dominierte Welt - teilweise auch sexistisch.

Das liegt vermutlich daran, dass die Musik und die Filme der Szene Frauen zeigen, die knapp bekleidet an Autos lehnen. An den Autos auf dem Parkplatz kleben dann auch zahlreiche Aufkleber mit anzüglichen Sprüchen.

Aber schließlich treffe ich auch auf eine Frau, die zwar nicht jeden Freitag hier ist, mir aber erzählt, was sie am Tunen mag:

"Auto fahren allgemein ist mein Hobby. Ich mag gern auf der Straße sein, das Freiheitsgefühl. Und es gibt halt auch schöne Autos. Die Gemeinschaft, die entstehen kann."

Leider kann man dann der Freund der Frau zu uns, der ihr verboten hat mit mir zu sprechen und mir verboten hat weiter aufzunehmen – eine Welt mit einem archaischen Weltbild.

Auch das hässlichste Auto der Welt wird hier getunt

Schließlich lerne ich Tarik kennen, den Besitzer eines Fiat Mulipla – ein Wagen, der fast offiziell als das hässlichste Auto der Welt bezeichnet wird. Warum fährt ein Tuner so ein Auto?

Tarik hat diesen Wagen gekauft, "einfach weil er hässlich ist, tatsächlich. War Spaß am Anfang, kein Auto gehabt zum Basteln. Irgendwann habe ich mich mit einem Kollegen zusammengesetzt, und dann dachten wir uns: Lass uns mal einen Multipla tunen. Tatsächlich losgezogen und einen gekauft und dann Stück für Stück losgegangen."

In den wirklich ziemlich hässlichen Wagen hat Tarik einen fünfstelligen Betrag investiert, mittlerweile hat er eine eigene Facebook-Seite.

"Da ist ein Luftfahrwerk drinnen, Sonderanfertigung von Carsport, gibt es so nicht nochmal, 18 Zoll Felgen, Lochkreis umgebaut von 4x98 auf 4x100 mit Verbreiterung, Umbau auf Stehbolzen, damit ich Lugnuzz fahren kann, die Kotflügel wurden verbreitert, die komplette Karosse wurde gecleant, vorher hatte er Zierleisten, die sind jetzt auch nicht mehr dran, der hat eine Klappenabgasanlage drin, gut dreieinhalb Zoll, haut 127 Dezibel, das ist schon krank."

"Schönheit kann jeder"

Bei Tarik zeigt sich, wie schwierig es ist, diese Szene über einen Kamm zu scheren. Mit illegalen Autorennen hat Tarik überhaupt nichts zu tun. Er hat mir dann am Ende unseres Gesprächs noch eine schöne Begründung gefunden, warum man überhaupt Autos tunet:

"Weil Schönheit jeder kann. Wenn ich mir einen BMW kaufe, der steht halt überall und das ist langweilig."

Online-Tipp: Auf Instagram finden sich zahlreiche Eindrücke von den Tuner-Treffen.

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