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Im Gespräch | Beitrag vom 17.08.2020

Beiersdorf-Aufsichtsrätin Manuela Rousseau"Ich sehe für Frauen große Möglichkeiten"

Moderation: Annette Riedel

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Porträt der Beiersdorf Aufsichtsrätin Manuela Rousseau. (Henriette Pogoda)
Männer haben Angst vor Machtverlust, Frauen scheuen sich, sie zu übernehmen, hat Manuela Rousseau festgestellt. (Henriette Pogoda)

Ein Werdegang voller Brüche. Mit 14 Jahren muss Manuela Rousseau die Schule verlassen, Mädchen bräuchten kein Abitur. Heute ist sie Aufsichtsrätin bei Beiersdorf, Professorin mit Schwerpunkt Fundraising. Und sie ermutigt Frauen: Traut euch!

Unter zehn Prozent der Vorstände deutscher Unternehmen sind Frauen, viel zu wenig meint Manuela Rousseau, die seit 1999 im Aufsichtsrat der Beiersdorf AG sitzt. Sie liebt das Networking: im Konzern, als Professorin an der Hamburger Hochschule für Musik und Theater oder als Ehrenamtliche, die sich für den Erhalt der Nikolaikirche einsetzt. Und als Autorin.

In ihrem Buch "Wir brauchen Frauen, die sich trauen" ermutigt sie Frauen, tradierte Muster zu bekämpfen. "Wenn eine Frau eine neue Position angeboten bekommt, ist sie oft zögerlich", meint sie, "und denkt: Oh, kann ich das, habe ich dafür alle Fähigkeiten? Während der Mann sagt: Super, eine Herausforderung, das pack ich schon."

Die größte Enttäuschung im Leben ihrer Mutter

"Eine typische Karrierefrau", sagen manche über die Frau, deren Lebensweg alles andere als gradlinig verlief. Rousseau wird 1955 in Neumünster geboren und wächst in einem Arbeiterhaushalt auf. Der Vater ist Lokführer, die Mutter Näherin. Mit 14 verlässt sie die Schule und macht eine kaufmännische Lehre. Sie wäre gern aufs Gymnasium gegangen, aber die Mutter hat nach ihrer Scheidung kein Geld für die Ausbildung.

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"Als ich geboren wurde, gab mir meine Mutter mein Leben lang mit, dass ich die größte Enttäuschung in ihrem Leben war, weil sie sich einen Jungen, einen Stammhalter gewünscht hat", erzählt Rousseau.

"Auf den musste sie dann noch drei Jahre warten, bis mein Bruder dann das Licht der Welt erblickte. Ab dem Tag an war ich immer im Wettbewerb. Dieser Junge war immer schneller, war immer besser und das Mädchen kann schlecht lesen, lernt auch nur so langsam und kann auch nicht rechnen. Also mir wurde nur vermittelt, was ich nicht kann - und insofern auch keine Option, eine höhere Schule zu besuchen."

Seit über 20 Jahren im Aufsichtsrat

Erst arbeitet Rousseau in einem Kaufhaus, dann macht sie sich selbständig und eröffnet mit Geschäftspartnern im Hamburger Umland drei Radio- und Fernsehgeschäfte. Es geht bergauf, bis einer der Partner plötzlich aussteigt und mit dem Geld verschwindet. Eine schmerzliche Niederlage für die junge Frau.

Sie beschließt, sich einen großen Arbeitgeber zu suchen, für die Altersvorsorge eine Eigentumswohnung zu kaufen und immer unabhängig zu sein. 1984 beginnt ihre steile Karriere bei Beiersdorf, seit 1999 sitzt sie dort im Aufsichtsrat.

Männer haben Angst vor Machtverlust, Frauen davor, sie zu übernehmen, stellt Rousseau immer wieder fest. Und, so die Aufsichtsratsvorsitzende, Männer denken sehr viel mehr in Potentialen, Frauen hingegen in Defiziten und leiden unter Selbstzweifeln.

Die drei traditionellen K sind abgelöst

Sie empfiehlt, sich Aufgaben zu suchen, die größer sind als man selbst. Die drei für Frauen traditionellen K – Kinder, Küche, Kirche – haben weitgehend ihre Gültigkeit verloren. Kommunikation, Konsens, Kooperation haben sie abgelöst.

"Wenn wir in die Zukunft denken, ist das eins der größten gesellschaftlichen Themen nach der Krise den ganzen Führungsstil zu verändern", sagt Rousseau. "Da sind die drei Kompetenzen so wichtig, weil von oben durchregieren, machtvoll mit Hierarchien, wird so nicht mehr funktionieren. Das merke ich an den Studierenden, die eindeutig sagen: Nein, Führungskraft, das will ich gar nicht sein, weil sie es mit dem alten Bild von Führung verbinden und nicht damit, kollektiv Lösungen zu finden, kollektiv in Einklang zu kommen. Da werden diese Fähigkeiten Kommunikation, Kooperationsbereitschaft und Konsensfähigkeit ganz wesentliche Faktoren sein. Deswegen sehe ich da für Frauen durchaus große Möglichkeiten für die Zukunft."

In ihrem eigenen Leben funktioniert es übrigens so: Ihr Mann hält ihr den Rücken frei. Einmal im Jahr fragt sich das kinderlose Paar, ob es das Zusammenleben um ein weiteres Jahr verlängern will. Das machen die beiden jetzt seit 28 Jahren, so Rousseau.

 (svs)

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