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Interview / Archiv | Beitrag vom 02.03.2013

Bei zu viel PC-Konsum "hilft eben auch nur nein sagen"

Kinderarzt warnt vor Mediensucht bei Kindern

Uwe Büsching im Gespräch mit Korbinian Frenzel

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"Niemals einen Fernseher in ein Schlafzimmer," sagt Jugendmediziner Uwe Büsching. (picture alliance / dpa / Patrick Pleul)
"Niemals einen Fernseher in ein Schlafzimmer," sagt Jugendmediziner Uwe Büsching. (picture alliance / dpa / Patrick Pleul)

Bei immer mehr Kindern und Jugendlichen seien Störungen durch den steigenden Konsum von Fernsehen, Internet und Computerspielen festzustellen, sagt Kinderarzt Uwe Büsching. Die Gesellschaft müsse einen vernünftigen Umgang mit den Neuen Medien finden.

Korbinian Frenzel: Mal offline sein, mal nicht den Versuchungen des Internets nachgeben, das ist eine Sache, die ziemlich en vogue ist, unter Erwachsenen zumindest – oder vielleicht müsste es richtiger heißen, unter Digital Immigrants. Und was da mitschwingt, ist ja immer irgendwie das Wissen darum, dass uns diese ständige Verbindung mit der Außenwelt am Ende doch ziemlich stresst. Wie muss das eigentlich sein für die, die gleich mit all den neuen Medien aufwachsen, für Kinder und Jugendliche? Schaden ihnen die neuen Medien? Das ist genau die Frage, mit der sich Kinderärzte aus ganz Deutschland in diesen Tagen unter anderem beschäftigen. Seit gestern findet der Kongress für Jugendmedizin in Weimar statt, und dort erreiche ich jetzt den Konferenzleiter, den Kinderarzt Doktor Uwe Büsching. Guten Morgen!

Uwe Büsching: Ja, guten Morgen, Herr Frenzel!

Frenzel: Kommen mit den neuen Medien auch neue Probleme und Störungen bei Kindern?

Büsching: Ja, ganz eindeutig.

Frenzel: Wie sehen die aus?

Büsching: Zunächst einmal, die große Masse, dass die Jugendlichen oder die Kinder und Jugendlichen deutlich weniger Zeit für andere Freizeitbeschäftigungen haben. Das bedeutet, nicht nur für die schönen Freizeitbeschäftigungen wie Sport oder wie Kunst oder wie Singen fehlt ihnen die Zeit, es fehlt ihnen auch mittlerweile die Zeit für die Schule. Das merken wir an den Zensuren bei den Schulabgängern in Korrelation zu dem, was uns Schulabgängerinnen und Schulabgänger sagen, wie viel sie mit Medien Zeit verbracht haben.

Frenzel: Das heißt, da sind keine kommunizierenden Röhren, also das, was zum Beispiel durchs Internet mehr geworden ist, dass es beim Fernseher weniger geworden ist.

Büsching: Nein, in der Summe wird es insgesamt mehr, es kommt eigentlich erst das Fernsehen, und dann kommt das Internet oder es kam das Internet, dann kamen noch die digitalen Spiele, sowohl Online als auch Offline, und letztendlich ist in den letzten Jahren eben das iPhone dazugekommen, dass man also permanent und überall im Internet sein kann.

Frenzel: Und wie problematisch ist das? Sie sagen, weniger Zeit, gut, das kann sich auf die Schulnoten auswirken. Gibt es schlimmere Schäden, die damit einhergehen?

Büsching: Das, was uns am meisten Sorgen macht, sind natürlich die mindestens zwei Prozent eines Jahrganges, die im Laufe ihres Lebens, ungefähr bis zum 25. Lebensjahr, internetabhängig werden oder eine Mediensucht haben, oder auch Spielsucht haben. Also das ist auch oft so, dass das ineinandergreift und das eine und das andere gemeinsam auftritt. Das heißt, wir müssen davon ausgehen, dass zwischen 16.000 und 20.000 Jugendliche eines Jahrganges im Laufe ihres Lebens zwischen 12 und 25 diesen neuen Medien wirklich im krankhaften Sinne anheimfallen und damit also sowohl im schulischen wie auch im beruflichen nicht mehr der Gesellschaft zur Verfügung stehen, und das ist eine Katastrophe.

Frenzel: Wie erkennt man das denn, ab wann ist jemand medienabhängig? Wie können das zum Beispiel auch Eltern erkennen?

Büsching: Indem diese Jugendlichen oder diese Schüler ihre anderen Lebensaufgaben vernachlässigen und mit einer Vehemenz das Internet oder das Spielen oder das Telefonieren in den Vordergrund schieben, sodass es also massivste Konflikte gibt. Und diese frühen Konflikte sollten Eltern nicht aufgeben und sagen, na ja gut, also jetzt mal wieder, sondern sie sollten sich rechtzeitig Rat suchen, vielleicht bei uns im Bereich der Kinder- und Jugendärzte, vielleicht im Bereich der Psychologen und Psychotherapeuten, zumindest auch mal Lehrer ansprechen, die häufig wissen, wo gibt es Hilfen und Unterstützung. Also es ist wie bei jeder anderen Sucht: Wenn Sie ein Kind haben, das mit 11 Jahren raucht, dann hilft nur eines, nein sagen. Und wenn Sie ein Kind haben, das zu viel am PC sitzt, dann hilft eben auch nur nein sagen.

Frenzel: Haben Sie denn da Empfehlungen für Eltern, so was wie keine Computerspiele vor vier Jahren oder höchstens zwei Stunden am Tag?

Büsching: Ja, die sind ziemlich drastisch: Die erste ist, keine bildgebenden Medien vor dem zweiten Geburtstag. Wenn Sie sich die Zahlen angucken, wie viele Kinder bereits mit zwei Jahren eine Fernbedienung bedienen können, wird Ihnen schlecht. Der zweite Punkt, niemals einen Fernseher in ein Schlafzimmer, das gilt übrigens auch für die Eltern. Und das Dritte ist sicherlich, dass man sehr, sehr intensiv darüber nachdenken muss, ob Kinder beziehungsweise jetzt die Jugendlichen ein internetfähiges Handy besitzen müssen. Das bezweifle ich.

Frenzel: Nun finde ich das immer wieder faszinierend, wenn ich Kinder sehe – auch sehr kleine Kinder –, wie spielerisch, wie schnell sie gerade mit Touchscreen-Geräten umgehen können, wo ich mich immer frage, ist es nicht auch Teil der Erziehung, der Medienerziehung, dass man sie heranführt, dass sie wissen, wie man damit umgeht?

Büsching: Ja, aber das sind alles Dinge, die wir jetzt – da kommen wir wieder zu dem Ausgangspunkt –, wo wir erst am Anfang sind. Wir wissen gar nicht genau, wie Medienverhalten in Familien ist. Sie haben das gerade unterschieden zwischen Digital Immigrants und Digital Natives, das heißt also, die, wo die Eltern – die sind ja zum Teil schon wieder Natives, weil unsere jungen Eltern stammen ja aus dem Jahre 1985, 1995, und die sind ja zum Teil mit den Medien schon direkt groß geworden. Und trotzdem wissen wir viel zu wenig über das, was passiert eigentlich, mit Medien im Haushalt, und was wird auf die Kinder übertragen. Also ein Beispiel: Wir wissen nicht genau, wie hoch der Anteil von stillenden Müttern ist, die während des Stillens auch noch die aufgezeichneten Soaps von gestern sich angucken.

Frenzel: Ist das denn schädlich beim Stillen?

Büsching: Ganz sicher.

Frenzel: Ja?

Büsching: Ja, weil das einfach die Entwicklung einer normalen Bindung zwischen Mutter und Kind stört, wenn Mutter viel mehr Interesse an dem laufenden Film als an dem Kind hat.

Frenzel: Lassen Sie uns zum Schluss vielleicht noch auf positive Aspekte kommen. Ich könnte mir vorstellen, Fernsehen, das ja das bestimmende Medium vorher war, ist bisher nicht besonders aktiv, das ist etwas, was man auf sich niederprasseln lässt. Beim Internet gibt es ja immerhin eine Interaktion, gibt es da auch positive Effekte, die Sie sehen?

Büsching: Es gibt ein paar positive Effekte: Die Kommunikation ist ganz gut, man kann damit sich schneller mal zusammentelefonieren, wie wir immer sagen. Aber letztendlich muss man ganz klar sagen, auf der einen Seite, wir alle brauchen Internet, und auf der anderen Seite, wir alle brauchen nicht so viel davon, dass wir davon süchtig werden. Und das heißt, das hat ein bisschen was damit zu tun wie mit der Esssucht, es kann niemand mehr sagen, ich soll aufhören zu essen, aber auf der anderen Seite muss ich natürlich aufpassen, dass ich das in Maßen tue. Und genau darum geht es in der nächsten Zeit, dass wir den Weg in dieser Gesellschaft finden, wie viele Medien kann sein, ist vernünftig, ist auch positiv zu besetzen, aber ab wann wird es eigentlich für die Entwicklung eines Kindes, eines Jugendlichen gefährlich.

Frenzel: An diesem Wochenende tagen Kinderärzte aus ganz Deutschland in Weimar beim 19. Kongress für Jugendmedizin. Leiter der Konferenz ist der Bielefelder Mediziner Uwe Büsching. Herr Doktor Büsching, ich danke Ihnen für das Gespräch!

Büsching: Ich danke auch!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.


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