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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 14.06.2013

Bei der Erstbesteigung dabei

George Lowe: "Briefe vom Everest - Tagebuch der Erstbesteigung 1953", Herbig Verlag, München 2013, 208 Seiten

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Der Mount Everest im Himalaya in Nepal; Höhe: 8848 Meter (AP Archiv)
Der Mount Everest im Himalaya in Nepal; Höhe: 8848 Meter (AP Archiv)

Am 29. Mai 1953 standen Edmund Hillary und Tenzing Norgay als erste Menschen ganz oben auf dem höchsten Berg der Welt. "Well, we knocked the bastard off", sagte Hillary nach dem Gipfelsturm des Mount Everest zu seinem Freund George Lowe, der ihn auf etwa 8000 Meter erwartete. Der Neuseeländer Lowe war Teil des Everest-Teams. Er schleppte Lasten, sicherte Wege, filmte und fotografierte. Und er schrieb Briefe – eindringliche Zeugnisse von der Eroberung des höchsten Gipfels.

Es ist ein Glücksfall, dass der britische Historiker Huw Lewis-Jones diese Briefe in Lowes Haus fand und nun erstmals herausgeben konnte. Denn sie geben einen unglaublich lebendigen Einblick in den Alltag der Expedition, auch, weil sie eigentlich nie zur Veröffentlichung bestimmt waren. Lowe schrieb die Briefe an seine Schwester. Diese kopierte sie dann per Hand oder per Maschine für Freunde und Verwandte – und Lowe machte sich im fernen Himalaja Gedanken über die Portokosten.

George Lowe erzählt farbig von der mühsamen Anreise durch Indien nach Nepal, wie er unterwegs an Amöbenruhr erkrankt, den Fußmarsch von Kathmandu zum Everest, die Magnolienblüte bei Namche am Fuß des Gipfels, den Alltag im Camp, wo sie ihre Ausrüstung und verschiedene Systeme künstlichen Sauerstoffes testen und glücklich über die funktionierenden Funkgeräte sind. Und er bittet seine Schwester, ihm schnell noch drei Wollhemden nach Kathmandu zu senden.

Schritt für Schritt tastet sich die Expedition voran. Das Basislager wird auf 5364 Metern Höhe angelegt, dann folgen acht weitere. Das höchste, Lager neun, entsteht schließlich auf 8504 Metern. Die Bergsteiger und Sherpas schlagen Tritte und Stufen in Eisfälle, sichern Übergänge mit Leitern, verlegen feste Seile und bringen nach und nach ihre Vorräte nach oben.

Sie pendeln zwischen den Lagern, warten in Zelten, weil es ununterbrochen schneit. Lowe schreibt in klarer, packender Sprache und berichtet am 8. Mai aus dem Lager 3, auf 6157 Metern Höhe, dass er das Tintenfass auf dem Kocher auftauen musste, damit er seinen Füller nachfüllen könne. Es habe nicht gereicht, es im Stiefel aufzubewahren, die Temperaturen sänken nachts auf 34 Grad unter Null.

Immer neue Probleme tauchen auf – Routen ändern sich, das Eis reißt auf, überhängende gefrorene Wasserfälle brechen. Auf jeder Seite spürt man die Spannung der Gipfelstürmer, ihre Ängste und ihre Begeisterung. Schließlich startet am 22. Mai das erste Gipfelteam ab Lager acht, aus einer Höhe von knapp 8000 Metern. Es sind Tom Bourdillon und Charles Evans, und Lowe erzählt, wie die anderen Bergsteiger sie aus dem Lager beobachten. Während Edmund Hillary begeistert ist, wirkt Tenzing Norgay eher neidisch - die Kameradschaft bekommt Risse, drei Wochen zuvor hatte Lowe ihn noch als idealen Weggefährten charakterisiert.

Am Ende müssen Bourdillon und Evans umkehren, Hillary und Tenzing bezwingen dann eine Woche später den Gipfel – und Lowe ist neidfrei glücklich. Ein tolles Buch, schade nur, dass der Verlag den Briefen keine vernünftige Karte der Aufstiegsroute beigefügt hat.

Besprochen von Günther Wessel

George Lowe: Briefe vom Everest - Tagebuch der Erstbesteigung 1953 Herausgegeben von Huw Lewis-Jones, mit einem Vorwort von Jan Morris, mit einem Nachwort von Peter Hillary
Aus dem Englischen von Ursula Bischoff
Herbig Verlag, München 2013
208 Seiten, 32 historische Fotos, 17,99 Euro

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