Seit 13:05 Uhr Länderreport
Mittwoch, 28.07.2021
 
Seit 13:05 Uhr Länderreport

Im Gespräch | Beitrag vom 21.06.2021

Behindertenpädagogin Swantje KöbsellEin Leben für die Selbstbestimmung

Moderation: Katrin Heise

Porträt von Swantje Köbsell. (privat)
Swantje Köbsell ist studierte Behindertenpädagogin, engagierte sich in einer sogenannte Krüppelgruppe und gehört zu den ersten Professorinnen für Disability Studies. (privat)

Seit 40 Jahren kämpft Swantje Köbsell für das Selbstbestimmungsrecht von Menschen mit Behinderung. Dafür kettete sie sich sogar mit ihrem Rollstuhl ans Haus der Bremer Bürgerschaft. Heute ist sie eine der ersten Professorinnen für Disability Studies.

Für Swantje Köbsell war das Leben nach ihrem Unfall ein völlig anderes. Auch das Verhalten und die Blicke vieler Menschen veränderten sich.

"Vorher war ich einfach eine junge Frau, die von manchen attraktiv gefunden wurde, von anderen nicht. Jetzt war ich eine Rollstuhlfahrerin und wurde überwiegend mit Mitleid überschüttet."

Und genau das lehnte Swantje Köbsell ab. Sie wollte trotz des Rollstuhls ein selbstbestimmtes Leben führen und nicht als Mensch wahrgenommen werden, der ausschließlich hilfebedürftig ist. Aber diese Assoziation entsprach Anfang der 1980er-Jahre dem Zeitgeist.

"Krüppelfrauengruppe" als Provokation

Es war also kein Zufall, dass die damalige Studentin mit anderen die "Krüppelfrauengruppe" in Bremen gründete. Für viele Ohren klang das nach Provokation und das sollte auch so sein, erinnert sich Swantje Köbsell.

"Es ging darum, der nicht behinderten Mehrheitsgesellschaft den Spiegel vorzuhalten, zu sagen: ‚Ihr redet immer von Integration nach dem Motto: Behinderte sind ja auch Menschen‘. Aber in Wirklichkeit werden wir so stark ausgegrenzt und aus der Gesellschaft herausgehalten, dass uns dieser Begriff ‚behindert‘ viel zu zahm ist. Und es ging natürlich auch um die positive Aneignung eines negativen Begriffes."

"Sie wollen doch keine Kinder kriegen"

Sogenannte Krüppelgruppen gab es bereits in den 1970er-Jahren, aber keine nur für Frauen. Grundsätzlich waren die Vereinigungen politisch aktiv, setzten sich für die Rechte von Menschen mit Behinderung ein. Einige Fragen, so Swantje Köbsell, spielten in gemischten Gruppen jedoch keine Rolle, dabei waren diese für sie und andere Frauen absolut relevant.

"Und das waren vor allem Themen, die mit dem Thema Körper zu tun hatten, auch viel mit dem Thema Reproduktion. Da spielte immer hinein, dass wir behinderte Frauen oft gar nicht als Frauen angesehen wurden. Wenn wir zum Frauenarzt gingen, dann wurde ganz klar gesagt: ‚Sie wollen doch sowieso keine Kinder kriegen‘."

Auch Themen wie Reha und das zukünftige Berufsleben spielte in den Frauengruppen eine wichtige Rolle, erinnert sich die heutige Behindertenpädagogin.

"Es gab damals eine ganz stark unterschiedliche Lage im Hinblick auf Ausbildung und Erwerbstätigkeit. Das System der beruflichen Reha in Deutschland ist sehr stark, immer noch, aber nicht mehr so stark wie damals, an einer männlichen Erwerbsbiografie ausgerichtet. So hatten Frauen entsprechend geringere Chancen, eine Ausbildung zu bekommen, um später ein auskömmliches Einkommen zu haben."

Angekettet an der Bremer Bürgerschaft

1981 sorgte die Studentin für großes Aufsehen. Zusammen mit anderen trat Swantje Köbsell in einen Hungerstreik. Dazu hatte sie sich mit ihrem Rollstuhl an Haus der Bremischen Bürgerschaft festgekettet.

Der Senat wollte, ausgerechnet im "UNO-Jahr der Behinderten", den "Behindertenfahrdienst" einschränken. Die Protestaktion lieferte keine guten Bilder.

"Das hat tatsächlich zum Ziel geführt. In der zweiten Nacht hat uns der damalige Sozialsenator Henning Scherf dann mitgeteilt, dass wir den Hungerstreik abbrechen könnten, weil man den Beschluss zurücknehmen wolle."

Politisiert, so erinnert sich die Wissenschaftlerin, wurde sie durch ihren Unfall im Alter von 20. Über Details möchte Swantje Köbsell in diesem Zusammenhang nicht sprechen, nur so viel verraten: Der Unfall passierte während eines Praktikums in einer Tagesstätte für mehrfach behinderte Kinder und Jugendliche.

Swantje Köbsell wollte Beschäftigungstherapeutin werden. Ein Jahr verbrachte sie danach im Krankenhaus und bekam Aussagen zu hören wie: "Beschäftigungstherapeutin, das kann ich mir abschminken, weil ich ja jetzt eine Person sei, die Therapie brauche und deswegen nicht selbst therapeutisch werden könne."

Pragmatische Sicht auf das Leben im Rollstuhl

Nach dem Krankenhaus kehrte Swantje Köbsell wieder in die Tagesstätte zurück. "Da konnte ich dann tatsächlich nach dem Unfall nahtlos wieder einsteigen. Da war natürlich alles barrierefrei," erzählt die Behindertenpädagogin mit einem Lachen.

Swantje Köbsell, das hört man immer wieder heraus, versucht, auf ihr heutiges Leben eine pragmatische Sicht einzunehmen. 1986 beendete sie ihr Studium, ab 1992 erhielt sie mehrere Lehraufträge an der Universität Bremen.

2010 promovierte Swantje Köbsell. In ihrer Forschung beschäftigt sie sich bis heute vor allem mit den Themen Behinderung und weibliches Geschlecht, auch die Bedeutung von Eugenik und Bioethik für behinderte Menschen ist ein Schwerpunkt von Köbsells Arbeit.

Erste Professur für Disability Studies

Seit 2014 hat die 63-Jährige die erste Professur für Disability Studies an der Alice Salomon Hochschule in Berlin.

"Hier geht es um die Erforschung von Behinderung aus Perspektive behinderter Menschen. Früher waren Mitleid und Wohlfahrt die dominanten Themen. Dann haben die politischen Behindertenbewegungen ein Modell von Behinderung entwickelt, wo man sagt: Menschen leben mit Beeinträchtigung, aber das muss nicht zwangsläufig dazu führen, dass sie ein Leben am Rande oder außerhalb der Gesellschaft führen".

Wenn Swantje Köbsell heute ein Resümee ihre Arbeit in der Behindertenbewegung ziehen soll, dann kann sie auch viele positive Dinge erkennen, wie etwa die Barrierefreiheit.

"Und wir haben, vor allem auch ausgelöst durch die UN-Behindertenrechtskonvention, einige Gesetze, die einen modernen Bildungsbegriff drin haben, die zumindest nach dem Wording versuchen, die Selbstbestimmung behinderter Menschen stärker zu fördern. Auf der anderen Seite ist es aber so, dass dieses Denken in Klischees sich so unglaublich hartnäckig hält."

(ful)

Mehr zum Thema

Aktivistin Sigrid Arnade - Eine Triage von Menschen mit Behinderung darf es nicht geben
(Deutschlandfunk Kultur, Tacheles, 18.04.2020)

Rapper und Sozialarbeiter Fidi Baum - Der Inkluencer
(Deutschlandfunk Kultur, Im Gespräch, 18.12.2020)

Raul Krauthausen auf TikTok - "Mein Rollstuhl bedeutet mir Freiheit"
(Deutschlandfunk Kultur, Länderreport, 18.05.2021)

App: Dlf Audiothek

Die neue Dlf Audiothek App ist ab sofort in den Appstores von Apple und Google zum kostenlosen Download erhältlich (Deutschlandradio)

Entdecken Sie mit der Dlf Audiothek die Vielfalt unserer drei Programme, abonnieren Sie Ihre Lieblingssendungen, wählen Sie aus Themenkanälen und machen daraus Ihr eigenes Radioprogramm.


Jetzt kostenlos herunterladen

Im Gespräch

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur