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Thema / Archiv | Beitrag vom 16.04.2014

Behandlungsfehler"Man gerät in einen gesellschaftlichen Tabubereich"

Ein Opfer ärztlicher Kunstfehler kämpft seit 15 Jahren um sein Recht

Moderation: Katrin Heise

Eine Ärztin läuf allein einen Flur einer Krankenstation in einem Berliner Krankenhaus entlang.  (dpa / picture alliance / Hans Wiedl)
Ärztin auf Flur in einem Krankenhaus - Ärzte sind gesetzlich kaum belangbar (dpa / picture alliance / Hans Wiedl)

Als gesunde Frau lässt sich eine Journalistin wegen einer geschwollenen Vene operieren. Der Arzt macht Fehler. Die Frau wird zum Pflegefall. Zur Rechenschaft wird der Mediziner nicht gezogen. Unter dem Pseudonym Johanna Darka hat die Journalistin ihre Leidensgeschichte in einem Buch dokumentiert.

Katrin Heise: Und da spreche ich jetzt mit Johanna Darka. Sie ist Journalistin, früher war sie als Dokumentarfilmerin unterwegs, inzwischen hat sie unter ihrem Namen, der ein Pseudonym ist, ein Buch über ihre Leidensgeschichte geschrieben, eine Leidensgeschichte als Opfer eines ärztlichen Behandlungsfehlers. Ich grüße Sie, Frau Darka!

Johanna Darka: Guten Morgen, Frau Heise.

Heise: Ich erzähle Ihre Geschichte mal zusammenfassend, weil sie doch sehr, sehr umfassend ist. Vor 15 Jahren, im Sommer, nach einer sehr langen Autofahrt, haben Sie eine bläulich verfärbte Schwellung an Ihrem After festgestellt. Es handelte sich um eine Anal-Thrombose. Das ist so ein Blutgerinnsel, das an dieser Stelle übrigens gar nicht so selten auftritt. Diese Anal-Thrombose tut ziemlich weh, sie bildet sich aber durchaus von selbst zurück, und das empfahl Ihnen damals auch ein Spezialist, darauf zu warten. Die Schmerzen wurden aber größer. Der Thrombus kann auch entfernt werden, und genau das hat dann ein Hausarzt getan bei Ihnen. Es kam danach zu starken Blutungen, zu einer Nachfolgebehandlung durch einen anderen Arzt. Dabei wurden Sie dann vielfach innerlich schwer verletzt. Die Gefahr der Inkontinenz bestand. Ich kürze Ihren mehrjährigen Leidensweg ab: Diverse Operationen folgten, Vernarbungen, von den Schmerzen gar nicht zu sprechen. Sie sind inzwischen Frührentnerin, und das wegen so einer Kleinigkeit, denkt man. Gab es einen Moment, Frau Darka, wo Ihnen das ganze Ausmaß klar wurde?

Darka: Ja, das gab es natürlich. Das war relativ schnell klar, weil ich diese enorme Verletzung einfach sehen konnte, auch äußerlich, und ja auch spürte und mehrere große Notoperationen haben musste, und ich kam ja gar nicht wieder auf die Füße. Ich konnte zehn Schritte mich bewegen und dann merkte man schon, das sind bleibende Sachen. Das ist nicht innerhalb kürzester Zeit überwunden.

Heise: Wie war bis zu dem Zeitpunkt Ihr Verhältnis zu Ärzten? Waren Sie vertrauensvoll, oder waren Sie eher skeptisch, eine skeptische Patientin, misstrauisch?

Darka: Ja ich war, möchte ich sagen, eine sehr informierte Patientin. Ich interessiere mich für medizinische Fragen. Ich habe ja auch Philosophie studiert, ich habe Sprachen studiert, ich verstehe medizinische Fachausdrücke, ich kann mich einlesen. Aber ich war jetzt keine Gegnerin von Ärzten. Das bin ich auch heute noch nicht. Das sollte man auch nicht sein. Aber wir brauchen eine neue Kultur, mit den Behandlungsfehlern umzugehen.

Heise: Wie haben denn in Ihrem Fall die verursachenden Ärzte reagiert, wie die nachfolgenden Ärzte?

Darka: Ja. Die verursachenden Ärzte, denen ist ja sozusagen der Mund verschlossen und sind die Hände gebunden von ihren Haftpflichtversicherungen. Sie dürfen gar nicht Stellung nehmen dazu, denn dann riskieren sie Ärger mit ihrer Berufshaftpflicht. Die nachfolgenden Ärzte tun sich natürlich schon schwer und ich Muss sagen, Ärzte sind sehr schreckhaft, wenn sie das Wort Rechtsanwalt zum Beispiel hören. Aber ich bin dann doch auch gut behandelt worden und habe insofern da nicht so das Problem.

"Das ist einfach so niederschmetternd"

Heise: Sie kämpfen seitdem, also seit 15 Jahren, vor Gericht. Ihnen wurde auch Recht gegeben. Aber die Ärzte gingen natürlich in Berufung, was in Ordnung ist.

Darka: Richtig!

Heise: Dadurch zog sich die Sache aber immer wieder hin, es kam immer wieder zu neuen Verhandlungen. Wie steht man das durch?

Darka: Das kann man eigentlich gar nicht durchstehen. Das kann man nicht durchstehen. Das sind noch einmal und vielleicht sind es sogar die schwersten Verletzungen, die man in so einer Geschichte erfährt, weil die Psyche noch viel mehr weh tut, aber da kann man natürlich keine Abstufung vornehmen. Das ist einfach so niederschmetternd, was einem an Gegenargumenten oder abstrusen Dingen da zugemutet wird. Man wird als Patientin, der ein Behandlungsfehler passiert wurde, von vornherein in eine Art Unrechtsposition gebracht.

Heise: ..., weil die einfach nicht sein darf?

Darka: Es darf nicht sein, was nicht sein kann. Man gerät in einen gesellschaftlichen Tabubereich. Man wird angeguckt, als ob man etwas erfahren hat auf einem anderen Stern. Das verunsichert die Menschen und das macht große Angst. Niemand möchte so etwas erleben und deshalb ist mein Fall auch insofern von Interesse, weil es jedem jederzeit sofort passieren kann.

Heise: Das wollte ich fragen. Sie bekamen inzwischen Schmerzensgeld, zehn Jahre nach der einen Fehloperation. Verdienstausfall wurde Ihnen, soweit ich weiß, bisher verweigert.

Darka: Richtig.

Heise: Es führt jetzt zu weit, diese Einzelheiten aufzuzählen. Aber was Sie gerade angedeutet haben: Das was Sie erleben und erlebt haben, ist typisch für den Verlauf eines Behandlungsfehlers?

Darka: Ist absolut typisch. Es zieht sich hin, es dauert und Sie sind dann sehr abhängig von dem jeweiligen Rechtsanwalt oder der Kanzlei. Es ist ganz wichtig, darauf zu achten, dass man einen sehr kompetenten Medizinrechtler dort beauftragt. Aber auch das schützt nicht davor, dass auch rechtsanwaltlich Fehler gemacht werden, wie in meinem Fall auch passiert, und so habe ich vor dem Landgericht und vor dem Oberlandesgericht gewonnen, aber das hat im Prinzip nur ganz wenig gebracht. Auch das Schmerzensgeld, was ich bekommen habe, das kann man fast gar nicht benennen.

"Ich hatte Notoperationen, ich lag im Bett"

Heise: Na gut, das wird wahrscheinlich jedem in Ihrer Situation so gehen, dass man das so empfindet.

Darka: Nein! Ich kann mal eine Zahl nennen, dann wird man das begreifen. Der Chirurg, der wirklich sehr viel zerstört hat, hat mir ein Geld von 6700 Euro zahlen müssen, und da, glaube ich, ist es nicht Geschmacksache, weil mir hat auch schon mal jemand geschrieben, das reicht ja nie, immer wenn man geschädigt ist, dann hat man das Gefühl, das ist zu wenig. Ich glaube, bei dieser Summe kann es jeder verstehen. Ich habe wesentlich höhere Unkosten für anschließende Heilbehandlungen aufbringen müssen und so weiter, was meine Krankenkasse nicht übernommen hat, was aber dann das einzige war, was mir überhaupt auf die Füße half.

Heise: Also lassen wir die Summe einfach mal stehen, sie wirkt für sich. - Über einen ärztlichen Behandlungsfehler und seine Folgen spreche ich hier im "Radiofeuilleton" mit Johanna Darka. - Dass Ärzte Fehler machen, so schrecklich das im Einzelfall ist, das kommt vor. Sie haben gesagt, auf was ein Betroffener achten Muss, ist vernünftige rechtsanwaltliche Begleitung. Aber überhaupt Muss er ja den Mut haben, das überhaupt anzuklagen.

Darka: Ja, da geht das Problem ja schon los. Sie müssen im Prinzip einen Rechtsschutz haben. Sonst können Sie dieses hohe finanzielle Risiko, vor Gericht zu gehen, gar nicht tragen. Wenn Sie das nicht haben, sind Sie sowieso schon in einer sehr schlechten Position. Wenn Sie es haben, Sie können ja auch den Rechtsanwalt nicht kontrollieren. Bei mir sind schwere rechtsanwaltliche Fehler passiert, Fristen sind versäumt worden, und parallel dazu war ich unendlich krank. Ich hatte Notoperationen, ich lag im Bett. Wie soll ich mir ein Bild davon machen, ob mein Rechtsanwalt richtig arbeitet.

"Die Ärzte waren im Unrecht"

Heise: Die größte Schwierigkeit scheint mir ja zu sein, wenn ich mich in den Fall versucht habe einzulesen, dass es nachzuweisen ist, dass der Fehler für den Gesundheitszustand verantwortlich ist. Im vergangenen Jahr, 2013, hat sich das Patientenrechtegesetz geändert. Bei groben Behandlungsfehlern, heißt es jetzt, muss inzwischen der Arzt beziehungsweise der Behandelnde beweisen, dass der nachgewiesene Fehler nicht den Schaden verursacht hat. Das ist also eine Umkehrung. Sie mussten beweisen, dass alles, was Sie erleiden, aus diesem Fehler herausgekommen ist. Hätte diese Änderung Ihnen eigentlich geholfen?

Darka: Nach all meinen Erfahrungen, glaube ich, nicht, weil ich so sehr erlebt habe, vor Mauern zu geraten. Die beiden Ärzte, die mich operiert haben, hatten nicht einmal meine Unterschrift, und auch nicht einmal das hat irgendetwas dazu beigetragen zu sagen, die Ärzte waren im Unrecht.

Heise: Das ist die Grundvoraussetzung, wenn man sich operieren lässt, dass man als mündiger Mensch unterschrieben hat, oder jemand für einen unterschrieben hat.

Darka: Genau.

Heise: Und das wurde Ihnen gar nicht abverlangt?

Darka: Das wurde mir nicht abverlangt. Es wurde mir ja gar nicht eine Operation präsentiert.

Heise: Das heißt, tatsächliche Fehler, die an und für sich auch nach dem alten Gesetz Fehler gewesen sind, haben Sie das Gefühl, sind da gar nicht zu Buche geschlagen?

Darka: Richtig.

"Das ist wirklich zum Verzweifeln, was ihnen passiert"

Heise: Heute Nachmittag übrigens im "Radiofeuilleton" wird eine Fachanwältin über Verfahren nach Behandlungsfehlern Auskunft geben, also auch solche rechtliche Fragen klären können. Sie haben ein Buch geschrieben, "Die Wunde in mir". Sie haben es auf Ratschlag Ihrer Anwältin geschrieben, um sich für die Verhandlungen, die noch folgen sollten, an Fakten genau erinnern zu können. Aber es war wahrscheinlich so eine Art Therapie für Sie?

Darka: Das wurde es dann. Ich habe am Anfang gesagt, das kann ich nicht schreiben. Ich musste nur weinen, wenn ich mich an meinen Schreibtisch gesetzt habe. Dann habe ich aber zehn Seiten geschrieben, sie hat es gelesen und hat mir gesagt, das müssen Sie unbedingt weiterschreiben.

Heise: Bekommen Sie schon Reaktionen von anderen Menschen, die jetzt darin lesen und Ähnliches erleben?

Darka: Ja. Ich bekomme sehr, sehr viele Reaktionen übers Internet, dass mir Menschen schreiben, die selbst betroffen sind, und wir haben enorm viele. Wir haben zig Tausend Betroffene pro Jahr, die ebenso schlimme Geschichten erleben, wie es meine ist. Da sind Beine verloren gegangen und so weiter und so weiter bei jungen Menschen. Das ist wirklich zum Verzweifeln, was ihnen passiert, und sie laufen gegen die Wand, denn auch sie müssen in der Regel ihren Fehler ja nachweisen. Und es geht ja schon damit los. Wenn man in Narkose operiert wird, war man ja sozusagen nicht bei Bewusstsein. Wie wollen Sie denn nachweisen, was der Arzt in der Narkose gemacht hat?

Heise: Letztendlich müsste das ein anderer Arzt nachweisen. Aber jetzt kommen wir in die Untiefen des Falles, Frau Darka. Vielen Dank, dass Sie uns Ihre Geschichte geschildert haben.

Darka: Ja, gerne!

Heise: Johanna Darka ist ein Opfer eines ärztlichen Behandlungsfehlers geworden. Ihr Kampf um Ihr Recht zieht sich seit 15 Jahren hin und den schildert sie in Ihrem Buch "Die Wunde in mir". Es ist im Internet bestellbar auf ihrer Seite www.johannadarka.com. - Heute Nachmittag im "Radiofeuilleton", da gehen wir auf die Patientenrechte und was sich da verändert hat ein, und zwar mit Britta Konradt, eine Fachanwältin, die sich für Patienten einsetzt und ehemalige Ärztin ist.

 

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

 

Johanna Darka: Die Wunde in mir.
Misshandlung auf Krankenschein: Ein Bericht

Books on Demand Verlag, Hamburg 2013
404 Seiten, 24, 80 Euro

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