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Interview / Archiv | Beitrag vom 22.06.2018

Behandlung psychisch auffälliger KinderSteigender Leistungsdruck macht Kinder krank

Thomas Fischbach im Gespräch mit Nicole Dittmer

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Ein Mädchen sitzt traurig auf Steinstufen, den Kopf auf den Tornister gelehnt. (imago/Westend61)
Ein Mädchen sitzt traurig auf Steinstufen, den Kopf auf den Tornister gelehnt. (imago/Westend61)

Die Zahl psychisch auffälliger Kinder ist zwar stabil, doch entscheiden sich Eltern heute schneller für ärztlichen Beistand. Viele Kinderärzte berichten daher von Überlastung. Viele Probleme lassen sich schon durch mehr Zuwendung lösen.

Kinderärzte warnen: Für die Behandlung psychosomatischer Erkrankungen bei Kindern gebe es oft zu wenig Zeit. Die Symptome bei den Kindern reichen dabei von Kopf- und Bauchschmerzen über depressive Störungen bis hin zu selbstschädigendem Verhalten wie etwa das Ritzen in die eigene Haut. Die Zahl der Patienten steige und damit auch die Auslastung der Kinderpraxen. Daher komme die Behandlung im einzelnen oft zu kurz, sagte der Präsident des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ), Thomas Fischbach, am Freitag zu Beginn des 48. Kinder- und Jugendärztetages in Berlin. 

Etwa 20 Prozent betroffen

Im Deutschlandfunk Kultur präzisiert Fischbach diese Angaben: Etwa 20 Prozent aller Kinder und Jugendlichen seien von psychischen und psychomatischen Störungen betroffen. Die Zahl der Erkrankungen habe jedoch nicht zugenommen, sagt Fischbach, "sie ist allerdings auf hohem Niveau." Dass in den Praxen der Ärzte ein gegenteiliger Eindruck entsteht, könne laut Fischbach daran liegen, dass "die Hilfesysteme an anderer Stelle nicht mehr so funktionieren und Eltern sehr viel schneller mit Kindern, die irgendwelche Auffälligkeiten haben, bei uns vorstellig werden."

Nicht alle dieser Kinder seien aber tatsächlich "behandlungsbedürftig im engeren Sinne. Viele brauchen ein offenes Ohr, die Möglichkeit zum Gespräch oder unterstützendes Verhalten, zum Beispiel auch im Elternhaus." Dass die Kinder diese Unterstützung nicht immer finden, liege etwa an der Arbeitsbelastung der Eltern oder dass Kinder nur bei einem Elternteil aufwachsen. "Auch Kindergärten und Schulen raten heute schneller dazu, mit auffälligen Kindern zum Arzt zu gehen."

Achtsamkeit der Eltern ist gefragt

Den Eltern rät Fischbach, "ein Ohr an ihrem Kind" zu haben und auf die Lebensumstände des Kindes zu achten, etwa ob das Kind in der Schule gemobbt wird oder Leistungsüberforderungen ausgesetzt ist. "Wenn die Eltern achtsam sind, kann man sicher den einen oder anderen Arztbesuch vermeiden und andere Hilfesysteme in Anspruch nehmen."

Dass die Ursachen für psychische Auffälligkeiten in ihrem sozialen Umfeld liegen, steht für Fischbach fest: "Die Lebensbedingungen, unter denen Kinder und Jugendliche aufwachsen, haben sich in den letzten Jahrzehnten dramatisch auch nicht nur zum Guten verändert. Stichwort: Medien-Überkonsum. Stichwort: Immer stärkere Leistungsansprüche. Dann eben: Fehlende Rückzugsräume, wenn zum Beispiel die Familie nicht funktioniert. Nicht immer ist die Oma oder der Opa da, wo man sich vielleicht auch mal ein bisschen ausweinen kann."

(thg)

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