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Thema / Archiv | Beitrag vom 20.12.2012

Begründer "mehrerer akademischer Disziplinen"

Grimm-Forscher über die historische Bedeutung der berühmten Märchen-Brüder

Heinz Rölleke im Gespräch mit Joachim Scholl

Eine Wortinstallation im sanierten Brüder- Grimm-Museum in Kassel  (picture alliance / dpa /Uwe Zucchi)
Eine Wortinstallation im sanierten Brüder- Grimm-Museum in Kassel (picture alliance / dpa /Uwe Zucchi)

Jacob und Wilhelm Grimm haben den Grundstein für die Germanistik und die wissenschaftliche Volkskunde gelegt, erläutert der Philologe Heinz Rölleke: Beim Jurastudium in Marburg hatten sie von ihrem Lehrer Savigny das nötige historische Denken gelernt.

Joachim Scholl: Wir begrüßen jetzt einem Gast, der als der international bedeutendste Grimm- und Märchenforscher gilt, Professor Heinz Rölleke. An der Bergischen Universität Wuppertal hat er deutsche Philologie einschließlich Volkskunde gelehrt, über 70 Buchpublikationen zum Thema veröffentlicht, inzwischen ist er emeritiert, reist aber nach wie vor durch die Welt von Grimm-Kongress zu Grimm-Kongress – so ein Mann darf bei unserem Grimm-Tag im "Radiofeuilleton" natürlich nicht fehlen, jetzt ist er uns aus einem Studio in Düsseldorf zugeschaltet. Guten Tag, Herr Rölleke!

Heinz Rölleke: Guten Tag, Herr Scholl!

Scholl: Mit Ihnen wollen wir auf die Brüder Grimm mal jenseits des Märchenonkeltums schauen, Herr Rölleke, auf das Leben des Brüderpaars wie auch auf die wissenschaftliche Bedeutung, denn Jacob und Wilhelm Grimm haben den Deutschen nicht nur ihr Volks- und Hausbuch geschenkt, sondern ja auch eine akademische Disziplin begründet, die es so bis zu ihrer Zeit gar nicht gab: die Germanistik nämlich. Wie ging das zu?

Rölleke: Ja, es sind eigentlich mehrere akademische Disziplinen, auch die wissenschaftliche Volkskunde geht letztlich auf die Brüder Grimm zurück. Aber Sie haben das wichtigste Feld betont, die Germanistik natürlich, die es vorher so nicht gab. Die Germanistik war eine Unterabteilung der Juristen, das blieb bis 1860 etwa so, also es gab keine Germanistentage, sondern nur Juristentage, und da war eine kleine Sparte Germanistik. Aus diesem Getto haben die Grimms diese Wissenschaft herausgeführt.

Scholl: Wie kamen sie denn eigentlich selbst zur Philologie? Von Haus aus waren die Grimms nämlich beide Juristen, und sie sind sozusagen ja in diesem staubigen Winkel der alten Handschriften, den es eben auch in den juristischen Fakultäten gab, dort haben sie sich am liebsten aufgehalten.

Rölleke: So ist es, sie haben also das historische Denken und damit auch die philologische Präsentation alter historischer Zeugnisse und Dokumente bei ihrem Lehrer von Savigny gelernt, der lehrte damals als junger Dozent in Marburg, und der war bahnbrechend für die ganze Entwicklung der juristischen Wissenschaft, denn er hat als erster wie gesagt die Dinge historisch gesehen und nicht so absolut als von Gott gesetzt, die Gebote und Verbote, sondern er hat sie hergeleitet aus dem Mittelalter, aus der Antike zum Teil. Und da, bei diesen Arbeiten, haben die Brüder Grimm auch so nebenbei, kann man sagen, Philologie gelernt.

Scholl: Wie wurde dann ein Beruf daraus?

Rölleke: Ein Germanisten-Beruf?

Scholl: Der Beruf sozusagen, sich wirklich also mit diesen Quellen und historischen Dingen zu beschäftigen.

Rölleke: Das hat sehr, sehr lange gedauert. Hier und da wurde ein germanistischer Lehrstuhl eingerichtet – der erste übrigens in Breslau, der zweite in Berlin –, aber das war es dann auch schon. Also die Germanisten mussten sozusagen auf eigene Faust forschen, wie das ja auch die Brüder Grimm getan haben, und die waren meistens – im Beruf zumindest zum ersten Teil waren sie Bibliothekare – also da auch wo sie den Büchern und den Handschriften natürlich Tag und Nacht nahe waren. Aber ein Brotberuf ließ sich daraus kaum machen.

Scholl: Ein einschneidendes Ereignis im Leben der Brüder war ein – kann man sagen – Karriereknick. Sie gehörten nämlich zu den berühmten Göttinger Sieben, Professoren, die gegen ein Dekret des Landesfürsten Ernst August protestierten 1834, und daraufhin sämtlich gefeuert wurden. Was war da los, Herr Rölleke?

Rölleke: Das war nicht der erste Karriereknick, also wenn man es biografisch sieht, gibt es da eine ganze Menge Knicks. Das Erste war der frühe Tod des Vaters, der also den meisten Brüdern keinen Schulbesuch erlaubte, die Familie war plötzlich verarmt, die auch Jacob und Wilhelm ziemlich in die Ecke drückte, aber sie haben sich dann durchgesetzt und durchgehungert, kann man sagen.

Der zweite Karriereknick war ihre gemütliche Bibliothekarsstelle in Kassel, die sie nie aufgeben wollten, das haben sie immer gesagt. Da wurde ihnen plötzlich ein subalterner Mensch vorgezogen, als da die Leitung der Bibliothek anstand, und da sind sie Knall und Fall gegangen und wurden Professoren in Göttingen, eigentlich gegen ihren Willen, denn sie waren nicht gerade am Katheter große Löwen, interessierte sie auch nicht so sehr

Und dann kam der Verfassungsbruch, und da waren sie mit fünf anderen Professoren die einzigen, die dagegen protestierten, denn der Landesherr hatte ja einfach die alten Eide sistiert. Man hatte auf die alte Verfassung geschworen, und er wollte das jetzt umpolen, man sollte nicht mehr Landesdiener sein, sondern Fürstendiener, so stand es in der neuen Verfassung.

Das haben sie nicht mitgemacht, daraufhin wurden sie Knall auf Fall entlassen, Jacob sogar mit der Androhung von Gefängnis, wenn er nicht binnen 24 Stunden das Land verlässt, und Wilhelm konnte noch ein bisschen bleiben, aber beide bekamen keinen Pfennig Gehalt mehr. Wilhelm hat jahrelang prozessiert, aber verloren.

Scholl: Heute sagt man, dass ohne diese Wendung die Brüder wohl nie das zweite Großprojekt begonnen hätten, mit dem sie sich in der deutschen Geistesgeschichte ebenfalls unsterblich gemacht haben – das Grimmsche Wörterbuch.

Rölleke: Das sagen Sie ganz richtig, ja. Sie waren praktisch auf null gesetzt, von heute auf morgen, Wilhelm hatte Familie, und da musste irgendwo Geld her. Und die bekamen zwar Sympathiebekundungen aus ganz Europa, aber ein Ruf auf einen Lehrstuhl oder gar auf eine Verbeamtung bekamen sie zeitlebens nicht mehr.

Und da musste man sich nach einer anderen Quelle umsehen, und da kam der Verleger Hirzel, der hatte immer schon die Idee, mal ein großes deutsches Wörterbuch zu machen, und er hatte so mit zwei, drei Bänden gerechnet, die innerhalb von fünf, sechs Jahren fertig würden. Er hat den beiden ein Jahressalär ausgesetzt, von dem sie leben konnten, ja, und dann haben die Grimms angefangen, trotz – für damalige Verhältnisse – fortgeschrittenen Alters, und haben blitzschnell ein Netzwerk aufgebaut über ganz Deutschland, also Zuträger, die für sie mitarbeiteten, und dann haben sie sich ins Zeug gelegt, und dann haben sie immerhin bis zum Buchstaben F ...

Scholl: Bis zum Buchstaben F haben sie es geschafft.

Rölleke: ... Frucht war der letzte Artikel, den Jacob Grimm noch halb fertiggestellt hat, haben sie es geschafft, und dann hat die Germanistik weit über 100 Jahre gebraucht, um die Sache zu Ende zu bringen, und nicht mit zwei Leuten, sondern mit 40 bis 50 Leuten.

Scholl: Deutschlandradio Kultur, wir feiern die Brüder Grimm heute im "Radiofeuilleton" und sind im Gespräch mit dem Germanisten Heinz Rölleke, der sich sein ganzes wissenschaftliches Leben lang mit den Brüdern beschäftigt hat. Kommen wir jetzt einmal, Herr Rölleke, auf diese doch bemerkenswerte Personalunion. Die Literaturgeschichte verzeichnet ja manche Geschwister, aber keine, die sich inniglicher liebten als wohl diese beiden. In einem Brief heißt es mal – Jacob schreibt da –: "Gott erhalte mir den lieben Bruder, der fest in mein eigenes Dasein und Wesen verwachsen ist, sodass ich nicht wüsste, was aus mir werden sollte, wenn ich ihn verlöre." Das ist so rührend und trifft es genau. Was hat denn diese beiden so zusammengeschweißt?

Rölleke: Ja, das ist wirklich ernst gemeint, es gibt übrigens ähnliche Bekundungen von Wilhelm noch mehr, also er würde sterben, wenn er von seinem Bruder getrennt würde. Also wie gesagt, die Not der frühen Kinderjahre und so weiter hat sie beide schon zusammengeschweißt, und sie haben ja alles zusammen gemacht: Sie haben zusammen studiert, sie haben zusammen Studienabschluss gemacht, Jacob zwar ohne Prüfung, aber immerhin, sie sind zusammen in den Bibliothekarsdienst gegangen, sie sind zusammen nach Göttingen gegangen, sie sind zusammen nach Berlin gegangen zuletzt

Und sie sind auch zuletzt zusammen ins Grab gegangen, den Jacob hat dekretiert, Wilhelm soll neben mir liegen und auf dem Grabstein soll nur stehen, hier liegt und so weiter. Also die Frau von Wilhelm Grimm, die Gattin, die liegt fernab begraben in Eisenach, die kam gar nicht infrage bei diesem innigen Bruderverhältnis. Und die beiden ergänzten sich hervorragend, sowohl menschlich wie auch wissenschaftlich.

Scholl: Aber sie waren doch von unterschiedlichem Temperament, wie man hört, nicht?

Rölleke: Das ist ja das Ergänzende dabei, die tuteten nicht beide ins gleiche Horn, obwohl sie an den selben Projekten arbeiteten. Wilhelm war der Poetischere, der Einfühlsamere, der Langsamere, Jacob war stürmisch, der stellte Thesen in die Welt, von denen acht stimmten und zwei überhaupt nicht. Aber das interessierte ihn nicht, das wurde sofort veröffentlicht, und er drängte immer vorwärts und hatte ein ungeheures Arbeitstempo und Wissen.

Und jetzt kommt das Entscheidende: Jacob drängte zeitlebens bei allen Werken, bei allen gemeinsamen Werken vor allem, auf philologische Genauigkeit, Präzision. Also bitte nichts Eigenes einmischen, wir sind Wissenschaftler, wir sind objektive Historiker, wir dürfen zum Beispiel in den Märchentexten nichts verändern. Da war Wilhelm Grimm ganz anderer Ansicht, und das hat dem Märchenbuch unendlich gutgetan.

Scholl: Er hat die "Es war einmal ... "-Poesie nämlich aus der Taufe gehoben. Aber noch mal zusammen zu diesem Brüderpaar, Herr Rölleke, sie arbeiteten zusammen, sie lebten zusammen, daran änderte sich auch nichts, als Wilhelm heiratete – Sie haben die Gattin schon angesprochen –, Kinder bekam, da wurde dann einfach eine Großfamilie mit angeschlossenem Bruder draus, alle verstanden sich bestens.

Rölleke: Ja, selbst als Wilhelm gestorben war, blieb das so, Jacob blieb einfach bei der Witwe wohnen, und da hat sich niemand was bei gedacht.

Scholl: Der Erste, der starb, war 1859 Wilhelm mit 73 Jahren, das hat Jacob nur schwer verkraftet, nicht wahr? Es gibt eine ergreifende öffentliche Rede von ihm.

Rölleke: Ja, aber da sparte er auch, wie das so seine fröhliche Art war, nicht mit Tadel am verstorbenen Bruder, nicht? Er sagt also: Ja, der hatte eine ganz andere Art zu arbeiten als ich, der hatte so eine weichere Feder – wie er sagt –, und das behagte mir eigentlich gar nicht, und er hat ja an den Märchen viel verändert, das wollte ich auch nicht. Und dann sagt er an einer anderen Stelle, er müsste die ganze Märchenausgabe noch mal machen, nicht? Das passte ihm nicht mehr, das Ganze. Das ist schon haarig für einen über 70-Jährigen, zu sagen, ich mache die ganzen Kinder- und Hausmärchen jetzt noch mal, dazu ist es Gott sei Dank nicht gekommen.

Scholl: Ich habe mehr so diese empathischen Bruderpassagen im Ohr ...

Rölleke: Ja, ja, mit Recht auch.

Scholl: ... wie er also wirklich fast weinend danebensteht.

Rölleke: Ja, das stimmt, ja.

Scholl: Beide waren in dieser letzten Zeit materiell wohl versorgt, kann man sagen, der wissenschaftsfreundliche preußische König Wilhelm IV. hatte sie längst nach Berlin geholt, drei Jahre schon nach dem Rauswurf aus Göttingen. Sie waren durch die Märchen, ja, kann man sagen, Volkshelden geworden, in der Fachwelt hoch geachtet, sie konnten lesen, forschen, schreiben – wenn man davon hört, Herr Rölleke, muss man sich, kann man sich wohl die letzten Lebensjahre vorstellen, dass sie recht glückliche Menschen waren. Was meinen Sie?

Rölleke: Jein. Sie lebten ja in Berlin, das war die längste Zeit ihres Lebens, unvorhergesehenerweise, aber sie haben immer von der Zeit in Kassel geschwärmt und geträumt, und das sei ihre fruchtbarste und ihre glücklichste Zeit gewesen. Diese Sache mit Berlin hatte ja viele Haken, Jacob hatte in seinem Rundbrief nach ganz Europa gesagt, er fordert, dass er wieder als Beamter mit allen Rechten eingestellt wird, wo auch immer.

Das konnte sich selbst der preußische König nicht leisten, um seinen Hannoverer Regierungsbruder nicht zu verprellen. Er hat sie nicht verbeamtet, gegen den ausdrücklichen Willen Jacobs, sondern sie kriegten eine Art Gnadensalär als Mitglieder der Akademie der Wissenschaften. Das hat sie sehr gekränkt, und dann galten sie natürlich als aufrechte Demokraten, ja, sogar als Rebellen durch die Göttinger Sieben, und dann kam der Eklat mit dem Hoffmann von Fallersleben, dem Dichter des Deutschlandliedes, der war geächtet, der hat aber die Brüder Grimm in Berlin besucht, und die haben ihn auch freundlich aufgenommen, so weit, so gut.

Dann kam eine Huldigung abends für Wilhelm Grimm der Studenten, und da trat einfach Hoffmann auch auf den Balkon. Und als die Studenten diesen Mann sahen, da haben sie ihre ganzen Hochrufe und alles dem Hoffmann zugewandt, daraufhin hat natürlich die Polizei in Berlin heftig mit dem Kopf geschüttelt und die Grimms haben sich leider nicht entbrochen, in der Zeitung einen Entschuldigungsbrief einzurücken, sie wären übertölpelt worden und sie wären treue Fürstendiener und, und, und. Also so ganz unangekränkelt war die Berliner Zeit nicht.

Scholl: Er kennt das Leben der Grimms und ihr Werk aus dem Effeff in- und auswendig, Heinz Rölleke war das, der Grimm-Forscher. Ich danke Ihnen sehr für das Gespräch. Übrigens, heute Nachmittag setzen wir unseren Grimm-Tag im "Radiofeuilleton" fort und dann betrachten wir ausführlich einen wahrhaft prachtvollen Band der grimmschen Märchen, den Heinz Rölleke zusammen mit einem Kollegen herausgebracht und kommentiert hat. Danke schön, dass Sie da waren, Herr Rölleke, alles Gute für Sie!

Rölleke: Ich danke auch, Wiederhören!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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