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Kompressor | Beitrag vom 04.06.2018

Begründer des Fotorealismus Malcolm Morley gestorben"Er war ein totaler Freigeist"

Kunstkritiker Sebastian Frenzel im Gespräch mit Gesa Ufer

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Eine Besucherin des Museum Frieder Burda in Baden-Baden betrachtet am das Gemälde "Alice" von Malcolm Morley aus dem Jahr 2007. (Uli Deck / dpa/ lsw)
Das Gemälde "Alice" (2007) von Malcolm Morley (Uli Deck / dpa/ lsw)

Malcolm Morley hat den Fotorealismus begründet. Als seine Bilder mit der Pop-Art-Bewegung immer mehr Anerkennung erfuhren, beschloss er auszusteigen – und malte fortan Aquarelle. Im Alter 86 Jahren ist er nun gestorben.

Die beiden Motorradfahrer neigen sich in der Kurve, berühren schon den Boden der Rennbahn, in ihren Maschinen spiegelt sich die Sonne, Helme und Schutzanzüge der beiden Fahrer sind mit etlichen Logos bedruckt: Kein Foto aus einem Motorsport-Magazin, sondern ein Bild des britisch-amerikanischen Künstlers Malcolm Morley.

Abgemalte Postkarten und Fotos, per Rasterverfahren akribisch jedes Detail auf die Leinwand übertragen: Damit wurde der erste Preisträger des renommierten Turner Prize bekannt, der vergangenen Samstag (2. Juni 2018) im Alter von 86 Jahren verstorben ist.

"Kategorien-Denken war ihm völlig fremd"

Morley gilt als Begründer des Fotorealismus. Auch wenn es ihm vermutlich gar nicht gefallen hätte, so tituliert zu werden, meint Sebastian Frenzel, stellvertretender Chefredakteur des Kunstmagazins Monopol. "Jede Form von Kategorien-Denken war ihm völlig fremd. Er hat auch den Begriff fotorealistische Malerei abgelehnt und er war ein totaler Freigeist."

So frei, dass er Journalisten auch gerne nach ein paar Minuten rausschmiss, wenn ihm ihre Fragen nicht gefielen, berichtet Frenzel. Er hat den Maler selbst zum Gespräch getroffen – durfte aber dann länger bleiben als sein schroff abgekanzelter Kollege.

Er wolle "weitergehen, voranschreiten"

"Malcolm Morley war ein ziemliches Raubein", erzählt Frenzel. "Er kam aus einfachen Verhältnissen, aus einer englischen Arbeiterfamilie, ging dann in den 50er-Jahren nach New York." Damals war New York der Mittelpunkt der Kunstwelt. "Die großen abstrakten Maler waren da." - Jackson Pollock, Willem de Kooning, Mark Rothko.

"Ship to Shore" von Malcolm Morley aus dem Jahr 1994 (Carmen Jaspersen / dpa )"Ship to Shore" von Malcolm Morley aus dem Jahr 1994 (Carmen Jaspersen / dpa )

"Und in dieser Kunstwelt, wo die abstrakten Künstler ihr Werk etabliert haben, da ist für Malcolm Morley eben nichts zu gewinnen." Also fängt der junge Morley an, figurativ zu malen. Als schließlich die fotorealistische Malerei in Folge der Pop-Art immer mehr Anerkennung fand, beschloss Morley auszusteigen. "Dann hat er gesagt: Hey, wenn ihr das alle macht, dann bin ich draußen. Und er hatte auch für sich das Gefühl, ich habe alles erreicht, ich will weitergehen, ich will voranschreiten." Fortan malte er Aquarelle. Sein Ruf als herausragender Vertreter des Fotorealismus blieb.

"Er ist einer der letzten großen Maler", sagt Frenzel. "Das sind Menschen, die sich 60 Jahre mit der Frage beschäftigen, male ich jetzt abstrakt oder figurativ. Und die dadurch und auch durch die Konsequenz in ihr Werk eine unglaubliche Autonomie und Größe bekommen." (lk)

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