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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 10.01.2006

Begleitlektüre für die globale Katerstimmung

China Miévilles düsterer Science-Fiction-Roman "Der eiserne Rat"

Rezensiert von Kolja Mensing

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China Miévilles Saga um die chaotische Stadt New Crobuzon ist im angelsächsischen Raum Kult, bei uns wird der Autor noch als Geheimtipp gehandelt. Sein düsterer Gesellschaftsentwurf mit seinen apokalyptischen Breitwandszenarien und vormodernen Wissenschaftsmodellen orientiert sich an so illustren Vorbildern wie H.P. Lovecraft und Michail Bulgakow.

Stimmt schon. Auf den ersten Blick wirken die Bücher von China Mieville nicht besonders attraktiv: billiges Papier, trashige Umschlaggestaltung, nichts sagende Klappentexte. Die meisten Buchhändler, die etwas auf sich halten, legen seine Paperbacks darum zu dem Stapel fragwürdiger Weltraum-Abenteuer in die Science-Fiction-Schmuddelecke.

Kein Wunder, dass der Shooting Star aus Großbritannien hierzulande immer noch als Geheimtipp gehandelt wird. Trotzdem erscheint jetzt bereits sein fünfter Roman in deutscher Übersetzung: "Der eiserne Rat" ist ein weiterer Teil seines breit angelegten Epos über den Aufstieg und Niedergang der archaischen und chaotischen Stadt New Crobuzon. Und wer bisher noch nichts von China Miéville gehört hat, wird spätestens nach den knapp 700 Seiten dieses Bandes süchtig nach seinen aus Raum und Zeit gefallenen Albträumen und surrealen Szenarien.

Um es gleich vorwegzunehmen: New Crobuzon ist keine freundliche Stadt. In den von Menschen und "Remades" genannten Cyborgs, froschartigen Wesen und Rieseninsekten bevölkerten Straßen geht es laut und gewalttätig zu, und während die Regierung ihre Truppen für einen Eroberungskrieg sammelt, brodelt es in den Kellergewölben und Hinterzimmern der Wirtshäuser. Anarchisten, Dissidenten und terroristische Zellen träumen von einer Revolte.

Um die Stimmung in der Bevölkerung anzuheizen, bricht eine kleine Gruppe von Abenteurern auf, um einen Mythos zum Leben zu erwecken: Sie suchen den "eisernen Rat", eine Gruppe von legendären Aufständischen, die vor Jahren den Bau eines umfassenden Eisenbahnnetzes sabotiert hat und sich weg von New Crobuzon mit einem entführten Zug auf selbst verlegten Gleisen tief in die Wildnis vorgearbeitet haben soll.

Literarisch gesehen ist dieser Roman eine Expedition in das düstere Grenzland von Science Fiction, Fantasy und Horror. New Crobuzon zum Beispiel erinnert an das London des 19. Jahrhunderts, Charles Dickens lässt grüßen. Gleichzeitig dienen altertümliche Flugmaschinen der Fortbewegung, alchemistische Zaubersprüche erwecken Lehmklumpen zum Leben, und während diverse Riesenspinnen und Mutanten den Filmen von David Cronenberg entsprungen sein könnten, hat China Miéville sich für die Eisenbahn-Szenen hemmungslos bei Sergio Leones Western "Spiel mir das Lied vom Tod" bedient.

Man kann immer weiter nach Zitaten und Anspielungen suchen - und wird dabei die eine oder andere Überraschung erleben. Der 1972 geborene Schriftsteller, der seine eigene Art zu schreiben als "weird fiction", als "verrückte Prosa" bezeichnet und neben altertümlichen Begriffen jede Menge eigener Wortschöpfungen verwendet, zählt neben einschlägigen Genre-Größen wie H.P. Lovecraft nämlich auch Michail Bulgakow oder Bruno Schulz zu seinen Vorbildern.

Dazu kommt seine brennende Liebe zu den Klassikern des Sozialismus. Es ist also kein Zufall, dass bei den Versammlungen der Rebellen immer wieder Anklänge an die Revolutionstheorien des 19. und frühen 20. Jahrhunderts zu hören sind. China Miéville hat an der London School of Economics mit einer Arbeit über marxistische Rechtsauffassungen promoviert und darüber hinaus bei den letzten Parlamentswahlen in Großbritannien für eine trotzkistische Linkspartei kandidiert.

Dieses politische Engagement schlägt sich in seinen Romanen nun dankenswerterweise nicht in revolutionärem Pathos oder utopischen Gesellschaftsentwürfen nieder, sondern in einer geradezu glühenden Hoffnungslosigkeit, mit der am Ende jede Aussicht auf eine Veränderung der Verhältnisse als unmöglich erklärt wird.

Die Zeit der Träume ist nun einmal vorbei, das hat nicht zuletzt die Science-Fiction-Literatur erfahren müssen. Das Genre hat in den letzten 15 Jahren eine tiefe Krise durchlebt: Technologische Phantasien sind nicht mehr gefragt, weil im Zeitalter des Internets und der Nanotechnik ohnehin jeder das Gefühl hatte, in der Zukunft zu leben - und für soziale Utopien konnte sich nach dem Niedergang des Kommunismus ebenfalls niemand mehr begeistern.

Erst jetzt scheint es langsam weiterzugehen, und zwar nicht zuletzt aufgrund der Romane von China Miéville: Mit ihrem apokalyptischen Breitwandszenarien und ihren vormodernen Wissenschaftsmodellen, ihrer barocken Sprache und ihrem gesellschaftspolitischen Zynismus sind sie genau die richtige Begleitlektüre für die globale Katerstimmung zu Beginn des 21. Jahrhunderts.


China Miéville: "Der eiserne Rat"
Aus dem Englischen von Eva Bauche-Eppers
Bastei-Lübbe, Bergisch-Gladbach 2005
683 Seiten, 8,95 Euro

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