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Montag, 20.08.2018
 
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Konzert / Archiv | Beitrag vom 20.06.2018

Begegnungen mit dem Komponisten und Theologen Dieter Schnebel (4/5) Die Bühne ist ein besonderer Ort

Über experimentelles Musiktheater, serielles Denken und musikalisches Naseputzen – und die großen Gattungen der musikalischen Tradition

Moderation: Carolin Naujocks

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"Schlängeln" aus: "Schau-Stücke" von Dieter Schnebel mit dem Ensemble Die Maulwerker (2016): Christian Kesten, Katarina Rasinski und Ariane Jessulat (Steffi Weismann)
"Schlängeln" aus: "Schau-Stücke" von Dieter Schnebel mit dem Ensemble Die Maulwerker (2016): Christian Kesten, Katarina Rasinski und Ariane Jessulat (Steffi Weismann)

Am Pfingstsonntag 2018 starb Dieter Schnebel im Alter von 88 Jahren. Zwischen November und Februar 2018 war er für eine Gesprächsreihe zu Gast im Deutschlandfunk Kultur. Diese "Begegnungen mit Dieter Schnebel" sind nun zum Vermächtnis geworden.

Es gibt zwei Eigenschaften, die für Dieter Schnebel essenziell waren: das Anti-Autoritäre und das Anti-Elitäre. Dies galt sowohl für seine Musik als auch für seine Theologie, beide Metiers waren für ihn nicht zu trennen. Doch Schnebel war nicht nur experimenteller Komponist und kritischer Theologe. In fünf Sendungen lernen wir ihn als unkonventionellen Lehrer kennen, in seiner Beschäftigung mit Philosophie und Psychologie, als Autor und als Theatermann.

Zu Beginn der 1950er Jahre hatte Dieter Schnebel die Neue-Musik-Szene als Außenseiter betreten. Es war die Zeit der Experimente und der musikalischen Neuanfänge. Darmstadt hieß der Ort, auf den alle blickten, denn die 1948 dort gegründeten Ferienkurse für Neue Musik wurden zum Konsolidierungszentrum des zeitgenössischen Musikschaffens und zum Synonym für die musikalische Avantgarde schlechthin. Hier wurden serielle Verfahren zur stufenweisen Durchorganisation des musikalischen Materials entwickelt – es entstand eine ästhetische Strömung, die als Serialismus in die Musikgeschichte einging.

Selbst tief im seriellen Denken verwurzelt, hat sich Dieter Schnebels Komponieren nicht allein auf das rationale Organisieren akustischer Messgrößen (Tonhöhe, Dauer, Lautstärke) beschränkt. Vielmehr hat er früh schon das serielle Strukturieren auf komplexere Zusammenhänge, auf dynamische Prozesse, ausgeweitet. Immer sind diese Vorgänge konkret, denn "Klangvorgänge" stehen bei Dieter Schnebel für "Lebensvorgänge".
Und weil echte Lebensvorgänge nicht nur hörbar, sondern auch sichtbar und fühlbar sind, ist Dieter Schnebels experimentelle Musik konsequenterweise beim Visuellen, beim Theater angekommen. Doch erzählt dieses Theater keine traditionellen Geschichten; was sich dort ereignet, sind die Klangvorgänge selbst.

In den inzwischen über 70 Jahren kompositorischer Arbeit hat Dieter Schnebel ein schier unüberschaubares Werk geschaffen, das zugleich akribisch strukturiert ist: Phonetische Musik, Sichtbare Musik, Organische Musik, Psychoanalytische Musik, Experimentelles Theater usf. mit vielen Ableitungen und Seitenlinien, z.B. Zeichen-Sprache und Schau-Stücke.

Die unerwarteten Beziehungen, die aus diesem systematisch-experimentellen Vorgehen resultieren, machen das ebenso überraschende wie befreiende Moment seiner Musik aus. Denn Dieter Schnebels Komponieren bedeutet immer auch einen Emanzipationsprozess.

In fünf Gesprächen berichtet Dieter Schnebel von seinem Leben zwischen experimenteller Musik und kritischer Theologie, von den schönen, den tragischen und den komischen Seiten des Lebens.

Die heutige vierte Sendung handelt vom Theater. Gemeinsam mit Regisseur Achim Freyer bildete Dieter Schnebel seit Ende der 1970er Jahren das Dream-Team des zeitgenössischen Musiktheaters. Ihre Inszenierungen mit dem neugegründeten Ensemble "Die Maulwerker" wurden als umjubelte Aufführungen in ganz Europa präsentiert. Aber Dieter Schnebel hat auch ein großes Faible für die musikalische Tradition, deren großen Gattungen er seine Reverenz erweist.

 

Dieter Schnebel bei den 32. Internationalen Ferienkursen für Neue Musik Darmstadt, 1984  (Manfred Melzer. Archiv des Internationalen Musikinstituts Darmstadt (IMD)Dieter Schnebel bei den 32. Internationalen Ferienkursen für Neue Musik Darmstadt, 1984 (Manfred Melzer. Archiv des Internationalen Musikinstituts Darmstadt (IMD)



Begegnungen mit dem Komponisten und Theologen Dieter Schnebel (4/5)

Über experimentelles Musiktheater, serielles Denken und Naseputzen – und die großen Gattungen der musikalischen Tradition
Carolin Naujocks im Gespräch mit Dieter Schnebel
(Teil 5 am 27. Juni 2018)

Mit Ausschnitten aus folgenden Kompositionen:


Mauricio Kagel

"Pandorasbox" für Bandoneon (1960)

Mauricio Kagel, Bandoneon, Stimme                            


Karlheinz Stockhausen
Klavierstück VI (1954-55)

Pi-hsien Chen, Klavier                                                                                 


John Cage
"Water Music" für präpariertes Klavier, Radio, 3 verschiedene Pfeifen, verschiedene Wasserbehälter und Spielkarten (1952)

Peter Roggenkamp, Klavier                                                                           


Dieter Schnebel

"Maulwerke" (1968-74, Fassung von 1997)

Die Maulwerker                                                                                           


Mauricio Kagel

"Pandorasbox" für Bandoneon (1960)

Mauricio Kagel, Bandoneon, Stimme                                                          


John Cage

Lecture IV
aus den "Norton Lectures I-VI" für einen Sprecher (1988-89)

John Cage, Sprecher                                                                                    


Dieter Schnebel

Nr. 2 "Redeübungen II für Hand und Mund"
aus: Laut-Gesten-Laute
Weisen von Kopf bis Fuß (1984-85) für 1-4 Darsteller

Dieter Schnebel, Sprechstimme                                                                 


Dieter Schnebel
"OΡΧΕΣΤΡΑ"  (Orchestra)
Sinfonische Musik für mobile Musiker (1947-77)

Studierende und Lehrende der UdK, Berlin, der Hochschule für Musik "Hanns Eisler", Berlin
Zentraldirigenten: Harry Luth, Jobst Liebrecht, Dmitri Kofeinikow
Raumdirigenten: Sarah Bösch, Mathias Rebstock, Volker Schindel, Christian Lindhorst, Ronny Günther                                     


Dieter Schnebel
Missa. Dahlemer Messe für vier Solostimmen, zwei gemischte Chöre, Orchester und Orgel
(1984-87)

Christine Whittlesey, Sopran
Marga Schiml, Alt
Scit Weir, Tenor
Kurt Widmer, Bass
Zigmond Szarmáry, Orgel
RIAS Kammerchor
SWR Vokalensemble Stuttgart
Scharoun-Ensemble (erweitert)
Leitung: Zoltán Peskó                                                                                

 
Dieter Schnebel
"Sinfonie X"
für großes Orchester, Altstimme, Live-Elektronik und Tonband (1987-1992)

daraus:
Con Moto                                                                                                
Zeitstück C                                                                                             
Wanderungen                                                                                       
Stille C – Natur   

Susanne Otto, Alt
Carmen-Maria Cârneci, Co-Dirigat
Experimentalstudio der Heinrich-Strobel-Stiftung des SWF
André Richard, Don-Oung Lee, Klangregie
SWF-Sinfonieorchester Baden-Baden
Leitung: Michael Gielen                                                                                                           


Dieter Schnebel
"Majakowskis Tod" – Totentanz (1989-97)
Opernfragment und Nachspiel
Libretto: Dieter Schnebel nach Texten Majakowskis

Matteo de Monti, Bass
Anna Clementi, Sprecherin
Isolde Siebert, hoher Sopran
Robert Podlesdny, Sprecher
Gewandhausorchester Leipzig
Experimentalstudio der Heinrich-Strobel-Stiftung des SWF
André Richard, Klangregie
Leitung: Johannes Kalitzke                                                                           


Dieter Schnebel

"Museumsstücke" (1991-93)
für bewegliche Stimmen und Instrumente in polyphonen Räumen

Die Maulwerker                                                                                         

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