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Interpretationen | Beitrag vom 04.10.2020

Beethovens Streichquartett op. 130/133Musik mit viel Charme, Humor und Sinnlichkeit

Eckart Runge im Gespräch mit Ulrike Timm

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Die Musik gegen alle Widerstände durchgesetzt: Ludwig van Beethoven (imago / bonn-sequenz)
Die Musik gegen alle Widerstände durchgesetzt: Ludwig van Beethoven (imago / bonn-sequenz)

Krank und verworren, verständlich wie Chinesisch: Beethovens Zeitgenossen bedachten seine Große Fuge mit heftigen Schmähungen. Heute gilt sie als Monument der Klassik, genauso wie das Streichquartett op. 130, für das sie eigentlich komponiert wurde.

"Holz schläft jetzt, das letzte Stück hat ihn kaputt gemacht", so amüsierte man sich nach der Uraufführung von Beethovens Streichquartett op. 130 über den erschöpften Geiger des Schuppanzigh-Quartetts.

Hier geht es zur Playlist der Sendung.

Die Musiker haben insbesondere in der Großen Fuge, die dieses Quartett beschließt, allerhand zu tun. Bis heute ist das Werk eine immense Herausforderung, geistig, physisch, mental. Beethoven war verschnupft darüber, dass man zwar seine "Leckerbissen", so beschrieb der Komponist die Mittelsätze des Quartetts, so sehr feierte, dass sie umgehend wiederholt werden mussten, den langsamen Satz und eben die Große Fuge, an denen ihm besonders viel lag, aber nicht verstand.

Vom Monstrum zum Meisterwerk

"Klingt wie Chinesisch", "Kakofonie", so wurde die Große Fuge verurteilt. Tatsächlich ist dieser Satz in großen Teilen so modern und dissonant, dass man ihn – spontan und ausschnittweise gehört – eher bei Schönberg als bei Beethoven verorten würde.

Für Igor Strawinsky war dieser Satz das perfekteste Wunderwerk der Musik, zugleich das zeitgenössischste aller Stücke, das auch immer zeitgenössisch bleiben werde. Später ersetzte Beethoven die Große Fuge durch einen eingängigeren Satz, das ursprüngliche "Monstrum" wird seitdem als op. 133 extra ausgewiesen.

Wer ist die Melone, wer der Parmaschinken? Das Artemis Quartett in seiner alten Besetzung 2006 mit Volker Jacobsen, unserem Studiogast Eckart Runge, Natalia Prischepenko und Heime Müller (v.l.n.r.) (imago / Karo)Wer ist die Melone, wer der Parmaschinken? Das Artemis Quartett in seiner alten Besetzung 2006 mit Volker Jacobsen, unserem Studiogast Eckart Runge, Natalia Prischepenko und Heime Müller (v.l.n.r.) (imago / Karo)

Der Cellist Eckart Runge, 30 Jahre lang als Mitglied des Artemis Quartetts mit Beethovens Streichquartetten vertraut wie wenige, ist Gast der Sendung und vermittelt Beethovens op. 130/133 aus der Perspektive des ausführenden Musikers: Wie deutet man die Vortragsbezeichnungen Beethovens, wie sorgt man für Klarheit im Stimmengeflecht und wahrt zugleich das Geheimnisvolle, wo ist man "Parmaschinken", also Salz im Klang, wo "die süße Melone"?

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Aus dem wilden Gekrakel von Beethovens handschriftlicher Partitur, die Runge eingehend studieren konnte, springt beides unmittelbar ins Auge: die so kraftvolle wie verletzliche Emotionalität der Musik wie auch ihre unerschütterliche große Idee. "Tantôt libre, tantôt recherchée" – "ebenso frei wie kunstvoll", wie es auf dem originalen Titelblatt der "Grande Fugue" heißt: Das ist auch ein Hinweis auf Beethovens Selbstverständnis als frei und verantwortlich denkender Individualist.

Sperrig oder sinnlich?

Die späten Streichquartette Beethovens werden oft als sperrig, unzugänglich oder allzu abstrakt abgetan. Es ist ein Anliegen dieser Sendung, hörbar zu machen, wie viel Charme, Humor und Sinnlichkeit in dieser Musik stecken und wie heutig und modern uns Beethovens Werk erreichen kann.

Zu hören sind Aufnahmen aus acht Jahrzehnten, vom Busch-Quartett 1941 über die Einspielungen des LaSalle- und des Alban Berg Quartetts aus den 1970er- bis 1990er-Jahren hin zur Version des Quatuor Mosaïques von 2016. Und natürlich die vielfach ausgezeichnete Produktion des Artemis Quartetts, in dem unser Gast Eckart Runge als Gründungsmitglied und Cellist drei Jahrzehnte lang musizierte.

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