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Interview | Beitrag vom 18.08.2020

Bedingungsloses GrundeinkommenWie 1200 Euro im Monat das Leben verändern können

Susann Fiedler im Gespräch mit Axel Rahmlow

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Eine Hand hält Euro-Geldscheinwie einen Fächer.  | Verwendung weltweit (picture alliance /Bildagentur-online / Ohde)
Grundeinkommen ohne Bedingung: Die Forschenden wollen herausfinden, welche Veränderungen es im Alltag bewirkt. (picture alliance /Bildagentur-online / Ohde)

Jeden Monat ein festes Einkommen zur Verfügung haben und nichts dafür tun müssen. Für viele ist das ein Traum. Was das bedingungslose Grundeinkommen tatsächlich bewirken könnte, wird jetzt erstmals in einer Langzeitstudie untersucht.

1200 Euro pro Monat – einfach so auf die Hand, ohne Bedingung. Und das drei Jahre lang: So viel Geld werden 120 Studienteilnehmerinnen und -teilnehmer ab dem Frühling 2021 bekommen. Das Ganze ist Teil einer Studie zum bedingungslosen Grundeinkommen.

Initiiert hat die Studie der Verein "Mein Grundeinkommen", der seit sechs Jahren regelmäßig die Grundabsicherung an eine begrenzte Personenzahl verlost. Der Verein arbeitet für das Forschungsvorhaben mit dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) und mit dem Max-Planck-Institut (MPI) zur Erforschung von Gemeinschaftsgütern zusammen.

Die Forschenden wollen herausfinden, welche Veränderungen das Einkommen im Alltag der an der Studie Teilnehmenden bewirkt: Wie geht es ihnen psychisch und auch körperlich, wie ändert sich gegebenenfalls ihre Erwerbssituation – und vielleicht auch ihre Einstellung zum Leben? Fühlen sie sich gelassener, freier?

Die Haarprobe für den Stresstest

Dafür müssen die Teilnehmenden nicht nur alle sechs Monate Fragebögen ausfüllen, sondern es werden unter anderem auch Haarproben genommen, um das Stresslevel der Person zu untersuchen. Dem gegenüber steht eine sogenannte Kontrollgruppe, deren Mitglieder den jeweils gleichen sozialen Hintergrund haben – aber kein Geld bekommen.

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Susann Fiedler, Psychologin und Leiterin der Forschungsgruppe "Kognitive Grundlagen ökonomischen Entscheidens" am MPI, räumt ein: Es sei gut möglich, dass am Ende gar keine besonderen Effekte festgestellt werden könnten. Es gebe jedoch einige Indizien aus früheren Untersuchungen, die darauf hindeuteten, dass das bedingungslose Grundeinkommen Effekte auf das Leben der Studienteilnehmerinnen und –teilnehmer habe werde.

Allerdings: "Diese Ergebnisse kommen meistens aus Studien, die im Labor 30 Minuten dauern", erklärt Susann Fiedler. "Dementsprechend können Sie sich sicherlich gut vorstellen, wie offen da die Ergebnisse sind, sobald man sich ins Feld begibt, also, in eine richtige Lebenssituation." Bei dieser Feldforschung müssten "viele komplexe Sachen miteinander im Einklang sein".

Was der "positive Schock" bewirkt

Die Psychologie nennt das, was den an der Studie teilnehmenden Personen mit dem Grundeinkommen widerfährt, einen "positiven Schock". Fiedler erläutert: "Dadurch verändert sich auf einen Schlag plötzlich ganz viel oder könnte sich zumindest ganz viel ändern."

Dabei gehe es nicht nur darum, sich die Veränderungen im Leben sozial schwächer gestellter Menschen anzuschauen oder "im Leben des Künstlers, der jetzt durch Corona hart geprüft wird", sagt Susann Fiedler. "Sondern auch darauf zu schauen, dass es diese Gedankenfreiheit auch für den Manager, die Lehrerin oder anderen Berufsgruppen, die durchaus finanziell abgesichert sind, bringt."

Wer an der Studie teilnehmen möchte, kann sich über die Website Projektwebsite www.pilotprojekt-grundeinkommen.de bewerben. Die Personen werden nach dem Zufallsprinzip ausgewählt.

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