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Das politische Buch / Archiv | Beitrag vom 17.03.2006

Bedingungsloser Gehorsam

Necla Kelek: "Die verlorenen Söhne"

Rezensiert von Rupert Neudeck

Necla Kelek: Die verlorenen Söhne (Kiepenheuer & Witsch)
Necla Kelek: Die verlorenen Söhne (Kiepenheuer & Witsch)

Man liest das Buch und kann bis zum allerletzten Satz nicht aufhören. Man nimmt es mit ins Badezimmer und morgens an den Frühstückstisch. Man spürt bebend, das ist nicht nur ein Buch zum Thema: "Verlorene Söhne", wie es auf dem Cover heißt. Es ist nicht nur ein glänzend geschriebenes Plädoyer für die "Befreiung des türkisch-muslimischen Mannes". Es ist auch ein Buch, das uns Deutsche tief nachdenklich über unsere Integrationspolitik zurücklässt. Und das uns zugleich zu einem politischen Umdenken zwingen soll.

Der Autorin Necla Kelek muss man in jedem Fall Mut zubilligen. Sie legt sich nicht in das Faulbett unserer ausländerfreundlichen politischen Korrektheit. Sie beschreibt innerhalb von 20 Monaten zum zweiten Mal das Scheitern des Einlebens der türkischen Immigrationsbevölkerung. Und das sehr zum Unwillen der Statthalter der politischen Korrektheit.

Es sei an der Zeit, schreibt die Autorin in der Einleitung Ihres Buches, einen Irrtum einzugestehen. Auch ich habe in meinen Untersuchungen über die Religiosität islamischer Schülerinnen und Schüler türkischer Herkunft die 'kulturelle Dimension des Muslim-Seins' sträflich unterschätzt ebenso wie die Macht des islamischen Weltbildes; die Zugehörigkeit zur Gemeinschaft, zumal ich glaubte feststellen zu können, dass sich besonders die Jugendlichen handlungspraktisch mehr oder minder auf dem Weg in die Moderne befanden, wo sie ihre Perspektiven sähen."

Die Realität, auch die Realität dessen, was sie selbst in den letzten Jahren erleben konnte, haben ihre Hoffnungen begraben. Die religiöse Fundierung im Islam habe sich weder in der Luft der Moderne aufgelöst noch einer säkularen Gesellschaft angepasst. Im Gegenteil: Sie habe sich mit rasanter Geschwindigkeit unter den Migranten in Deutschland ausgebreitet.

"Wir haben es nicht mit Auflösungserscheinungen religiöser Identität zu tun, sondern im Gegenteil mit dem Aufblühen einer Gegenkultur. Der Islam wird vermehrt zur kulturellen Identität und die manifestiert sich vor allem in dem von Männern exekutierten Wertesystem der Familie. Auch in der Umma, der Gemeinschaft der Gläubigen."

Ein Teil des Buches besteht aus Interviews mit fünf türkischen Jugendlichen, die in Gefängnissen Deutschlands gelandet sind. Diese langen Gespräche werfen ein Licht auf die Schattenwelt von Gehorsam, Gewalt und Gefängnis, in die muslimische Männer eingesperrt sind, und nicht nur die, die mit dem Gesetz in Konflikt geraten sind. Das erste Gespräch führt die Autorin mit Mehmet, 37 Jahre alt, seit vier Jahren im Gefängnis. Mehmet ist ein Kurde. Er hatte mit Drogen gehandelt im Auftrag der Kurdischen Arbeiterpartei PKK. Am Ende vieler Gespräche, die sich über mehrere Monate hinzogen, fragt Necla Kelek Mehmet:

"Bereuen Sie etwas in Ihrem Leben?"

Der Jugendliche sieht sie an und sagt:

"Ich verstehe Ihre Frage nicht. Ich habe immer alles getan, was man von mir erwartet hatte. Ich habe immer alles gegeben. Es gibt doch keinen wertvolleren Menschen auf der Welt als den, der unter den schlimmsten Bedingungen für seine Familie kämpft."

Und für seine Familie so fährt der jugendliche Gefängnisinsasse fort, bin ich ein Held Yigit-Oglan. Die Autorin fasst nach:

"Denken Sie manchmal daran, Ihr Vater könnte etwas falsch gemacht haben?

"Mehmet: "Nein, für mich ist er ein Held."

"Aber er hat sie doch als Kind in die Berge geschickt. Ist das nicht unverantwortlich?"

Mehmet: "Das war das Beste, was er für seine Söhne tun könnte. Wie sollte er uns sonst vor unseren Feinden beschützen? Und dass ich viele Jahre meines Lebens im Gefängnis gesessen habe, ist kein Einzelfall. Wir sind im Krieg. Wir werden als Krieger geboren."

Mehmet, sagt die Autorin, wird irgendwann entlassen:

"Er wird zu seinem Onkel gehen und alles wird wieder von vorne anfangen. Er befindet sich im Krieg mit der Zivilisation. Ausgewiesen werden kann er nicht: er hat politisches Asyl."

Necla Kelek arbeitet in ihrem neuen Buch das Prinzip des unbedingten Gehorsams und Respekts für den eigenen Vater heraus, der für uns aufgeklärte und emanzipierte deutsche Bürger erschreckend ist. Das Wort des Vaters ist grundsätzlich unbestreitbar.

Was das Buch so eindringlich macht, ist die Kenntnis der türkisch-anatolischen Welt ihrer Kindheit. Sie erzählt wie hart das Familienleben für die eigenen Kinder sein kann, nicht nur für die eigenen Töchter in der Familie. Die Tatsache, dass Töchter neben den Söhnen gar nicht als Kinder gezählt werden, ist etwas, was jeder Helfer in der islamisch beherrschten Welt erst mal schlucken muss. Die Autorin macht uns in einem bis zum zerbersten eindrucksvollen Kapitel deutlich, welche traumatisch schmerzhaften Erfahrungen ein türkischer Junge bei der Beschneidung über sich ergehen lassen muss:

Sie beschreibt die konkrete Beschneidungszeremonie in der Familie ihrer eigenen Schwester. Diese Zeremonie soll die Jungen in den Club der Männer einführen. Gelobt sei, was hart macht, steht an der Stirnseite des Eingangstores. Und diese Beschneidung ist der selbstverständliche Pfeiler der Gesellschaft, die in der Praxis des Sünnetci, des Beschneiders, seinen Höhepunkt erlebt:

"Der Beschneider rückte einen großen Tisch in den Flur, den er mit einem weißen Tuch abdeckte. Den Kleinen wurden im Schlafzimmer die Anzüge ausgezogen und bodenlange Herrenhemden übergestreift. Es war heiß, aber die Jungen schwitzten vor Angst. Mein Neffe wurde auf den Tisch gesetzt, zwei Männer hielten ihn an den Armen, ein Dritter an den Beinen fest, ein Stofflappen wurde ihm zwischen die Zähne geschoben. Dann kam der Beschneider hinzu. Ich hörte wie mein Neffe zu wimmern und zu weinen anfing.

Dann kamen die Männer, um den Kleinen zu holen. Vier Männer hielten ihn fest. Ein vierjähriges Kind, den Stofflappen im Mund, das an das an jedem Arm und an jedem Bein von einem erwachsenen Mann festgehalten wurde, damit der Beschneider sein Messer ansetzen konnte – dieses Bild konnte ich nicht ertragen und rannte hinaus. Durch die Hitze wollte die Wunde sich nicht so schnell schließen. Als sie am zweiten Tag aufstanden, torkelten sie mit unsicheren Schritten breitbeinig herum, sorgfältig darauf bedacht, das Nachthemd weit weg vom Körper zu halten, damit der Stoff die schmerzende Wunde reizte."

Die schmerzhafte Erfahrung von Verlust und Erniedrigung in der Beschneidung wird zur 'guten Sache'. Die Beschneidung sei ein Ritual, mit dem die türkisch-muslimische Gemeinschaft sich ihrer selbst als Kollektiv vergewissert – in der Migration zugleich eines der Unterscheidungsmerkmale gegenüber den Unbeschnittenen, den Ungläubigen. Mit der Beschneidung wird jeder einzelne Junge in die Umma aufgenommen und ihr zugleich unterworfen. Nicht er selbst kann über seine körperliche Unversehrtheit entscheiden, sondern ein übergeordnetes soziales System, die Umma, tut das für ihn. Er ist kein Individuum, das sich selbst gehört, sondern ein Sozialwesen, das einer Gemeinschaft gehört. Das ist wahrscheinlich der größte Konflikt und die weiteste Kluft zwischen West und Ost, zwischen der europäischen und einer anderen, der türkisch-muslimischen, Welt. In der einen ist das Individuum bis zur Vernichtung und Negierung des Bonum commune Trumpf, in der anderen ist es das Gemeinwesen, das das Individuum negiert.

Wie klug die Autorin sich auch den Forderungen der Gesellschaft und der Politik stellen kann, zeigt sie im Schlusskapitel: Bis heute reiße die Blutrache, ganze Familien in den Abgrund. Und deshalb wird sie am Schluss apodiktisch:

"Ohne die Ächtung der Scharia und des Prinzips der Vergeltung sind alle Bemühung um Integration der Muslime zum Scheitern verurteilt. Denn die Scharia widerstreitet rechtsstaatlichen Normen, besonders auch der Gleichberechtigung der Frauen. Sie teilt die Welt in die Gesellschaft der Männer und die Gesellschaft der Frauen."

Ich sehe das nach so vielen Erfahrungen mit muslimischen Gesellschaften mittlerweile noch strenger. Der Islam, der Mainstream der islamischen Gesellschaften ist nicht frauenfeindlich. Nein, er grenzt die Frauen aus der Gesellschaft der Menschheit aus.

Um noch einmal Necla Kelek mit ihrem Buch zu Worte kommen zu lassen:

"Ohne die Ablehnung des islamischen Rechtssystems bleibt die Anerkennung der Menschenrechte ein Lippenbekenntnis. Die Gleichberechtigung von Mann und Frau wird der Lackmus-Test für die Muslime hier und in der Türkei sein."

Dieses Buch wird die politische Klasse bis hin zu aufgeklärten Stammtischen und Dönerbuden kaum zur Ruhe kommen lassen. Es zu lesen, sei allen dringend empfohlen. Und selbst wenn sie es nicht lesen, werden die Thesen der tscherkessisch-deutschen Autorin die deutsche öffentliche Meinung ganz schön aufwühlen.


Necla Kelek: Die verlorenen Söhne
Plädoyer für die Befreiung des türkisch-muslimischen Mannes.
Kiepenheuer und Witsch Verlag,
Köln 2006,
217 Seiten.

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