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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 17.07.2008

Bedeutungsvolles Ehrenwort

Philipp von Boeselager: "Wir wollten Hitler töten. Ein letzter Zeuge des 20. Juli erinnert sich", Carl Hanser, 2008, 192 Seiten

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Philipp Freiherr von Boeselager besuchte am 60. Jahrestag des Attentats vom 20. Juli 1944 mit seiner Frau Rosy die Gedenkstätte Plötzensee. (AP Archiv)
Philipp Freiherr von Boeselager besuchte am 60. Jahrestag des Attentats vom 20. Juli 1944 mit seiner Frau Rosy die Gedenkstätte Plötzensee. (AP Archiv)

Eine unverzichtbare Ergänzung zu den Standardwerken der Historiker zum deutschen Widerstand ist das am 30. Juli im Handel erhältliche Buch von Philipp von Boeselagers "Wir wollten Hitler töten". Boeselager hatte sein Wort gegeben, die Männer vom 20. Juli bei ihren Attentatsplänen zu unterstützen. Der frühere Offizier der Wehrmacht hielt sich daran und hatte das Glück, entkommen zu können.

Die gruseligste Anekdote in diesem anekdotenreichen - und auch deshalb so lesenswerten Buch - findet sich, fast versteckt, im Nachwort des Autors. Philipp von Boeselager beschreibt darin den Freundschaftspakt seiner Brüder mit Karl von Wendt: Wenn einer von ihnen an der Ostfront getötet werden sollte, sollten die anderen alles tun, damit seine sterblichen Überreste nach Deutschland überführt werden.

So grub tatsächlich Karl von Wendt nächtens die Leiche des Freundes Tonio von Boeselager aus und schaffte sie heimlich in die private Grabstätte des Boeselagerschen Gutes im rheinischen Heimerzheim. Ehrensache, dass Philipp 1943 sich in ähnlicher Weise um den Leichnam des gefallenen Karl von Wendt sorgte. Damals Ordonanzoffizier bei Feldmarschall Günther von Kluge, ließ er eine längliche Kiste zimmern - angeblich für Militärkarten, in Wirklichkeit für den toten Karl.

Die Front wich vor der Roten Armee, die Leichenkiste wich mit und wurde mit Rollen versehen, damit sie leichter auf Lkw geladen werden konnte. Anderthalb Jahre teilte Philipp von Boeselager seine Unterkünfte im Feld mit dem gefallenen Freund in der Kiste. Ein Vetter, Kaspar von Fürstenberg, bettete ihn schließlich in Polen in ein Grab. Das war im August 1944, wenige Wochen nach dem missglückten Attentat vom 20. Juli, als Philipp von Boeselager bangen musste, jederzeit verhaftet zu werden. 1997 schließlich wurde der Leichnam Karl von Wendts nach Deutschland überführt.

In dieser kleinen Geschichte steckt alles, was Philipp von Boeselager ausmacht: Was ihn zum Widerstand brachte und, trotz aller Furcht um das eigene Leben, darin hielt. Ein gegebenes Wort ist ein Ehrenwort und somit einzuhalten. Und er hatte Henning von Tresckow - der "Seele" des Widerstandes; während Stauffenberg "der bewaffnete Arm" war - sein Wort gegeben, bei der Beseitigung Hitlers mitzumachen.

Er besorgte und schmuggelte Sprengstoff für die misslungenen Attentate gegen Hitler. Er gehörte zu denen, die Hitler bei einem Frontbesuch erschießen wollten - was Feldmarschall Kluge untersagte. Er bewegte sich mit 1200 Mann der "Boeselagerschen Reiter", die nach seinem Bruder Georg genannt waren und die am 20. Juli 1944 dem Grafen Stauffenberg in Berlin als Eingreiftruppe gegen die SS dienen sollten, Richtung Westen, als die Nachricht kam, dass alles gescheitert war.

"Unter Gentlemen" hatte sich schon der ganz junge Offizier von Boeselager zu Kriegsbeginn an der Westfront mit einem französischen Leutnant geeinigt, dass dieser mit seinen Leuten abends um 19 Uhr seine Stellungen freiwillig räumen und abziehen würde, um unnötiges Blutvergießen zu vermeiden. Als ein Vorgesetzter trotz dieses Ehrenwortes die Franzosen angreifen lassen wollte, zog Philipp von Boeselager seine Pistole: "Mir täte es leid, Sie erschießen zu müssen, falls Sie diesen Befehl geben."

Der Befehl wurde nicht gegeben; der 22-jähirge Boeselager kam aber auch nicht vors Kriegsgericht. Die Sache wurde vertuscht, der unterlegene Vorgesetzte und Philipp von Boeselager ignorierten einander fortan. Als Boeselager dann an die Ostfront versetzt wurde, empfing man ihn mit dem Ehrentitel "Der Mann mit der Pistole".

Es sind lauter solche lesenswerten Geschichten, die Philipp von Boeselager Florence und Jérome Fehrenbach erzählte, die daraus einen flüssigen und schlüssigen Text gemacht haben und dessen deutsche Übersetzung Philipp von Boeselager noch bearbeiten und autorisieren konnte, bevor er in der Nacht zum 1. Mai 2008 starb.

Es sind diese Geschichten, die eine unverzichtbare Ergänzung zu den Standardwerken der Historikerzunft zum deutschen Widerstand bilden, weil sich die Helden da als Menschen präsentieren: und zwar als sehr bescheidene. Sie erzählen von Ehre und Ehrenworten, erzählen vom Ehrenkodex unter Offizieren und von Männern, die unter der Gestapo-Folter schwiegen: Philipp von Boeselager nicht verrieten. Und sie erzählen von beschmutzter Ehre, wenn - wie Tresckow nicht müde wurde zu betonen - "mit jedem Tag" 16.000 Juden und Russen ermordet werden.

Wovon uns allerdings nichts erzählt wird: Wie kommt eigentlich das Ehepaar Fehrenbach zu diesem Buch? Ganz einfach: Florence Fehrenbach ist die Enkelin des gefallenen Karl von Wendt. Nur das steht leider nicht in dem Buch. Noch ein Grund für eine weitere Auflage.

Rezensiert von Klaus Pokatzky

Philipp von Boeselager – mit Florence und Jérome Fehrenbach: Wir wollten Hitler töten. Ein letzter Zeuge des 20. Juli erinnert sich
Übersetzt aus dem Französischen von Reinhard Tiffert
Carl Hanser, 2008
192 Seiten, 17, 90 Euro
Erscheinungdatum: 30. Juli 2008

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