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Konzert / Archiv | Beitrag vom 20.09.2017

BBC PromsJakub Hrůša und das BBC Symphony Orchestra

Aufzeichnung aus der Royal Albert Hall

(Prague Philharmonia/IMG Artists)
Der tschechische Dirigent Jakub Hrůša (Prague Philharmonia/IMG Artists)

Ohne Jan Hus hätte es Luthers Reformation nicht gegeben. Daran erinnerten jetzt bei den BBC Proms das BBC Symphony Orchestra und Dirigent Jakub Hrůša - und daran, wie immens die Bedeutung der Hussiten-Choräle für die tschechische Musik war.

Sie verstanden sich als wahre Gotteskämpfer - die Hussiten vor 600 Jahren in Böhmen. Ihre kraftvollen Choräle haben sich erhalten und Eingang gefunden in die tschechische Musik des 19. und 20. Jahrhunderts, vor allem der Hymnus "Ktož jsú Boží bojovníci" (Ihr, die Ihr die Kämpfer Gottes seid).

Der tschechische Dirigent Jakub Hrůša ist Chefdirigent der Bamberger Symphoniker und Schüler des kürzlich verstorbenen Jiří Bělohlávek, der seinerseits Leiter des BBC Symphony Orchestra war. Hrůša hat für sein Konzert bei den BBC Proms ein Programm um diesen Hussiten-Choral und die tschechische Geschichte gestrickt. Nicht zuletzt war das Konzert in London ein sehr emotionaler Ausdruck der Verehrung für seinen Lehrer und Freund Jiří Bělohlávek, wie Jakub Hrůša im Programmheft schrieb.

Bohuslav Martinů komponierte angesichts der Besetzung seiner Heimat durch Nazi-Deutschland eine "Feldmesse" für ein streicherloses Orchester, Männerchor und Baritonsolisten. Das Stück ist bewusst einfach gehalten und für Aufführungen durch Militärmusiker gedacht. Wegen des Krieges konnte das herb patriotische und manchmal archaisch anmutende Werk erst 1947 erstmals gespielt werden. Martinů macht darin reichlich Gebrauch vom Hussitenchoral und schafft eine national-religiöse Kampfstimmung.

Schon Bedřich Smetana und Antonín Dvořák verwendeten Hussitenchoräle in ihren Orchesterwerken, mit denen sie überhaupt erst die nationalromantische Schule Tschechiens gegründet haben. Neben Smetanas "Ma Vlast" ist vor allem die Hussiten-Ouvertüre Dvořáks ein drastisches Beispiel dafür. Der Meister hat sie im Jahre 1883 zur Wiedereröffnung der Prager Nationaloper komponiert und darin einen heroischen Ton getroffen, den man sonst von ihm nicht gewohnt ist.

Eher satirisch ist das Setting der Oper "Die Ausflüge des Herrn Brouček" von Leoš Janáček - darin besucht ein kleinbürgerlicher Allerweltsmann die Künstlerwelt auf dem Mond und die historische Welt des 15. Jahrhunderts auf der Erde. Letztere ist hier als fundamentalistisch zerstrittene Gesellschaft gezeichnet, der Hussitenchoral ist wohl mehr als Mittel zur Überzeichnung gedacht und weniger dazu, zum Kampf aufzurufen.

Schließlich widmen sich das BBC Symphony Orchestra und Jakub Hrůša dem Schwiegersohn Antonín Dvořáks, Josef Suk. Der Geiger und Komponist musste innerhalb einiger Monate zuerst den Tod seines Schwiegervaters, dann seiner Frau Ottilie verkraften. In dieser Zeit komponierte er einige seiner wichtigsten und am meisten beeindruckenden Werke. Das ist neben seiner Asrael-Symphonie die Sinfonische Dichtung "Praha". Auch in diesem groß besetzten Werk taucht der bekannteste aller Hussitenchoräle wieder auf, aber nur als ein Aspekt in der langen und ruhmreichen Geschichte der Goldenen Stadt, die hier beschrieben und besungen sein soll.

BBC Proms
Royal Albert Hall, London
Aufzeichnung vom 26. August 2017

Bohuslav Martinů
Polní mše (Feldmesse) H. 279

Antonín Dvořák
Hussiten-Ouvertüre für Orchester op. 67 

Leoš Janáček
Hussitenchoral aus der Oper "Die Ausflüge des Herrn Brouček"

Josef Suk
"Praha", Symphonische Dichtung für Orchester

Svatopluk Sem, Bariton
BBC Singers (Herren)
BBC Symphony Orchestra
Leitung: Jakub Hrůša

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