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Interview / Archiv | Beitrag vom 25.07.2017

Bayreuther FestspieleKosky inszeniert Wagners "Meistersinger"

Rainer Pöllmann im Gespräch mit Barry Kosky

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Barrie Kosky vor dem Festspielhaus Bayreuth (dpa / Daniel Karmann)
Barrie Kosky vor dem Festspielhaus Bayreuth (dpa / Daniel Karmann)

Barrie Kosky bringt "Die Meistersinger von Nürnberg" auf die Bühne. Damit inszeniert erstmals seit Jahrzehnten ein Nicht-Familienmitglied das Wagner-Stück in Bayreuth. Vor der Premiere sprechen wir mit dem Australier.

"Die Meistersinger von Nürnberg", uraufgeführt im Jahr 1868, sind Richard Wagners einzige Komödie (wenn man das Frühwerk einmal weg lässt), und zugleich sind sie eine der umstrittensten Opern der Komponisten.

Im Kern handelt es sich bei der Oper um ein Künstlerdrama. Im Nürnberg des 16. Jahrhunderts befleißigen sich Kaufleute und Handwerker auch der Kunst, indem sie dem "Meistersang" frönen. Richard Wagner schildert diese Sphäre mit teils bissigem Spott. Denn der Enthusiasmus ist groß, aber die Regeln sind starr, alles Neue und Ungewohnte verpönt.

Wagner-kritischer Debütant - Barrie Kosky hat immer gesagt, er hasse die "Meistersinger". Warum inszeniert er sie jetzt trotzdem - zum Auftakt der Bayreuther Festspiele 2017? Das hat in "Studio 9" Rainer Pöllmann unter anderem den australischen Opern- und Theaterregisseur gefragt.

Die Ordnung gerät ins Wanken, als der junge Walter von Stoltzing alle gesellschaftlichen und künstlerischen Regeln in Frage stellt und sich zudem in Eva verliebt. Die liebt zwar zurück, ansonsten aber stößt Walter auf allgemeine Ablehnung. Nur Hans Sachs, Schumacher und hochgeachteter Meistersinger, erkennt das in ihm schlummernde Potenzial. Mit seiner Hilfe und einer fein gesponnenen Intrige gewinnt Walter das Wettsingen und Eva zur Frau.

Auch politische Agenda des Komponisten kommt zum Ausdruck

Walter von Stoltzing und Hans Sachs sind in diesem Künstlerdrama die Figuren, in denen Richard Wagner seine eigene Überzeugung zum Ausdruck brachte: Die Autonomie der Kunst gegenüber fremden Regeln, ein Zusammenspiel von handwerklichem Können und künstlerisch-kreativer Freiheit - das war auch das Credo des Komponisten. Allerdings kommt in den "Meistersingern von Nürnberg" auch deutlicher als in den meisten anderen Opern Richard Wagners politische Agenda zum Tragen.

In seiner großen Schlussansprache warnt Hans Sachs so vor den Gefahren, die dem Deutschen Reich (des 16. Jahrhunderts) und der "deutschen Kunst" durch "welschen Tand" drohten. Zwar stellt er letztlich die deutsche Kunst noch weit über das Deutsche Reich - der Lobpreis allen Deutschen trug dennoch dazu bei, dass die Nationalsozialisten nicht zuletzt die "Meistersinger von Nürnberg" ideologisch vereinnahmten. Spätestens seit der NS-Zeit ist die Oper also auch Gegenstand heftiger ideologischer Auseinandersetzungen, worauf nicht wenige Inszenierungen ihrerseits Bezug nehmen.

Bei den Bayreuther Festspielen lag die Inszenierung der "Meistersinger von Nürnberg" zumeist in der Hand der Familie Wagner selbst. Der jahrzehntelange Festspielleiter Wolfgang Wagner, ein Enkel Richards, inszenierte die "Meistersinger" nicht weniger als drei Mal. Diesen Inszenierungen wurde oft eine "Butzenscheiben-Romantik" vorgeworfen, die die ideologischen Probleme ausspare und auf eine "heile Welt" setze. Die letzte Inszenierung, die im Jahr 2007 Premiere hatte, stammte von Katharina Wagner, der jetzigen Festspielleiterin.

Mit Barrie Kosky ist nun zum ersten Mal seit Jahrzehnten die "Meistersinger"-Inszenierung eines Nicht-Familienmitglieds in Bayreuth zu erleben. Außerdem handelt es sich um die erste Inszenierung eines jüdischen Regisseurs in Bayreuth. 

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