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Lesart / Archiv | Beitrag vom 03.04.2017

Bayernslam 2017Poesieschlacht in Müchen

Von Caroline von Eichhorn

Mikro (imago stock&people)
Die erste Regel beim Poetry Slam ist eine Ehrenregel: Der Text muss selbst geschrieben sein. (imago stock&people)

Zu den Highlights unter den Poetry Slams gehören die landesweiten Wettbewerbe. Wir waren bei den Bayerischen Meisterschaften in München dabei. Gewonnen hat ein Text, bei dem es um die Nostalgie der Musik aus Jugendzeiten geht.

Oliver Walter: "Am Bahnhof bitte ich einen Obdachlosen um etwas Kleingeld, um dann am Serviceschalter mitzuteilen, dass ich mich etwas verspäte, aber mein Bestes tue, um die Anschlusszüge zu erreichen ..." (Jubel)

Es ist heiß, stickig und eng am Freitagabend im Münchner Ampere. Trotz der frühlingshaften Temperaturen sind die bayerischen Poetry Slam Meisterschaften fast komplett ausverkauft. Aber was ist Poetry Slam noch mal genau?

Pauline Füg: "Das populärste Literaturformat im deutschsprachigen Raum, bei dem mehrere Poetinnen und Poeten gegeneinander antreten. Das Publikum bestimmt. Mein Opa hat sich das bei Wikipedia ausgedruckt und gefragt: dieses 'Pötry Slam', was du immer machst, wie ging es das noch mal? Er hat sich alles gelb markiert, ganz cool."

Pauline Füg, 33, aus Würzburg, steht seit 14 Jahren auf der Bühne.

"Ich bin da mal zufällig reingestolpert kurz vorm Abi und nie mehr rausgestolpert."

Bei den bayerischen Meisterschaften treten 48 Poeten aus ganz Bayern in sieben verschiedenen Veranstaltungshäusern gegeneinander an. Bayernslam – doch auf bayerisch tritt kaum jemand auf.

Alex Burkhardt: "Das Ding ist, es ist eine schöne Sache mit dem Dialekt. Aber es schließt 50 Prozent des Publikums aus. Das möchte man nicht, wenn man auf der Bühne steht."

Es gibt drei Regeln

Auf der Bühne steht nur ein Mikro, am Rand eine Couch. Der Moderator erklärt die Regeln:

"Es gibt drei Regeln. Die erste Regel, eine Ehrenregel: Der Text muss selbst geschrieben sein. Die zweite Regel besagt, dass dieser Text ohne die Hilfe von Requisiten vorgetragen werden muss. Und die letzte Regel besagt, es gibt ein Zeitlimit. Das beträgt heute Abend etwas strengere fünf Minuten."

Reporterin: "Was fasziniert euch an Poetry Slam?"

"Coole Stimmung, nette Leute."

"Faszinierend, was den Leuten einfällt."

"Ist was Besonderes."

Reporterin: "Wer ist euer Favorit?"

"Clara Nielsen auf alle Fälle."

"Wie heißt der? Alex Burkhard?"

Vom Slammen kann man nicht leben

Alex Burkhardt, 28, aus Schwabing, trägt Hornbrille, Halbglatze, macht seit neun Jahren Poetry. Er hat Skandinavistik studiert, und arbeitet mittlerweile im Literaturbereich. Ob man vom Slammen leben kann, steht auf einem anderen Blatt:

"Vom Poetry Slam alleine nicht. Von den Aufträgen und Folgeveranstaltungen, die Poetry Slam mit sich bringt und vom Schreiben und Auftreten können Pauline und ich leben. Ab nem gewissen Erfahrungsgrad und wenn man das tatsächlich möchte, geht es. Poetry Slam ist das Sprungbrett. Spielwiese. Netzwerk. Aber Geld gibt es nicht. Alleine davon geht das nicht."

Am Freitagabend gewinnt Alex Burkhard das Halbfinale im Ampere.

"Es ist das vierte Mal in Folge. Aber dort ist dann meistens Schluss."

Ob es dieses Mal beim Finale klappt zeigt sich am nächsten Abend. Noch eine halbe Stunde bis zum Auftritt.

"Ich mach mich relativ ausführlich warm. Ganzer Körper, Stimme und so weiter, da bin ich in meiner Zone."

Alex Burkhard tritt vors Mikro – mit dem Text "Musik und Jugend":

"Wenn ich heute im Auto des Freundes sitze, durchzucken mich stets musikalische Blitze, die erzählen von Tagen die wichtig mir waren und ich lächle beim durch die Vergangenheit fahren. Denn höre ich heute auch andere Bands. Meist mit mehr Inhalt und weniger Dance hat die Musik meiner Jugend mich erstmals befreit vorm unrettbar tiefen Versinken im Leid. Der Freund ist jetzt Doktor, ich selbst bin Poet. Wir sehen uns selten, so oft es halt geht. Aber wenn er das Gas seines Autos durchtritt, hören wir Reggae und Dancehall und singen laut mit." (Jubel)

Um kurz vor zehn steht die Entscheidung an.

"Und jetzt geben wir das Signal an die Technik, wir hätten gerne das Ergebnis. Jannik Sellmann, unser Drittplatzierter. Auf dem zweiten Platz Flo Langbein, und  ... Alex Burkhard!"

Der frisch gekürte bayerische Meister verbeugt sich tief, streckt den Pokal in die Höhe und genießt - ganz ohne Worte - den frenetischen Applaus.

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