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Kompressor | Beitrag vom 08.10.2014

BayernWie Kultur bis heute im Wirtshaus entsteht

Eine Buchvorstellung mit Puppentheater-Ästhetik und Perfektion in Musik und Text

Von Andi Hörmann

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Menschen sitzen um Tische auf Bänken und Schunkeln, Frauen tragen Dirndl (dpa/picture alliance/Robert Schlesinger)
Hort bayrischer Kultur: Das Wirtshaus (dpa/picture alliance/Robert Schlesinger)

Früher trafen sich in bayrischen Wirtshäusern einfache und kritische Geister, diskutierten über Gott und die Welt und musizierten gemeinsam. Ganz konkret entstand hier Kultur: Lieder, Geschichten, Weltsichten. Und heute? "Die Wirtshauskultur lebt!" ist die These eines Buches, das jetzt erschienen ist. Und es schickt sich an, das ganz praktisch zu beweisen.

Das Wirtshaus: Bühne der Bürger, Theater der Tugend, Sinnbild bayerischer Lebenskultur - zwischen gemütlich und grantig. Kurzum: grad raus.

"'Grad raus' ist eine Mentalität, die man den Bayern nachsagt. Also 'grad raus', direkt, nicht verschnörkelt - Wahrheiten, die unangenehm sind, offen aussprechen."

Elisabeth Tworek leitet die Monacensia, das Literaturarchiv der Stadt München. Sie hat in sieben bayerischen Gaststätten zu Musik und Literatur geladen - eine Art Bestandsaufnahme der Kultur im Wirtshaus, ein Lobgesang auf das Wirtshaus als Ort der Kultur. Zur Veranstaltungsreihe gibt es nun ein Buch, mit Liedtexten von Musikern, Essays von Wirtshaus-Chronisten und Prosatexten von Literaten, deren Wirken das Wirtshaus prägt - Oskar Maria Graf natürlich, und Ödön von Horváth. 180 Seiten, reichhaltig bebildert: "Grad raus - Musik und Literatur im Wirtshaus."

"'Grad raus', der Titel erschien mir passend, weil die Musikerinnen und Musiker zum Teil ziemlich knackige Texte haben, die sehr direkt Lebensbefindlichkeiten und Gefühle ansprechen. Man gibt sich dem Gefühl hin, hört der Musik zu, und dahinter stecken aber hoch intelligente, sehr gut ausgearbeitete, gut gemachte Texte."

Zur Buchpräsentation spielen Julia Loibl und Maria Hafner alias Hasemanns Töchter: Zwei Akkordeons, zwei Stimmen, zwei Dirndl - ein wenig Puppentheater-Ästhetik, viel Perfektion in Musik und Text.

"Die Texte haben eine Wirkung"

Maria Hafner: "Uns hat die Anfrage auch sehr gefreut, als sie gesagt haben, sie möchten die Texte abdrucken, weil es fehlt ja die Hälfte, es fehlt die Musik. Anscheinend haben die Texte so auch ihre Wirkung und wir geben uns bei unseren Texten ja auch Mühe."

Ortswechsel: letztes Wochenende, Oktoberfest, Oide Wiesn, Herzkasperlzelt. Irgendwie das Wirtshaus in Reinkultur, mit mehr als 1.000 Sitzplätzen zwar überdimensioniert, doch mit erlesener bayerischer Volksmusik - eine Mischung aus jung, wild, traditionell. Auf der Bühne: die Schicksalscombo.

Die Schicksalscombo aus München hisst die Segel der Schlager und Operette, sticht in die See der Sehnsucht, umschifft die Bierseligkeit und taucht Wünsche und Missstände in bayerische Seemannschansons. Piratenfahne, Ringel-Shirt und Dirndl-Schürze als Requisiten - ein wenig Fräuleinwunder, ein wenig Schnulzen-Anker.

Kathrin Anna Stahl: "Da kann dann doch immer jeder so tun als ob... Ja, das ist ein alter Schlager! Aber im Endeffekt steht jeder drauf. Das ist tief in uns verankert. Was weiß ich, Filme wie 'Die Fischerin vom Bodensee'. Filme, mit denen wir aufgewachsen sind und die uns wirklich bewegen."

Das Wirtshaus erlebt eine Renaissance

Kathrin Anna Stahl und Anton Leiss-Huber kennen sich von der Bayerischen Theaterakademie, gründen 2013 die Schicksalscombo und finden ihre Heimat im Wirtshaus - erst dort bringen sie alles zusammen: Musik, Schauspiel, Literatur.

Anton Leiss-Huber: "Wir beide können unterschreiben - ohne jetzt sauer unseren Professoren aufzustoßen - wo wir Singen gelernt haben, war im Wirtshaus. Weil die Kathrin und ich haben jahrelang als Studenten unser Geld verdient, im Dreigroschenkeller Brecht zu singen."

Brechts Themen spiegeln sich auch in der Wirtshauskultur wider: Begegnen sich dort doch einfache und kritische Geister, die über Politik diskutieren und sich über soziale Ungleichheit empören. In einer Welt, in der die digitale Entwicklung den Takt vorgibt, erlebt das Wirtshaus seine Renaissance: als Hort der Beständigkeit und kulturelles Biotop, das virtuell gestressten Großstädtern ihre Lebens-Energie zurück gibt.

Mehr zum Thema:

Oktoberfest - Bier, Promille und Vergewaltigungen
(Deutschlandradio Kultur, Kompressor, 22.09.2014)

Geölte Stimmen - Dreiklang mit Wirtshaus
(Deutschlandradio Kultur, Konzert, 14.08.2011)

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