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Fazit / Archiv | Beitrag vom 19.07.2014

Bayerische Staatsoper Exilgeschichte als Oper

"Zeisls Hiob" von Erich Zeisl und Jan Duszynski in München

Von Bernhard Doppler

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Blick auf die Bayerische Staatsoper (dpa picture alliance/ Marc Müller)
Blick auf die Bayerische Staatsoper (dpa picture alliance/ Marc Müller)

Erich Zeisl hat sich wohl sein Leben lang mit Joseph Roths Roman "Hiob" beschäftigt - und hat doch nur die Komposition des ersten Teils fertig stellen können. Der Komponist Jan Duszynski hat die Oper nun durch einen zweiten Teil ergänzt.

Vier Kinder hatte in Joseph Roths Roman "Hiob" der Bibellehrer Mendel, doch sein jüngstes Menuchim war verkrüppelt, mit zehn Jahren konnte es noch kein Wort sprechen. Als die Familie vom ostgalizischen Schtetl nach New York auswandert, muss Menuchim zurückbleiben. Die Familie hört all die Jahre nichts mehr von ihm, nur dass er bei einem Brand überlebt haben soll... Doch dann - Frau und Tochter sind inzwischen verstorben, der Sohn gefallen - kauft der alte Vater Mendel eine Platte mit "Menuchims Lied" und der weltberühmte Komponist - so stellt sich heraus - ist wundersamerweise niemand anderer als Menuchim, der inzwischen als internationaler Stardirigent unter dem Namen Alexej Kossack durch die Welt tourt.

Mit Menuchim hat sich der 1905 im Wien geboren Erich Zeisl, Sohn eines jüdischen Kaffehausbesitzers, wohl identifiziert, und bis zu seinem Tod 1959 in Los Angeles an seinem großen Opernprojekt "Hiob" gearbeitet. Begonnen hatte es 1938 als Schauspielmusik bei einer Gedenkfeier zu Joseph Roth unter französischen Exilanten in Paris. Ist Zeisl mit der Münchner Uraufführung nun doch endlich aus dem Exil zu Hause angekommen, wie Menuchim, zuerst vergessen, dann weltberühmt?

Hiob ist Fragment geblieben

Hiob ist Fragment geblieben, Zeisls hat nur die Komposition des ersten Teils von Joseph Roths fertig stellen können: Familie Mendel vor der Überfahrt in die Neue Welt. Der in Warschau geborene Komponist Jan Duszynski hat die Oper nun durch einen zweiten Teil ergänzt, deshalb heißt der Abend nicht "Hiob", sondern "Zeisls Hiob". Zeisls Fragment - mehr als abendfüllend - hätte freilich wohl auch ohne den Zusatz vorgestellt werden können.

Doch mehr als die Inszenierung (sehr klug zurückhaltend Miron Hakenbeck) interpretiert, akzentuiert und radikalisiert die Zusatzkomposition Zeisls Oper. Struktuiert wirkt sie - unterstützt von Duszynskis Fortführung - von religiöser Musik, sakralen, auch folkloristischen Anklängen, von Liturgie und Klagegesang, aber auch Wortdeutlichkeit. Kinderchor und kommentierender Chor lassen das Werk in ein Pessach-Fest münden. Gegenüber Schauspielfassungen von Joseph Roths Roman ist das Geschehen also religiös beschwert und damit vereinfacht, zumal die Musik (von Zeisl, aber auch von Duszynski) die Worte des schlichten Librettos von Hans Kafka allzu deutlich unterstreicht.

Zeisls Musik ist durchaus hollywoodtauglich

"Zeisls Hiob" gehört zu dem fast familiären Umfeld des deutschen kalifornischen Exils (Lion Feuchtwanger, Arnold Schönberg, Hans Eisler, Ernst Krenek....). Zeisl Tochter Barbara Zeisl-Schönberg, die sich nun mit großem Einsatz um das Werk ihres Vaters bemüht, heiratete einen Sohn Arnold Schönbergs.

Doch gegenüber der Musik des Schwiegervaters ist Zeisls Musik durchaus auch hollywoodtauglich: eingängig, manchmal überzeugend rhythmisch, mit opernhaften Ausbrüchen. Für den Tenor Chris Merrit ist Mendel eine große Herausforderung, die er immer wieder stimmgewaltig und darstellerisch eindrucksvoll meistert, wie auch Christa Ratzenböck als Mendels Frau Deborah. Die Bühne reduziert auf Tisch, Stühle, Schrank und ein Ehebett und ein großer Theatervorhang im Hintergrund, aber auch Orchester und Chor sind dort posiert. Mit dem Orchester Jakobsplatz und seinen Dirigenten Daniel Grossmann ein Ensemble gewonnen, das sich auf "jüdische Musik im Kontext des 20. und 21. Jahrhunderts" spezialisiert hat. Dafür ist Zeisl Hiob tatsächlich ein gutes, wenn auch bisweilen etwas langatmiges Beispiel geworden.

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