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Zeitfragen | Beitrag vom 09.07.2019

Bauwirtschaft und KlimaschutzStahl, Beton und Zement verschlingen Energie

Von Kristin Langen

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Baukräne in Berlin recken sich in den blauen Himmel. (chromorange)
Klimafreundliches Bauen findet im Gebäudeenergiegesetz bisher wenig Beachtung. (chromorange)

Wie viel Energie benötigt wird, um Baustoffe herzustellen, spielt bei vielen Ökobilanzen und Gesetzen bisher kaum eine Rolle. Ein Bauwende-Bündnis fordert ein Umdenken. Die Politik warnt vor Bürokratie und Kosten.

"Naja, hauptsächlich Beton, also mineralische Rohstoffe, sag ich mal, Kalk, Zement und Stahl, Holz weniger, als Holz nur als Schalung. Das sind die hauptsächlichen Rohstoffe: Stahl und mineralische Stoffe."

Peter Müller, Bauingenieur und Bauleiter, sitzt in einem Bürocontainer in Berlin-Wedding mit Blick auf die Großbaustelle für die er zuständig ist. An den Wänden hängen ausgedruckte Pläne, das Radio läuft und durch die offenen Fenster ist der Baulärm zu hören. Draußen in der Sonne legen circa 20 Bauarbeiter Stahlmatten aus, verschalen zukünftige Decken und Wände mit Holz und gießen Beton. 

Ein Neubau ist geplant. Bis zu 60 Wohnungen sollen hier entstehen, dazu Gewerbeflächen und Büroräume.

"Wir sind so circa für das ganze Haus, weiß ich nicht, ich glaube da sind wir bei 5000 Kubikmeter ungefähr, reiner Beton, und Stahl, würde mal auch so ungefähr um die 2500  Tonnen Stahl sagen, ungefähr."

Porträt von Ulrich Wischnath, Vorsitzender des Bauwende Vereins und Koordinator des Bauwende-Bündnisses.  (Kristin Langen)Tritt für Klimaschutz und Ressourcenschonung im Bausektor ein: Ulrich Wischnath vom Bauwende-Bündnis. (Kristin Langen)
"Stahlbeton ist eine Bauweise, die extrem weit verbreitet ist, aber halt auch extrem ressourcen- und energiehungrig ist – und für viele CO2-Emissionen verantwortlich ist. Und tendenziell müssen wir sicher gucken, dass da, wo Stahlbeton durch etwas anderes zu ersetzen geht, das auch tun."

Ulrich Wischnath schaut skeptisch auf die dicken Betonwände und die vielen Stahlmatten. Er ist Sprecher vom Bauwende-Bündnis, einem Zusammenschluss verschiedener Akteure aus dem Bereich ökologisches Bauen. Das Bündnis setzt sich dafür ein, dass Klimaschutz und Ressourcenschonung im Bausektor politisch mehr Berücksichtigung finden. Eine Forderung lautet, graue Energie und graue Emissionen zu reduzieren. 

Zementindustrie verursacht Treibhausgase

"Wenn man es jetzt auf individuelle Häuser runterbricht, dann ist es inzwischen so, dass die Hälfte von der Energie, die über den gesamten Lebenszyklus gebraucht wird: Also von eben Herstellung der Baumaterialen, Errichtung, Nutzung des Hauses, Instandsetzung bis dann zur Entsorgung. Die Hälfte all der Energie über den Lebenszyklus ist bereits verbraucht, wenn der erste Mensch das Haus betritt, weil das eben in der Herstellung der Baumaterialen drinsteckt. Und eben aus der Perspektive von einem individuellen Neubau ist es geradezu fahrlässig, die Energie für die Herstellung der Baumaterialen zu vernachlässigen, weil man dann einfach auf einem Auge blind ist."

Wie hoch der Anteil der grauen Energie bei einem Neubau genau ist, unterscheidet sich je nach Berechnungsmethode und Art des Hausbaus. Fest steht: Beton und der darin enthaltene Zement sind in ihrer Herstellung besonders energieintensiv und setzen bei der Produktion besonders viele Emissionen frei.

Allein die Zementindustrie ist für acht Prozent der globalen Treibhausgasemissionen verantwortlich. Wäre die Zementindustrie ein Staat, wäre sie die Nation mit den dritthöchsten Emissionen weltweit, rechnet Ulrich Wischnath vor. Gemeinsam mit dem Bauwende-Bündnis fordert er deshalb gesetzlich festzuschreiben, dass die Verwendung von energieintensiven Baumaterialen vermieden und durch Alternativen ersetzt werden soll.

"Da, wo es geht, mit etwas anderem als Zement bauen. Da, wo es möglich ist, eben ersetzen. Das heißt, irgendwie Zement durch oder Beton durch eine Holzbauweise. Es gibt auch andere Leichtbauweisen. Weggehen davon, mit Stahlbeton das ganze Haus zu bauen."

Politik sieht Priorität im kostengünstigen Bauen

Ortswechsel: Berlin-Mitte, ein kühler großer Büroraum im Bundesinnenministerium. Peter Rathert, Leiter des Referats Gebäude und Anlagentechnik, ist hier für Fragen zum neuen Gebäudeenergiegesetz zuständig. Eigentlich wollte die Bundesregierung bis Januar dieses Jahres ein Gesetz auf den Weg bringen, das die Richtlinien zur energetischen Gebäudesanierung, als auch zum Neubau zusammenzufasst.

Doch es gibt Unstimmigkeiten zwischen dem Innen- und dem Umweltministerium darüber, wie weit die Umweltauflagen gehen sollen. Noch befindet sich das Gesetz deshalb in der Ressortabstimmung. Das Thema graue Energie spielt bisher keine Rolle.

"Naja, die Zeit haben wir eigentlich nicht mehr, das ist schon klar. Aber das weiß auch jeder. Andererseits muss man natürlich immer aufpassen, dass man nicht das Kind mit dem Bade ausschüttet. Wir müssen schon auch sorgfältig prüfen, was gut ist, was machbar ist, was auch zu vertretbaren Kosten machbar ist." 

Wohnungsbau und Klimaschutz – ein Widerspruch?

Machbar ist die Bewertung der grauen Energie bereits. Das zeigt der Bund, wenn er öffentliche Gebäude bauen lässt. Hier muss für die verwendeten Rohstoffe eine umfangreiche Ökobilanz erstellt werden. Was für öffentliche Gebäude gilt, soll aber, wenn es nach Peter Rathert geht, noch nicht für private Bauten gelten, also keine Berücksichtigung im neuen Gebäudeenergiegesetz finden. Ziel sei es, so Rathert, die Vorgaben zu entbürokratisieren, das Bauen soll beschleunigt werden und die Baukosten sollen sinken. Das Thema graue Energie stehe diesen Vorgaben im Weg. 
 
"Ich darf in diesem Zusammenhang auch darin erinnern, dass wir ja auch das Ziel haben, 1,5 Millionen neue Wohnungen zu bauen. Auch das ist ein großes, übergeordnetes Ziel, dem sich alle verpflichtet fühlen, und das muss dabei irgendwie auch untergebracht werden in all unseren Überlegungen, wie wir die Klimaschutzziele erreichen."

Zurück auf der Baustelle: Ulrich Wischnath vom Bauwende-Bündnis.

"Wir fordern, dass die graue Energie im Gebäudeenergiegesetz Berücksichtigung findet und dass die KfW-Förderung auch in diese Richtung orientiert wird."

Wischnath und Rathert sind sich einig: Förderungen der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) könnten Anreize für die Bauindustrie schaffen, den Einsatz von grauer Energie zu reduzieren. Uneinigkeit gibt es dagegen bei der gesetzlichen Regulierung. Während die Politik auf die nächste Legislaturperiode verweist, fordert das Bauwende-Bündnis keine weitere Zeit verstreichen zu lassen.

Wer selbst baut und die Ökobilanz der verwendeten Baumaterialen berechnen möchte, kann dies auf der Internetseite des Bundesamtes für Bauwesen und Raumordnung tun.

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