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Fazit / Archiv | Beitrag vom 13.04.2013

Baustelle wird zur Schaustelle

Die temporäre Plattform der Pinakothek der Moderne in München

Von Adolf Stock

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Pinakothek der Moderne in  München (Pinakothek der Moderne)
Pinakothek der Moderne in München (Pinakothek der Moderne)

Sechs Monate bleibt die Pinakothek der Moderne in München wegen Renovierungsarbeiten geschlossen. In der Zwischenzeit steht eine mobile Ausstellungshalle vor der Tür – mit einem ambitioniertem Programm zu Moderner Kunst, Design, Grafik und Architektur.

Ärgerlich, wenn ein Museumsneubau schon nach zehn Jahren ein Sanierungsfall ist, doch Wolfgang Heubisch, bayerischer Staatsminister für Wissenschaft, Forschung und Kunst, bleibt heiter und gelassen:

"Na ja, jetzt ist es halt passiert, da kann ich jetzt nichts machen, dass die damaligen Voraussetzungen der Materialien noch nicht so bekannt waren, und jetzt müssen wir natürlich nicht in Sack und Asche gehen, sondern wir sehen das positiv: Wir wollen nach vorne gehen, wir wollen hoch interessante Projekte hier vorstellen in der Schaustelle, das ist in der Tat auch eine Chance, etwas ganz Neues auch in München zu kreieren, was wir seit langem nicht mehr gehabt haben, und deswegen bin ich so positiv gestimmt."

Für Lethargie und Stimmungstief fehlt den Münchnern die Zeit. Die Leiter und Kuratoren der vier Museen stecken voller Tatendrang. Stolz stehen sie in der mobilen Ausstellungshalle, die einen Sommer lang die Pinakothek der Moderne ersetzen soll. Die Kultur findet jetzt vor dem Museum statt, in einer multifunktionalen Kiste, die ursprünglich als mobile Kunsthalle für den Berliner Humboldthafen in Planung war und nun in München steht. 40 Meter lang und knapp 16 Meter breit ist der Entwurf des Berliner Architekten Jürgen Mayer H.:

Jürgen Mayer H.: "Die Infobox ist eine experimentelle Plattform, hier kann man ausstellen ohne die ganzen Einschränkungen, die man hat in einem Museum, wo es um Sicherheit geht und natürlich um andere Werte. Hier kann ausprobiert werden, wie sich so ein Museum öffnen kann, zur Stadt, zu den Bürgern, wo eine andere Art von Lebendigkeit stattfinden kann.

Und die Struktur ist eigentlich gedacht wie eine Art Setzkasten oder Hintergrundrauschen für das, was dann hier passieren soll, von Performances über Installationen, auch Lichtkunst, Lesungen, Kinovorführungen, Architekturdiskussionen – alles, was so ein Museum lebendig macht."

Neue Nationalgalerie in Berlin als Vorbild

Die Neue Nationalgalerie in Berlin ist ein Vorbild. Schon Mies van der Rohe versah einen soliden Museumsbau mit einem transparenten Aufbau, der sich nur mit viel Fantasie museal verwenden lässt. In München wurde das Konzept radikalisiert: Unten die geschlossene Box als Ausstellungsraum, darüber eine begehbare Gerüststruktur, die ganz unterschiedlichen Zwecken dient.

Seit Anfang des Jahres ist Andres Lepik Leiter des Architekturmuseums. Ein schwieriger Start, der aber die Möglichkeit bietet, den Museumsbetrieb etwas zu entstauben:

Andres Lepik: "Für uns ist das natürlich die wunderbare Chance, mit allen vier Sammlungen quasi auf einem kleinen Raum zusammenzuarbeiten und hier mit einer temporären Struktur auch mal Ideen zu überlegen, einfach mal neue Formate zu testen, wie wir vielleicht auch später im Haus wieder weiterarbeiten können, wenn wir wieder wiedereröffnen."

Auch die Besucher müssen ran. Mal ein paar Bilder gucken und im Museumsshop stöbern war gestern. Mitmachen ist angesagt. Das Museum will Animator sein, ein Trimmdichpfad für Kunst und Kultur. Die Münchner sind aufgerufen, ungewöhnliche Stühle vorbeizubringen, die von einer Jury gesichtet und bewertet werden. Über die App "Open Boxes" wird das Museum digital. Werke der Graphischen Sammlung werden ins Netz gestellt. Kuratorin Corinne Rose berichtet von unzähligen Projekten. So wurde bei einer Glashütte in Oberfranken ein Pavillon bestellt, der aus mundgeblasenem Flachglas besteht.

Corinne Rose: "Einen roten Container, und in diesem Container wird immer eine andere temporäre Architektur aufgebaut, mal ein Freudenhaus, mal ein Blutspender-Dienst, mal eine sakrale Einrichtung. Und das letzte Beispiel muss ich noch kurz sagen, das Architekturmuseum lässt von Studenten 30 Raumobjekte bauen und hier soll ein eigenes Leben, eine eigene Siedlung entstehen."

Die Schaustelle als mobile Kunstmaschine, die ständig in Bewegung ist und sich verändert. In der Halle steht zunächst ein schwarzes Ungetüm, eine begehbare Sofortbildkamera, die lebensgroße Lichtbild-Unikate macht. Der Apparat wurde 1970 von dem Münchner Physiker Werner Krauss erfunden. Staatsminister Heubisch steht schon neben seinem Konterfei. Er hat sichtlich Spaß und lässt sich neben seinem Foto fotografieren. Irgendwie sind alle froh, einmal ganz neu und ganz anders denken zu dürfen. Mal sehen, was vom Münchner Sommer übrig bleibt. Andres Lepik verspricht jedenfalls, dass es bis zum Schluss spannend sein wird.

Andres Lepik: "Für mich ist ein Lieblingsprojekt von Folke Köbberling und Martin Kaltwasser aus Berlin, die hier eine Art von temporäres Parkhaus bauen werden. Und dieses Parkhaus wird sich durch die selbstgesteuerten Autos, die da drin stehen, selbst zerlegen, selbst auflösen. Und das wird dann auch ein bisschen das Ende der Schaustelle sein, dass wir sozusagen noch eine Extrastruktur haben, die sich selbst zerstört."

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