Seit 10:05 Uhr Lesart
Dienstag, 27.10.2020
 
Seit 10:05 Uhr Lesart

Länderreport | Beitrag vom 03.06.2020

Bauprojekt Sternbrücke im Hamburger SchanzenviertelWie ein Flugzeugträger im Wohngebiet

Axel Schröder

Beitrag hören Podcast abonnieren
Autos fahren unter der Sternbrücke im Hamburger Schanzenviertel. (Imago / Lars Berg)
Die alte Sternbrücke im Hamburger Schanzenviertel steht schon seit Mitte der 1920er Jahre. (Imago / Lars Berg)

Im Hamburger Schanzenviertel soll eine denkmalgeschütze Brücke durch einen deutlich größeren Neubau ersetzt werden. Ziel ist mehr Verkehrssicherheit. Gegen den Plan regt sich Protest.

Als wäre der Autolärm an der Kreuzung Stresemannstraße, Max-Brauer-Allee noch nicht laut genug, dröhnen tagaus, tagein auch noch rund 900 Züge über die Sternbrücke. Etwas schäbig und verwittert überspannt sie die Kreuzung diagonal, sie steht unter Denkmalschutz.

Kristina Sassenscheidt vom Hamburger Denkmalverein will die alte Brücke retten: "Die Brücke besteht im Prinzip aus zwei Elementen: Einmal dieser Stahlüberbau und dann die Unterbauten, die nochmal besonders architektonisch gestaltet sind. Nämlich mit einer expressionistischen Backsteinarchitektur, wie sie in den Zwanzigerjahren in Hamburg ohnehin sehr typisch war, und die wir zum Beispiel aus dem Kontorhausviertel kennen."

Stilprägend für das Quartier

Der 17 Meter breite und 75 Meter lange flache Brückenkörper präge das Quartier seit seiner Eröffnung Mitte der 1920er Jahre.

"Zu einer Zeit, als die Bahn gerade eine neue Stahlqualität eingeführt hat, nämlich den so genannten hochfesten Stahl ST48. Der war deutlich besser als der vorher verwendete Stahl, wurde dann auch überall in Deutschland eingesetzt und die Sternbrücke war eine der ersten, bei der er eingesetzt wurde."

An der Standfestigkeit der Brücke liege es also nicht, dass sie abgerissen und neugebaut werden soll, sagt Sassenscheidt. "Das Problem ist nicht, dass die Stützen nicht fest stehen. Das Problem ist, wo sie stehen, nämlich teilweise mitten auf der Straße. Und damit hat die Verkehrsbehörde ein Problem. Weil sie Angst hat, dass, nachdem 90 Jahre nichts passiert ist, jetzt plötzlich vielleicht ein LKW dagegen fahren könnte und dass das dann natürlich eine statische Bedrohung für die gesamte Brückenkonstruktion wäre."

Immer wieder hat es in der Vergangenheit zwar LKW-Fahrer gegeben, die die zulässige Durchfahrthöhe der Sternbrücke missachtet haben. Ernste Probleme gab es durch die feststeckenden Laster aber nicht.

Schock über die gigantischen Ausmaße

Zusätzlich zu den Sorgen um die alte Brücke kommt bei Kristina Sassenscheidt noch der Schock über die gigantischen Ausmaße des geplanten Brückenneubaus: "Die Bahn hat ja am 16. April erstmals der Öffentlichkeit Pläne vorgestellt für einen Neubau der Brücke, der sämtliche Dimensionen sprengt, der dieses kleinteilige Stadtgefüge, was wir hier vorfinden, komplett zerstören würde und natürlich auch den Umgebungsschutz der ganzen umliegenden Denkmäler."

Eine Animation der Bahn zeigt, wie die neue Querung einmal aussehen soll: mit einem 21 Meter hohen, hellgrauen Stahlbogen überragt der dann nicht 75, sondern 108 Meter lange Brückenbau auch die fünfstöckigen Altbauten rechts und links der Stresemannstraße.

Dafür bietet sie hohe Schallschutzwände - und sie hat für die Planer der Verkehrsbehörde einen entscheidenden Vorteil: durch den Rundbogen entfallen die Stützpfeiler auf der vielbefahrenen Straße. Sieben Gebäude müssen abgerissen werden, um Platz für die neue Brücke zu machen.

Clubs im Bahndamm

Auch die alteingesessenen Clubs – die Astrastube, das Fundbureau, die Beat Boutique und der Waagenbau - müssten weichen. Schon seit Jahren sei klar, dass sie irgendwann raus müssten, erzählt John Schierhorn. Er gehört zum Team, das den Electro-Club Waagenbau betreibt:

"Technisch gesehen sind wir nicht mal die Brücke, sondern der Bahndamm. Die Brücke ist der Mittelteil und wir sind sozusagen das Gemäuer davor. Und was die Bahn vorhat, um das Ganze zu stabilisieren, ist vorne Schallbretter davorzuhauen, das Ganze mit Beton auszufüllen. Damit sind diese wundervollen Räume leider für immer verloren."

Schierhorn fährt fort: "Das steht an, das wird irgendwann passieren und die Planungen waren noch nie so konkret wie heute. Wir Clubs müssen auf jeden Fall gehen, weil wir eben im Bahndamm sitzen und die Räume verfüllt werden. Egal, was passiert."

Längst liefen aber schon Gespräche mit der Stadt und der Deutschen Bahn, sagt John Schierhorn. Das Ziel: wenn sich der Neubau schon nicht verhindern lässt, soll auf jeden Fall ein neuer Ort gefunden werden. Denkbar wäre es, den Waagenbau und die anderen Clubs einfach neben die neue Brücke - dorthin, wo wegen der Bauarbeiten ohnehin Häuser abgerissen werden müssen - zu verpflanzen.

"Wir sind Musik-Clubs. Wir wollen es doppelt so groß, doppelt so cool, doppelt so geil, bessere Infrastruktur. Und wir wollen die schönen Sachen, nämlich die Atmosphäre mitnehmen", erzählt Schierhorn. Und dann würde das ewige Aufwischen im Waagenbau nach heftigen Regengüssen einfach wegfallen.

Die Verkehrsbehörde will es so

Dass die alte Sternbrücke erhalten werden könnte, glaubt Stefanie von Berg nicht. Die Grünen-Politikerin leitet das zuständige Bezirksamt Altona. Und auch sie macht keinen Hehl daraus, was sie von den monströsen Neubauplänen der Bahn hält.

"Die Brücke, wenn sie denn so kommt, ist städtebaulich schon eine große Herausforderung, rein visuell. Das muss ich immer wieder sagen. Ich habe sie nie befürwortet, ich werde sie auch nie befürworten. Es ist ein technisches Bauwerk, das entstanden ist aufgrund des Planungsverlangens der SPD-geführten Verkehrsbehörde."

Die Bahn treffe deshalb nicht mal die Schuld an den Planungen für die Riesenbrücke. Das Unternehmen teilt auch mit: "Maßgeblich war das Ziel des Hamburger Senats, mehr Platz zu schaffen unter der Brücke, um die Sicherheit für Fußgänger, Auto- und Radfahrer zu erhöhen."

Die Planer in der Hamburger Verkehrsbehörde hätten nun mal eine Brücke ohne Stützpfeiler bestellt. Und die gebe es nur, wenn das Bauwerk durch den mächtigen Rundbogen stabilisiert wird.

Die Parteien in der Altonaer Bezirksversammlung wollen nun eine Bürgerbeteiligung organisieren. Dass die aber wirklich ein Umdenken zur Folge haben könnte, bezweifelt Stefanie von Berg: "Ein Erhalt wird mit Sicherheit nichts. Wenn es zu Umplanungen kommen sollte, dann muss allen klar sein, dass das sehr viel Geld und Zeit wird. Und das ist die Frage, ob wir als Stadt bereit sind, das tatsächlich auch in Kauf zu nehmen."

Die Kosten für eine Neuplanung beliefen sich auf einen zweistelligen Millionenbetrag, die Verzögerung läge bei rund vier Jahren, so die Bezirksamtsleiterin.

Kreativer Grillhähnchen-Protest

Kristina Sassenscheidt vom Denkmalverein gibt sich trotzdem kämpferisch. Immerhin stehe nicht nur die alte Brücke unter Denkmalschutz. Auch mehrere der umliegenden Gebäude sind Baudenkmäler und besitzen damit einen sogenannten Umgebungsschutz.*) "Deswegen gehe ich auch stark davon aus, dass sich die Denkmaleigentümer auch vorbereiten werden auf Klagen. Das wird alles nicht so easy durchgehen, wenn sich die Stadt tatsächlich auf diesen riesigen Neubauentwurf versteift."

Die Bürgerinitiative gegen den Brückenneubau wächst jedenfalls. Und hat mit Kreativität auf die Pläne reagiert. An den Graffiti-besprühten Backstein-Wänden neben den Musik-Clubs hängen nun großformatige Gegenentwürfe, die die Absurdität der Riesenbrücke deutlich machen sollen. Statt der Brücke überspannt ein Flugzeugträger die Straßenkreuzung, ein überdimensioniertes Grillhähnchen oder die Golden Gate Bridge.


*) Wir haben an dieser Stelle den Sachverhalt etwas präzisiert.

Mehr zum Thema

Streit um Flakbunker auf St. Pauli - Kann man aus einem Nazi-Bunker ein Hotel machen?
(Deutschlandfunk Kultur, Länderreport, 20.09.2019)

Hamburg plant neuen Stadtteil - Nach der Hafencity kommt bald Grasbrook
(Deutschlandfunk Kultur, Länderreport, 17.04.2019)

Lärmschutz für Anwohner in Hamburg - Wie ein Deckel die Autobahn leise macht
(Deutschlandfunk Kultur, Länderreport, 09.09.2019)

Länderreport

Duell in Berliner SPDChebli gegen Müller
Michael Müller und Sawsan Chebli (imago images / Jens Jeske)

In der Berliner SPD brodelt es. Zwei bekannte Mitglieder wollen im selben Bezirk für den Bundestag kandidieren: der Regierende Bürgermeister Michael Müller und Sawsan Chebli, Staatsekretärin in der Senatskanzlei. Prominente Unterstützer haben beide.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur