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Studio 9 | Beitrag vom 05.06.2015

Bauprojekt mit HürdenEine neue palästinensische Stadt im Westjordanland

Von Florian Elsemüller

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Zu sehen ist ein Kontrollpunkt an der Einfahrt zum Westjordanland (picture alliance/dpa/Daniel Karmann)
Ein Kontrollpunkt an der Einfahrt zum Westjordanland - zur Autobahn, die durch das Gebiet führt. (picture alliance/dpa/Daniel Karmann)

Jahrzehntelang waren jüdische Siedlungen die einzigen nennenswerten Bauprojekte im Westjordanland. Jetzt aber baut ein palästinensischer Geschäftsmann mit Geld aus Katar eine neue Stadt in der Westbank, für bis zu 40.000 Bewohner. Doch über die Infrastruktur entscheidet die israelische Armee.

"You have to be very careful when we go inside."

Wir steigen aus dem Jeep. Hier, im größten Steinbruch der Westbank muss ich vorsichtig sein, sagt Jack.

Jack Nassar: "The largest stone cutting factory in all Palestine."

Mit gewaltigen Sägen zertrennen Arbeiter die Felsblöcke, die sie aus den kargen Hügeln des Westjordanlands brechen. Jeder Stein, den sie in Rawabi verbauen, nur wenige hundert Meter den Hang aufwärts, wird hier geschnitten und behauen. Denn Roadblocks der israelischen Armee bringen den Verkehr in der Westbank oft zum Erliegen. Das größte Projekt in der Geschichte Palästinas soll nicht von Material abhängig sein, dass erst nach Rawabi gebracht werden muss.

Jack Nassar arbeitet in Rawabi, und zeigt mir seine Baustelle.

"Now we go there, to the city."

Wir fahren über staubige Wege den Hügel hinauf. Dort oben stehen die Baukräne, die die neun-stöckigen Apartment-Gebäude in die Höhe ziehen. Von machen steht bisher nur das Skelett. In anderen warten sie nur noch auf den Wasseranschluss.

"We are just waiting to connect the homes with water, and the people can move in."

4000 Menschen arbeiten auf der Baustelle

Es wird eine moderne Stadt, mit Internet aus Glasfaserkabeln. Mit kleinen Stadtvierteln, jedes mit eigenem Spielplatz. Im Zentrum teure Restaurants, ein Park, ein Einkaufszentrum.

Mustafa steht auf einem Gerüst. Mit einem Hammer treibt er Nägel in Holzbalken. Wie viele andere palästinensische Arbeiter, hatte er bis vor drei Jahren, auf seiner Suche nach Arbeit, jüdische Siedlungen gebaut.

Mustafa: "Ich kann es gar nicht beschreiben. Es ist ein Gefühl wie über den Wolken. Ich arbeite in meinem eigenen Land."

Jetzt baut er eine palästinensische Stadt. Zuhause, in seinem Dorf schätzen ihn die Nachbarn wieder mehr. Seine Kinder sind stolz auf ihn.

"Gott sei dank, arbeite ich jetzt hier, Gott sein dank."

4000 Menschen haben hier Arbeit gefunden. Und alle sind stolz auf das, was sie hier bauen. Genau wie ihr Chef, Bashar Masri, die treibende Kraft hinter Rawabi. Er sitzt in seinem Büro, einem Container ohne Klima-Anlage am Rand der Baustelle. Dunkel blauer Anzug, eng geschnitten. Bashar Masri ist ein Geschäftsmann mit Charisma, in Nablus geboren, in den USA ausgebildet, dort hat er sein breites Lächeln gelernt. Das Geld für Rawabi hat er an einem einzigen Tag eingesammelt, bei Investoren in Katar. Die Summe verrät er nicht. Geschätzt: Eine Milliarde Dollar.

Masri: "I think for the first time in our history, the Palestinians feel, we are doing something, wow, a bang, a big project. We are now building a city, we are capable of building a state."

Noch steht nur der Rohbau

Er sagt, wenn sie es schaffen, diese Stadt zu bauen, können sie beweisen, dass sie einen eigenen Staat verdient haben. Doch bis dahin ist es ein langer Weg. Die israelische Armee entscheidet im von ihr besetzten Westjordanland, ob Masri eine breitere Straße nach Rawabi bauen darf, und ob er die Stadt ans israelische Wassernetz anschließen kann.

"Dafür musste ich mindestens 200 Meetings abhalten. Stellen Sie sich vor, ich bin als Manager dieser Firma der größte Arbeitgeber im Land, und ich verbringe 85 Prozent meiner Zeit damit, mich mit den Besatzern rumzustreiten."

Für Masri steht viel auf dem Spiel. Sein Name als erfolgreicher Geschäftsmann, Geld, und die Hoffnung der Palästinenser, vor allem der Mittelschicht.

Sagt Ahmad Kadri, Rawabis Social-Media-Experte. Noch steht nur der Rohbau. Wir laufen über 90 Quadratmeter grauen Beton. Schlafzimmer, Küche.

Kadri: "My bedroom should be here. Kitchen. ­– And your living room? – My living should be here."

62.000 Dollar. Kadri hat schon gekauft. Andere fliegen noch virtuell durch eine Computer-Animation im Showroom nebenan.

Kamal: "Yes, of course, this is the new life."

Kamal und Ibrahim leben nicht im Westjordanland, sondern auf der anderen Seite der Sperranlage, die Palästina und Israel trennt. Sie sind sogenannte israelische Araber.

Ibrahim: "We have passport Israel, but I am Palestinian."

Ibrahim nimmt die Pläne des ehemaligen israelischen Außenministers Liebermann ernst, dass falls eines Tages ein palästinensischer Staat gegründet werde, die israelischen Araber dort wohnen sollen. Ibrahim hätte schon eine Wohnung.

Ibrahim: "I have a house here. The Future, we don't know, what's the future."

Und sein Freund Kamal sagt, für ihn gehe ein Traum in Erfüllung, endlich in Palästina zu leben.

Kamal: "Das hier ist etwas Neues. Und es gibt hier alles. Schnelles Internet. Ich glaube, ich habe hier die Zukunft gesehen. Eine gute Zukunft."

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