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Länderreport | Beitrag vom 01.03.2021

Bauprojekt Beelitz-Heilstätten in BrandenburgNeues Leben für die Ruinensiedlung

Von Christoph Richter

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Ein prachtvoller Bau mit Rasen und hoch gewachsenen Bäumem im Vordergrund erstrahlt im Sonnenlicht. Die Fassade enthält Klinkerflächen und gelb angemalte Flächen. (Deutschlandradio / Christoph D. Richter)
Das ehemalige Verwaltungsgebäude des Lungensanatoriums im brandenburgischen Beelitz zeugt von einer großen Vergangenheit. Mondän sei das Sanatorium aber nicht gewesen, sagt Gästeführerin Irene Krause. Denn anfangs kamen vor allem Arbeiter aus Berlin. (Deutschlandradio / Christoph D. Richter)

Die Beelitz-Heilstätten waren Anfang des 20. Jahrhunderts weltbekannt. Das Sanatorium für Tuberkulose-Kranke überstand zwei Weltkriege und den Kalten Krieg, doch nach der Wende setzte der Verfall ein. Nun soll dort neuer Wohnraum entstehen.

"Das ist der Zauberberg in Brandenburg, ganz genau…." Irene Krause ist Gästeführerin – und Co-Autorin einer höchst aufschlussreichen Publikation zur Geschichte des Lungensanatoriums Beelitz-Heilstätten.

Zu seiner Zeit, Anfang des 20. Jahrhunderts, galt Beelitz weltweit als eine der modernsten Tuberkulose-Heilanstalten: "Ich sage immer, das war der Zauberberg der Arbeiter. Das waren nämlich die Arbeiter aus der Industriestadt Berlin. Es gibt immer sehr viele Erzählungen, dass dann hier auch Privatpatienten lagen, die dann ihr Essen auf silbernen Tellern bekommen hätten. Das ist Quatsch."

Waldluft wurde eigens angesaugt

Die Ausrüstung war damals auf dem modernsten medizinischen Stand, erzählt Irene Krause. Die Krankenräume besaßen ein ausgeklügeltes Belüftungssystem, die sogenannte "Lufttherapie": Dabei wurde Waldluft angesaugt und direkt in die Krankenzimmer befördert. Auch Liegekuren im Freien waren ein unverzichtbarer Bestandteil der Tuberkulosebehandlung.

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Die 65-jährige Gästeführerin betont auch: Es sei kein Ort für Promis gewesen, kein nobles Hotel "Schatzalp" im schweizerischen Davos, wie es Thomas Mann im "Zauberberg" beschreibt. Im Gegenteil: In Beelitz sollten die normal-sterblichen Menschen, die Arbeiter- und Angestelltenschaft, die Hausdiener und Kriegsverwundeten geheilt werden. Das alles weiß Irene Krause von Postkarten, die Patienten damals nach Hause geschickt haben.

Nachzulesen ist das in einem Buch über die Heilstätten. Dort steht etwa geschrieben: "Hier in Beelitz ist es sehr schön…. man lebt hier wie ein Fürst." An andere Stelle heißt es: "Wir liegen am Tage auch sieben Stunden… so soll ich's nun 26 Wochen aushalten, um meinen Feind zu bekämpfen, die Beelitzer Haustiere (Bazillen)."

Einst Lungensanatorium, jüngst Filmkulisse

Gemeint ist der Tuberkelbazillus. Betroffen von der Tuberkulose waren Anfang des 20. Jahrhunderts insbesondere Menschen, die beengt und in verschmutzen, oft auch dunklen, feuchten Mietskasernen gelebt haben. Die Todesrate war immens, weshalb man die Krankheit auch die "Weiße Pest" nannte.

Um die Menschen zu heilen, hat die Landesversicherungsanstalt Berlin 1898 das Lungensanatorium unter märkischen Kiefern errichtet. "Die ätherischen Öle der Kiefern, die reinigen die Luft regelrecht", erzählt Krause. "Es war wirklich gute Luft. Außerdem gab es hier schon den Bahnanschluss."

Nebenbei bemerkt: Noch heute erkranken nach Angaben des Robert Koch-Instituts weltweit zehn Millionen Menschen an Tuberkulose, 1,5 Millionen sterben daran.

Heute ist von der einstigen Pracht des legendären Lungensanatoriums in Beelitz nur wenig zu erahnen. Gebäude sind verfallen, Fenster vernagelt, Türen verrammelt. Es wirkt wie eine untergegangene Stadt. Geheimnisvoll und sagenumwoben. Einer der Gründe, warum Regisseure wie Roman Polanski und Bryan Singer nach Beelitz kamen, um Filme zu drehen, wie der "Der Pianist" und "Operation Walküre – Das Stauffenberg-Attentat".

Eine neue Waldstadt entsteht

Demnächst sollen hier – rund um die historischen Gebäude wie das Badehaus, das alte Heizwerk oder das Männersanatorium mit den großzügigen Liege-Veranden 250 Wohnungen und 400 kleine Häuser entstehen. Die ersten Bagger sind bereits unterwegs. Ein komplett neuer Ortsteil soll gebaut werden. Eine Waldstadt an einem historischen Ort.

"Wir freuen uns, dass die historische Bausubstanz wieder eine Zukunft bekommt. Es gibt Perspektiven für die Nachnutzung", sagt Thomas Lähns. "Es geht nicht nur darum, dass hier Wohnmöglichkeiten geschaffen werden, dass hier ein komplett neues Ortszentrum entsteht", fährt der Sprecher der Stadt Beelitz fort, "sondern darum, dass die Bausubstanz erhalten bleibt."

Lange war unklar, was mit dem Areal passiert. "Bis vor fünf Jahren ist hier alles Ruine gewesen", sagt Irene Krause. "Ich hab eigentlich schon gar nicht mehr dran geglaubt, dass hier überhaupt noch jemand Geld reinsteckt."

Militärkrankenhaus der Sowjetunion

Nach Kriegsende 1945 hätten zunächst die Sowjets die historischen Gebäude durch die Nutzung als größtes Militärkrankenhaus außerhalb der eigenen Landesgrenzen weitgehend erhalten, erzählt sie, auch wenn sie keinen großen Blick für die Denkmal-historische Dimension gehabt hätten.

Noch heute zeugt von der Zeit der Roten Armee in Beelitz ein heroisches Denkmal eines sowjetischen Sanitäters, der aufrecht und stolz vor dem Männersanatorium steht. An anderen Stellen sieht man kyrillische Inschriften.

Die Steinskulptur zeigt einen sowjetischen Militärsanitäter, der ein Gewehr vor sich hält. Im Hintergrund ein Gebäude, bei dem einige Scheiben kaputt sind. (Deutschlandradio / Christoph D. Richter)Das Denkmal eines sowjetischen Militärsanitäters erinnert an die Zeit, als hier das größte sowjetische Militärkrankenhaus außerhalb der UdSSR betrieben wurde. (Deutschlandradio / Christoph D. Richter)

Es heißt, auch der frühere KGB-Mitarbeiter Wladimir Putin sei einmal zur Behandlung in Beelitz gewesen. Sicher ist: 1990, kurz nach dem Mauerfall, fand das Ehepaar Honecker hier in einer ehemaligen Ärztevilla Asyl, bevor die Sowjets sie vom ehemaligen Militärflugplatz Sperenberg in die Sowjetunion ausgeflogen haben.

Gruftis und dann die Metalldiebe

Was jedoch nach dem Mauerfall und Abzug der Sowjets 1994 mit Beelitz-Heilstätten passiert, ist die typische 90er-Jahre-Geschichte, wie man sie in Ostdeutschland oft erlebt: Die geschichtsträchtigen Gebäude standen lange leer und verfielen.

Dann kamen Gruftis, auf der Suche nach schaurigen Ruinen. Aber nicht nur sie, erzählt Krause: "Diese Gruftis, die damals hier waren, die haben das Gelände eigentlich geschont. Die sind gekommen und haben sich erfreut. Schlimm war es durch den Metallklau. Diese Leute, die dann hier waren, die ganzen Dächer vom Kupfer befreit haben, die haben die Schäden gemacht."

Wer aufmerksam durch das Gelände stapft, begegnet heute noch imposanten Bauten, mit herrschaftlichen Säulenportalen, Liegeterrassen, großzügigen Treppenhäusern. Exotisch und versteckt im märkischen Kiefernwald.

Konzipiert und erbaut wurde das alles zu großen Teilen vom Architekten Heino Schmieden – der zusammen mit Martin Gropius in Berlin eine Büro-Gemeinschaft betrieb und dem ganzen Areal seinen Stempel aufgedrückt hat.

Patient Adolf Hitler

Die Heilstätten seien auch ein Ort der Toleranz gewesen, sagt Krause: "Hier, im Verwaltungsgebäude war ab 1902 bereits ein Betsaal für jüdische Patienten. Es waren viele jüdische Patienten, denen hat man einen Betsaal eingerichtet. Es gab hiert auch eine Kapelle, die gibt es nicht mehr, die wurde in den letzten Kriegstagen beschädigt und wurde dann abgebrochen. Und die hatte zwei Sakristeien, eine für den katholischen, eine für den protestantischen Pfarrer."

Während beider Weltkriege wurde die Lungen-Heilanstalt Beelitz auch als Kriegslazarett genutzt, um verwundete Soldaten zu versorgen. Und noch so eine kuriose Fußnote der Geschichte: 1916 soll Hitler Patient in Beelitz gewesen sein – damals noch ganz normaler Soldat und Gefreiter.

Es ist also ein geschichtsträchtiger Ort, der viel Fingerspitzengefühl bei der Planung und Sanierung braucht, aber auch viel Geld.

Klinkerbau und Steildach kommen

Aus einem Teil des Flächendenkmals Beelitz-Heilstätten soll eine Wohnsiedlung entstehen. Investor ist der Bauingenieur Jan Kretzschmar.

Wie die Häuser mal aussehen sollen, da hat der 50-Jährige klare Vorstellungen. "So wie sich ein Kind vorstellt, wie ein Haus eben aussieht. Rotes Dach, gelber Putz, paar Klappläden an der Fassade, eine bunte Tür. Ich nenne es immer Sehnsuchts-Architektur. Das heißt: weg von klobig anthrazit, sondern wieder hin zu Werten, wie sie hier schon stehen. Wie die Denkmale im Wald."

Ein warmes, heimeliges einkuschelndes Lebensgefühl will Bauherr Kretzschmar, ein kleiner, drahtiger Typ.

Letztlich sind die Häuser eine Mischung aus Puppenstuben-Flair und Pippi-Langstrumpf-Feeling: "Pippi Langstrumpf. Nee, ganz so schlimm ist es nicht. Aber Klinkerputz, Steildach, das ist wieder gefragt."

3500 bis 4000 Menschen, so der Plan, sollen auf dem Gelände des einst größten Lungensanatorium Europas dann leben. Zur Zeit ist man an den Bauvorbereitungen, der Bebauungsplan ist genehmigt. 

Noch allerdings fehlten einige Baugenehmigungen für die Häuser, sagt Kretzschmar. Aber er sei zuversichtlich, dass sie demnächst kommen, so dass er beginnen kann.

Ein Reihenhaus für 390.000 Euro

Im Sommer will er den ersten Grundstein legen, 2023 spätestens, soll alles fertig sein. Beelitz-Heilstätten: gerade für Berliner ideal gelegen. Mit dem Regionalzug – der bald auch halbstündlich fahren soll – ist man in einer halben Stunde am Ku'damm, in einer guten Stunde am neuen Hauptstadt-Flughafen BER.

Eine halbe Milliarde Euro will Kretzschmar nach eigenen Angaben investieren. Die Kosten für Mieter und Käufer: "Sie zahlen hier 11 Euro pro Quadratmeter. Das Reihenhaus beginnt bei 390.000, 400.000 Euro."

Doch es gibt auch Skeptiker. Sie fürchten, dass hier ein nobles unbezahlbares Davos des 21. Jahrhundert, ein schicker Zauberberg mitten im märkischen Kiefernwald entstehen soll.

Nein, sagen Stadtsprecher Thomas Lähns und Investor Jan Kretzschmar unisono. Eine tote Schlafstadt – wie in einem amerikanischen Hollywood-Streifen – wolle man nicht bauen. Sondern ein Quartier für Alle, sagt Kretzschmar: "Ich glaube, auch Thomas Mann würde sich hier wohlfühlen."

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