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Zeitfragen | Beitrag vom 17.11.2020

Baumfeldwirtschaft"Aufbäumen" gegen die Erwärmung der Erde

Von Anna Marie Goretzki

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Philipp Gerhardt steht vor einem Acker. (Deutschlandradio / Anna Marie Goretzki)
Forstwirt Philipp Gerhardt sieht in der "Baumfeldwirtschaft" eine effektive Antwort auf den Klimawandel. (Deutschlandradio / Anna Marie Goretzki)

Der Klimawandel schreitet voran, trockene Böden bereiten den Landwirten in großen Teilen Deutschlands Sorgen. Bei der Umstellung auf klimafreundliche Methoden berät sie der Forstwirt Philipp Gerhardt: Bäume spielen dabei eine zentrale Rolle.

Marc Dümichen steht auf einem Brandenburger Feldweg im Niederen Fläming. Es ist Herbst. Die Sonne steht schon tief überm Horizont. Hinter dem Landwirt liegt ein Dürresommer, wieder einmal.

"Bei uns ist ab März kein Wasser", erzählt er. "Von März bis Ende Juli, Anfang Juli fällt kein Tropfen Wasser. Und dieses Wasser brauchen wir aber, um in Zukunft überhaupt noch irgendwelche Erträge zu generieren. Also Getreide funktioniert nicht mehr."

Auf Direktsaat und Dauerbegrünung umgestellt

Dabei ist der 46-jährige Hüne erfinderisch. Zugunsten seines Betriebs setzt er gerne auch auf weniger konventionelle Anbaumethoden. Vor rund 15 Jahren hat er auf Direktsaat und Dauerbegrünung umgestellt. Er sät also direkt ins unbestellte Feld, und seine Böden sind ständig von Pflanzen bewachsen. Das habe schon viel gebracht, reiche aber bei Weitem nicht als Antwort auf den Klimawandel.

Über die platten Ackerflächen von Dümichen fegt der heiße Wind im Sommer ungebremst: "Da haben wir nicht die Hand vor Augen gesehen, so ein Staub war hier. Das haben wir jedes Jahr. Und jedes Jahr viel schlimmer als im Jahr davor."

Landwirt Mark Dümichen steht neben seinem Auto auf dem Feld. (Deutschlandradio / Anna Marie Goretzki)Landwirt Mark Dümichen möchte seine Felder für den Klimawandel stark machen. (Deutschlandradio / Anna Marie Goretzki)

Dümichen, dessen Vorfahren schon seit 1600 hier den Boden bestellen, möchte etwas unternehmen. Hof, Betrieb und Boden sollen eines Tages an seinen Sohn übergehen - und zwar in einem besseren Zustand als jetzt. Deswegen hat er sich an Philipp Gerhardt gewandt.

Breit angelegte Baumreihen auf dem Acker

Der 37-jährige Forstwirt ist Experte für Agroforstsysteme. Er berät Land- und Forstwirte nicht nur in Deutschland zu dem, was er "Baumfeldwirtschaft" nennt. Sein Vorschlag für Dümichen: Auf dem Acker breit angelegte Baumreihen pflanzen, die den Wind bremsen und zwischen denen die großen Landmaschinen bequem fahren können.

"Wir setzen Gehölze", erklärt er, "die diese dienenden Funktionen haben für den Ackerbau, dass wir eben sagen: Wir möchten was, was robust ist, was dieses Klima hier im Niederen Fläming zum Beispiel aushält, was uns Schatten bringt, Taubildung und so. Was aber gleichzeitig auch einen Fruchtertrag hat, um in der landwirtschaftlichen Förderung zu bleiben."

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Dümichen nickt. Denn auf die Agrarsubventionen kann sein Betrieb nicht verzichten: "Wenn das Geld da wäre, würde ich meine komplette landwirtschaftliche Nutzfläche, mein Eigentum, das sind 100 Hektar, die würde ich nehmen und würde sagen: Philipp, bitte, fang an zu pflanzen."

Philipp Gerhardt schlägt die Pflanzung von Robinien vor, sowie besondere Pappelzüchtungen, die gut mit solch trockenen Standorten zurechtkommen.

Ein Waldgarten als Modellort

Doch Gerhardts Klimavisionen gehen um einiges weiter. Rund 70 Kilometer südwestlich von Berlin hat er in Brück den Waldgarten der FRIEDA-Bildungs- und Begegnungsgemeinschaft mit aufgebaut. Ein Modellort, in dem an einem - wie es auf ihrer Homepage heißt - "radikalen Wandel in der Landbewirtschaftung" gearbeitet wird. Ein Experimentierfeld auch für eine besondere Form des Klimaschutzes.

Denn mit den Problemen durch Hitze und Trockenheit ist der Landwirt Dümichen natürlich nicht allein, sagt Philipp Gerhardt.

"Wir haben weitestgehend eine ausgeräumte Landschaft", erklärt er, "wo der Wind drüber hinweggehen kann, ungebremst, wo das Licht gut reflektiert wird, sich in Wärmestrahlung umwandelt und wo wir dann den Wind auch noch aufheizen. Und das ist wie ein Föhn. Und er geht über diese Flächen hinweg und nimmt die Feuchtigkeit raus. Und das müssen wir aufbrechen und müssen zu einer reich strukturierten, gehölzreichen Landschaft zurück, um die Winde zu bremsen, zu verwirbeln, um durch die Verdunstung der Pflanzen wieder Kühlung zu schaffen."

Er läuft durch den Waldgarten. Überall Pflanzen - am Boden, auf Kniehöhe, über dem Kopf. Zwischen all den Pflanzen wachsen hier auch zehn verschiedene Sorten Haselnüsse und acht unterschiedliche Esskastaniensorten.

Der Esskastanienbaum – ein Klimawandelgehölz

Die sind für Philipp Gerhardt besonders wichtig: "Das hier zum Beispiel ist eine Kreuzung aus europäischer und japanischer Esskastanie."

Esskastanienbäume sind sehr dürreresistent und könnten dem fortschreitenden Klimawandel gewachsen sein. Deren Pflanzung hätten in der Baumfeldwirtschaft für Landnutzer gleich mehrere Vorteile, so Gerhardt: Die essbaren Baumfrüchte ließen sich zusätzlich zu den bereits vorhandenen Produkten vermarkten, sie würden den Humusgehalt auf dem Acker erhöhen, große Mengen an Kohlenstoff binden, Nährstoffe und Wasser im Boden halten, vor Wind und Erosion schützen.

Esskastanien in einer Vorrichtung zum Rösten (Deutschlandradio / Anna Marie Goretzki)Mit Esskastanien als Grundnahrungsmittel könnte dem Klima geholfen werden. (Deutschlandradio / Anna Marie Goretzki)

Aber Gerhardt will nicht nur Landwirte anregen, Klimawandelgehölze in Agroforstsystemen zu pflanzen, sondern appelliert auch an uns Konsumenten, unsere Ernährung zu verändern. Weniger Getreide und stattdessen beispielsweise mehr Walnüsse oder Esskastanien essen, damit kochen und backen. Dem Klima zuliebe.

"Wir können eine unglaubliche CO2-Bindung leisten"

"Weil, wenn wir Baumfrüchte essen, dann ist das nicht nur gesünder als das ganze Getreide, sondern dafür müssen ja Bäume wachsen und das ist das eigentlich Interessante", sagt er. "Wenn ich Acker umwandele in Baumkulturen, dann habe ich in der Regel eine ziemliche Erhöhung des Humus im Boden und Humus ist zu 98 Prozent Kohlenstoff. Also: Wir können eine unglaubliche CO2-Bindung leisten."

Seine Klimavision: Großflächig "essbare Landschaften", wie er sie bildstark nennt, pflanzen. Gerhardt schweben statt plattem Land lichte Wald-Weidelandschaften vor.

In der dem Waldgarten angegliederten Baumschule, verkaufen sie nicht nur das, was sie hier "Klimabäume" nennen, sondern forschen auch zu diesen Klimawandelgehölzen. Also Baumarten und -sorten, die besonders gut mit Hitze, Wasserknappheit, Spätfrost umgehen können.

Pfahlwurzler kommen an tiefe Wasserschichten

Es sind Pfahlwurzler, die ihre Wurzel vertikal nach unten in den Boden schieben und so auch an tiefe Wasserschichten kommen. Sie wachsen hier in besonders tiefen Aufzuchtbehältern, damit sich die lange Pfahlwurzel gut entwickeln kann.

"Es geht eben darum, dass der Baum einen guten Start hat", erläutert er. "Wenn Dürren kommen, macht es einen Unterschied, ob eine Pflanze in den oberen zehn, 20 Zentimetern des Bodens wurzelt oder schon 70, 80 oder 100 Zentimeter tief. Und deswegen sind vor allem die Pfahlwurzler interessant, also Walnuss, Esskastanie, die Schwarznuss, die Pecannuss, die Hickorys, und so weiter."

Also auch sogenannte "fremdländische" Arten, auf die der Agroforstplaner und die Baumschule setzen. Stefan Adler, Referent für Waldpolitik beim NABU-Bundesverband, begrüßt die Agroforstsysteme zwar grundsätzlich, sieht die Einführung gebietsfremder Arten aber kritisch.

"Die Natur weiß eigentlich am besten, womit sie zurechtkommt", sagt er. "Die Natur versucht immer, stabile Systeme zu schaffen, und deswegen wäre es eben auch wichtig, dass man vor allem auf heimische Bäume setzt, die in Zukunft hier auch in der Landschaft wachsen sollen.

Philipp Gerhardt meint, die Chance hätten wir Menschen verspielt. Der Klimawandel schreite so schnell voran, da kämen viele heimische Arten nicht mehr mit. Jetzt ginge nur noch eines: Mit Esskastanie und Co "aufbäumen" gegen den Klimawandel.

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