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Fazit / Archiv | Beitrag vom 25.11.2013

BauhausRatlosigkeit in Dessau

Stiftung Bauhaus muss sich neu ausrichten

Von Christoph Richter, Landeskorrespondent Sachsen-Anhalt

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Der Direktor der Bauhaus-Stiftung Philipp Oswalt vor dem Bauhaus in Dessau (AP)
Der Direktor der Bauhaus-Stiftung Philipp Oswalt schweigt zu der Personalie. (AP)

Die Stiftung Bauhaus Dessau braucht einen neuen Direktor, nachdem der Stiftungsrat Philipp Oswalt - seit 2009 Direktor - die erst zugesagte Vertragsverlängerung aufgekündigt hat. Die Konsequenzen sind weitreichend, denn ein Großteil der inhaltlichen Arbeit steht zur Disposition.

Die Stirnfalten haben sich bei den Verantwortlichen der Dessauer Bauhausstiftung tief ins Gesicht gefurcht. Denn mit dem Weggang des Bauhaus-Direktors Philipp Oswalt stehen lange vorbereitete Kooperationen, Ausstellungspläne und Sammlungsankäufe zur Disposition. Ratlosigkeit mache sich breit, sagt der am Bauhaus Dessau arbeitende Kurator Torsten Blume. Und betont, dass gerade die Projekte, mit denen man die Vermittlung des geistigen und materiellen Erbes und dessen Übermittlung in die Gegenwart  weiter vorantreiben wollte, nun zwar nicht null und nichtig seien, jedoch in Frage gestellt werden würden.

Torsten Blume: "Also erst mal ist eine entscheidende Position weggebrochen. Wir haben jetzt die letzten fünf Jahre dran gearbeitet, dem Bauhaus ein neues Gesicht zu geben, eine neue Vermittlungsstrategie zu entwickeln. Und mit Philipp Oswalt ist da viel passiert. Es sind Weichen gestellt worden."

Konkret geht es beispielsweise um das von der Bundeskulturstiftung geförderte Ausstellungsprojekt „HAUSHALTEN“ – ein extrem aktuelles Thema – das für nächstes Jahr geplant war, von dem aber nun keiner mehr weiß, ob es überhaupt noch umgesetzt  werden kann. Was auch daran läge, weil das Projekt im Wesentlichen durch die Person Philipp Oswalts geprägt sei, sagt Kunsthistoriker Torsten Blume:

"Ein Thema, was anknüpft an die Rationalisierungsutopien der Zwanziger-Jahre des Bauhauses. Das übersetzt in die Gegenwart als eine Frage des nachhaltigen Wirtschaftens heute. Das ist so ein Projekt."

Wichtige Aufbauarbeit "ins Ungefähre verdrängt"

Ein wichtiges, nicht zu vernachlässigendes Thema sei auch die kontinuierliche Sammlungspflege, also der gezielte Ankauf von Nachlässen, um die eigene Sammlung zu komplettieren. Denn nach Jahren der Stagnation, habe man versucht, betont Sammlungsleiter Wolfgang Thöner, die gesamte Bandbreite des Bauhauses mehr in den Fokus zu nehmen, auch um die internationale Reputation der Bauhausstiftung Dessau zu schärfen.

Kunsthistoriker Thöner verweist auf den Ankauf diverser Foto-Nachlässe, ein lange vernachlässigtes Thema in der Bauhaus-Rezeption. Derzeit stehe man mit dem Sprengel-Museum Hannover und der Berlinischen Galerie im Gespräch, von denen man seltene Foto-Nachlässe von Bauhaus-Erben erwerben wolle. Doch ob das jetzt noch geschehe, stehe durch die erzwungene Vakanz im Direktorat nun in den Sternen. Wichtige sammlerische Aufbauarbeit würde jetzt unterbrochen, ins Ungefähre verdrängt, so Bauhaus Experte Wolfgang Thöner:

"Das ist jetzt problematischer, das weiterzuführen. Es gibt jetzt auch Verhandlungen mit anderen Bauhaus-Erben. Da wird sehr genau geguckt. Von namhaften und nicht so namhaften Künstlern. Ich kann da jetzt keine Namen nennen. (lacht) Aber das sind schon wichtige Sachen, aber es sind auch Werte die in die Sammlung kommen. Mal ganz zu schweigen, vom Zuwachs an den Möglichkeiten für Forschung und Ausstellungen und so weiter."

Ein überaus wichtiger Aspekt der inhaltlichen Arbeit der Bauhaus-Stiftung in den letzten fünf Jahren war der Gegenwartsbezug des Bauhauses. Denn in den Augen des Frankfurter Architekten Philipp Oswalt – der sich auch als Raumpionier einen Namen gemacht hat -  ist das Bauhaus eine Ideenwerkstatt, die immer mehr war, als nur Stahlrohrstühle, Kuhfell-Liegen und die Meisterhäuser.

Oswalt selbst schweigt

Oswalt hat sich auf die Fährten der Gründerväter um Walter Gropius begeben, denen es nie um eine bestimmte Ästhetik, sondern immer auch um politische und soziale Fragen ging. Genau diese „Ganzheit“, den Zusammenhang von Praxis und Theorie hat Oswalt in den Blick genommen. Und daRahingehend auch die Forschungsarbeit ausgerichtet. Beispielsweise auf die Ostmoderne. Also die Architektur der frühen DDR, die sich vielerorts in der Tradition des Bauhaus sah. Doch ob die zeitgenössische Programmatik der Bauhaus-Stiftung nun weiter geführt wird, ist mehr als ungewiss. Nochmal Sammlungsleiter Wolfgang Thöner, der seit 1985 am Bauhaus Dessau arbeitet:

"Es ist nicht selbstverständlich, dass jemand sagt: Okay, ich lege jetzt mein Augenmerk auch auf die Ostmoderne, die mit der ostdeutschen Bauhausrezeption zusammenhängt. Es kann sein, dass jemand sagt, nee. Das ist zwar ein interessantes Thema, aber meine Prämissen liegen ganz woanders. Das kann dann durchaus sein, dass solche Projekte, die kurz vor der Antragsstellung stehen, dann nicht erfolgen."

Akteure aus Wissenschaft, Kunst und Politik wurden am Bauhaus miteinander ins Gespräch gebracht. Damit war das Bauhaus Dessau auf einmal nicht mehr nur ein Museum, sondern auf dem Weg ein internationaler und intellektueller Ort der Debatte und des Diskurses zu werden. Eine wirkmächtige Kulturinstitution sollte entstehen, so wie man sie eher in Berlin oder Hamburg, aber nicht in Sachsen-Anhalt vermuten würde. Ein Konzept wofür Philipp Oswalt Zuspruch und Anerkennung bekam. Weltweit. Doch der Traum eines sachsen-anhaltischen Think Tanks, namens Bauhaus Dessau, diese Illusion dürfte seit Freitag begraben sein.

Gerne hätten wir zu all dem natürlich auch Philipp Oswalt selbst befragt, doch er hat sich dieser Tage ein Schweigegelübde auferlegt. Traurig sieht er nicht aus, eher enttäuscht. So als wolle er sagen, ihr werdet schon sehen, was ihr davon habt. Und damit scheint er möglicherweise Recht zu haben, denn ein gleichwertiger Ersatz ist derzeit überhaupt nicht in Sicht. Das meint zumindest der Dessauer Sammlungsleiter Wolfgang Thöner:

"Was ich mir vorstellen kann, dass gerade Leute die sozusagen auf ähnliche Erfahrungen zurückblicken können, dass die eher abgeschreckt sind. Es werden  jetzt eher junge dynamische Leute kommen. Die sagen, okay es sind nur fünf Jahre, aber da kann ich was Schönes in meine Biografie schreiben. Also die Gefahr besteht, dass das Bauhaus hier zum Sprungbrett für junge karrierewillige Menschen wird."

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