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Fazit / Archiv | Beitrag vom 08.06.2008

Barock- und Clubkultur gemischt

Händel-Festspiele in Halle wagen sich an eine "Elektronische Renaissance"

Von Claus Fischer

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Händel-Denkmal in Halle  (AP-Archiv)
Händel-Denkmal in Halle (AP-Archiv)

Bei den diesjährigen Händel-Festspielen in Halle versuchen die Organisatoren, sich auch dem jungen Publikum zu nähern. Unter dem Motto "Electric Renaissance" wurde die Händel-Oper "Alcina" mit elektronischen Klängen gemischt, die Handlung über Projektionen visualisiert. Ob die erhoffte Wirkung bei Jugendlichen ankommt, ist fraglich.

"Geistliche Musik im profanen Raum", das Motto der Festivaljahrgangs 2008 bezieht sich darauf, dass Georg Friedrich Händel eine ganze Reihe von Sakralwerken, vor allem Oratorien, in weltlichen Theatern aufgeführt hat. Das, so die künstlerische Leiterin der Händelfestspiele Halle, Hanna John, unterscheidet ihn etwa vom Leipziger Musikerkollegen Johann Sebastian Bach:

"Also Bach hat ja jeden Sonntag eine Kantate geschrieben, und da war es klar, dass die im Gottesdienst aufgeführt wird, während Händel schon 1708 damit begann, das anders zu machen…"

Am Pult der diesjährigen Festspielproduktion des Opernhauses Halle einer szenischen Version des Oratoriums "Belsazar" stand der österreichische Alte-Musik-Experte Martin Haselböck. Während er, das Sängerensemble und das Händelfestspielorchester eine gute Leistung ablieferten, geriet das Regiedebut des jungen Franzosen Philippe Calvario, übrigens ein Schüler von Patrice Chereau, zum Debakel.

Er illustrierte die Handlung lediglich durch Bilder, in denen es vor Plattitüden nur so wimmelte. Etwa wenn er den lasterhaften Hofstaat des babylonischen Belsazar als eine kitschige barocke Mischung von Marquis de Sade-Kostümen und Friedrichstadtpalast inszenierte.

Kein Oratorium, sondern eine Oper Händels stand im Mittelpunkt von "Electric Renaissance", einem Festspielangebot speziell für jüngeres Publikum:

"Am Anfang stand eben die Auseinandersetzung mit dem Format 'Oper’, insbesondere mit der Barockoper und den Reiz, diese Barockoper in das Heute zu übersetzen…"

Olaf Nachtwey, Performancekünstler aus Halle und Organisator von "Electric Renaissance", ist bekennender Händel-Fan. Doch weiß er auch, dass die Opern des Komponisten sich nicht ohne weiteres einem jüngeren Publikum erschließen.

Da ist zum einen die komplizierte Handlung um Liebe, Intrigen, Eifersucht und Verrat und zum anderen die rund 300 Jahre alte Musik. Auch der junge italienische Dirigent Lorenzo Ghirlanda weiß um diese Hemmschwellen:

"Wenn ich heute ausgehe, z.B. abends, ich höre nicht Barockmusik. Also es gibt sehr wenige Clubs oder Lokale, die Barockmusik als Tanzmusik machen. Aber diese Musik gefällt mir, ich bin mit dieser Musik irgendwie doch aufgewachsen, habe sie studiert und alles. Und für mich ist sehr reizvoll die Konfrontation zwischen unserer Musik der heutigen Zeit und dieser Alten Musik."

Clubkultur und Hochkultur in einem? Geht das zusammen? Olaf Nachtwey war jedenfalls davon überzeugt. Mit "Alcina" wählte er eine der schönsten Händelopern aus, um sie mit elektronisch erzeugter Popmusik zu mischen. Aufgeführt wurden nur die Arien. Statt der Rezitative gab es moderne klangliche Überleitungen: Der Dirigent Ghirlanda:

"Die Arien werden verbunden durch Sounds und Geräusche des Film- und Theatermusikers Thies Streifinger. Also, es gibt Händel in einem Soundbett der elektronischen Musik, wir benutzen dieses Soundbett um mit den heutigen Hörgewohnheiten dieses Publikum abzuholen und es im Endeffekt bei den wunderschönen Arien der Alcina ankommen zu lassen."

Für die originalen Händelklänge waren die beiden hervorragenden Sängerinnen Marta Almajano und Allyson McHardy zuständig. Begleitet wurden sie von einem Barockorchester der besonderen Art, die Mitglieder waren nämlich zwischen 13 und 18 Jahren alt und kamen aus ganz Deutschland.

Das Jugendbarockorchester Michaelstein wird vom Land Sachsen-Anhalt gefördert und ist deutschlandweit einmalig. Spielen die Jugendlichen doch ausschließlich auf Nachbauten historischer Instrumente, betont Dirigent Lorenzo Ghirlanda:

"Es ist Wahnsinn, wir haben bis 10 Uhr abends geprobt und sie wollten noch bis Mitternacht proben, also sie sind begeistert, sie spielen genau mit dieser Begeisterung. Die Begeisterung hört man sofort."

Zur Musik Händels und den elektronischen Klängen spielte sich die Handlung der Oper "Alcina" auf zwei visuellen Ebenen ab, allerdings reduziert auf menschliche Grundgefühle wie Verliebtheit, Wut, Trauer, Hass und Befreiung. Zum einen gab es Fotoprojektionen, die die Protagonisten der Oper als Besucher einer samstäglichen Disco zeigten, zum anderen improvisierten Ausdruckstänzer der Compagnie der Leipziger Choreographin Heike Hennig die Gemütszustände in Palucca-Manier.

Dass sich dadurch jungen Leuten die Handlung von Händels "Alcina" erschließt, ist fraglich. Zumal diese visuelle Komponente zuweilen ziemlich unbeholfen, um nicht zu sagen provinziell, wirkte.

Trotz dieser Unzulänglichkeiten - den Versuch, Händel und Clubkultur zusammenzubringen - war das Ganze in jedem Fall wert.

Stichwort "zusammenbringen": Die Hallenser Händelfestspiele kooperieren in diesem Jahr erstmals mit dem Händel House Museum in London, nämlich in einer gemeinsamen Ausstellung. Thema: Händel und die Kastraten. Darüber hinaus gibt es ein gemeinsames Konzert mit dem Bachfest im benachbarten Leipzig, das ja am kommenden Wochenende beginnt. Festspielleiterin Hanna John:

"Wir haben ja auch schon immer mal Vereinbarungen mit Göttingen. Nicholas McGegan kommt ja auch in diesem Jahr mit dem "Samson" nach Halle, und diese Zusammenarbeit wollen wir auch in Zukunft fortführen."

Hanna John, die Leiterin der Händelfestspiele in Halle. Das größte Klassikfestival im Bundesland Sachsen-Anhalt dauert noch bis zum kommenden Sonntag (15.6.2008).

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