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Weltzeit | Beitrag vom 14.05.2020

Barcelona in der Coronakrise Eine Stadt besinnt sich

Von Julia Macher

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Drei ältere Frauen sitzen in mit Coronamaske in Barcelona auf einer Bank. Eine Frau liest Zeitung, die beiden anderen unterhalten sich.  (imago images/Agencia EFE)
In wenigen Wochen von einem Extrem zum anderen. Erst war Barcelona voll von Touristen, jetzt sind viele Straßen und Plätze fast leer. (imago images/Agencia EFE)

Die Coronakrise beutelt die Tourismusbranche in Spanien. Besonders betroffen: Barcelona. Mit mehr als 21 Millionen Übernachtungen im letzten Jahr leidet die Mittelmeermetropole aber auch unter dem Massentourismus. Kann sich das ändern?

Das Altstadtviertel Born in Barcelona. Die Jalousien der Cafés und Geschäfte sind größtenteils noch heruntergelassen, lediglich die Bäckerei an der Ecke bietet – auf Vorbestellung – belegte Brötchen und Kaffee zum Mitnehmen an. Unter den Platanen am Passeig del Born führen ein paar Hundebesitzer ihre Vierbeiner spazieren. Vor der zum Museum umfunktionierten Markthalle fahren Kinder Rollschuhe: Platz dafür gibt es jetzt genug. Eva Poch und ihre Schwester Nuria lehnen am Gemäuer der Markthalle und halten ihre Gesichter in die Nachmittagssonne.

Barceloniner erobern sich ihre Altstadt zurück

Nein, die Touristen vermisse sie überhaupt nicht, betont Nuria. Ihre Schwester ergänzt:

"Wir Barceloniner hatten jahrelang Gefühl, dass die Stadt nicht mehr uns gehört. Wir waren bloß ein Störfaktor im großen Business der Hotels, Airbnbs, Restaurants. Ich hoffe, dass sich das jetzt ändert! Natürlich weiß ich, dass die Stadt die Touristen aus wirtschaftlichen Gründen braucht. Aber als Anwohnerin finde ich das großartig: Hier sitzen zu können, mich hier an diesem Platz mit Nachbarn treffen zu können, nach dem wir die ganze Altstadt jahrelang gemieden haben, ist unbezahlbar. Ich hätte nie gedacht, dass ich das noch erleben darf."

Mehrere Touristen schlängeln sich im Sommer 2019 mit Rollkoffern durch eine Einkaufsstraße in Barcelona. (imago images/Agencia EFE/Quique García)Vor der Pandemie war die Altstadt von Barcelona, wir hier im Sommer 2019, von Touristen überlaufen. (imago images/Agencia EFE/Quique García)
Explosionsartig gestiegene Mieten, Häuserblocks, die fast ausschließlich aus – oft illegalen – Ferienappartements bestehen, Straßenzüge, in denen es ein Dutzend Souvenirshops, aber keinen einzigen Lebensmittelladen gibt: Barcelonas Altstadt galt jahrelang als Musterbeispiel für die Folgen von exzessivem Tourismus. Jetzt drohen der Branche Umsatzeinbußen von bis zu 40 Prozent, und das Mitleid vieler Anwohner hält sich in Grenzen.

Mehr sozial verträglicher Tourismus

Ein paar hundert Meter weiter, im Rathaus von Barcelona, sieht man das etwas differenzierter. Die linksalternative Stadtverwaltung versucht sich im Spagat zwischen ökonomischen Interessen und sozialer Verträglichkeit. 14 Prozent von Barcelonas Wirtschaftsleistung hängen am Tourismus. Als 2008 die spanische Immobilienblase platzte und das Land in eine schwere Krise rutschte, hatte sich die Branche als Stabilitätsgarant entpuppt. Auch deswegen schnürt die Verwaltung nun millionenschwere Hilfsmodelle und will die Zwangspause durch die Coronakrise lediglich für leichte Korrekturen nutzen. In Barcelona gebe es nicht zu viel Touristen, die Besucherlast sei lediglich ungleich verteilt, sagt Xavier Marcé, der zuständige Stadtrat.

"Das Stadtgebiet von Barcelona umfasst 100 Quadratkilometer, die Touristen bewegen sich aber höchstens auf 20 Quadratkilometern. Wenn es uns gelingt, den Tourismus auf etwa 50 oder 60 Quadratkilometern zu verteilen, hätten wir nicht mehr den Eindruck, dass die Stadt so überlaufen ist."

Neue Konzepte jenseits der Touristenpfade

Das Post-Pandemie-Szenario böte eine einmalige Chance, die Touristenströme umzulenken, glaubt Marcè: Wer das Gedränge vor Barcelonas Top-Ten-Sehenswürdigkeiten entzerrt, macht die Stadt zugleich Covid19-sicher – und davon profitierten sowohl Tourismusunternehmer wie auch Bewohner. Alternative Routen und Haltestellen für Touristenbusse und Fahrdienste liegen bereits in der Schublade. Jetzt müsse man verstärkt die dazu gehörigen Orte ins Bewusstsein rücken.

"Bisher haben wir in Barcelona einfach nicht genug daran gearbeitet, diese alternativen Sehenswürdigkeiten aufzuzeigen, um so einen Tourismus zu fördern, der nicht passiv die drei, vier Postkartenmotive konsumiert, sondern interessengeleitet ist: Besucher, die sich für Kultur, Design, Mode, Sport oder Wissenschaft interessieren."

Eine fast leere Fußgängerzone in Barcelona. Ein Mann geht mit eine Hund spazieren. (Julia Macher)Ungewohnt viel Platz in Barcelona seit der Coronapandemie. Zukünftig sollen Touristen auch breiter auf die Stadt verteilt werden. (Julia Macher)
Wer kein Ticket mehr für die klassischen Gaudí-Sehenswürdigkeiten mehr ergattert hätte, käme bei entsprechenden Alternativen dann gar nicht mehr auf die Idee, sich trotzdem in die Schlange vor dem Einlass zu stellen. Dass das nicht von heute auf morgen geht, weiß Xavier Marcè, aber die Coronakrise zwingt ohnehin zu einem schrittweisen Übergang zur "neuen Normalität".

Über 80 Prozent der Barcelona-Besucher stammen aus dem Ausland. Noch weiß keiner, wann die Grenzen geöffnet werden, wann der Flugverkehr wiederbeginnt. Die Ramblas sind menschenleer. An den Türmen der verrammelten Altstadtpensionen kleben Zettel mit der Aufschrift "Cerrado hasta nuevo aviso", "Bis auf weiteres geschlossen".

Restaurants und Bars stehen vor dem Aus

Natürlich vermisse er die Menschenmassen – auch die Touristen, sagt ein beleibter Herr, der ein Wägelchen mit dem Wocheneinkauf hinter sich herzieht: Ohne sie könne er seine Bar schließen. Ein Viertel aller Betriebe sind laut Gastronomieverband vom Aus bedroht. Über 80.000 Menschen könnten dauerhaft oder zeitweise ihren Job verlieren.

Eine junge Frau mit Coronamaske läuft in Barcelona an einem leeren Café vorbei. (imago images/ZUMA Wire/Paco Freire)Das Wegbleiben der Besucher und Besucherinnen ist auch in Barcelona für viele Gastrobetriebe existenzbedrohend. (imago images/ZUMA Wire/Paco Freire)
Zu ihnen gehört auch Resi Nickl. Die Österreicherin arbeitet seit acht Jahren als staatlich geprüfte, freiberufliche Fremdenführerin in Barcelona. Bis in den September sind alle Touren gecancelt. Sie hat die Zwangspause genutzt, um sich zum "Virtual Guide" fortzubilden.

"Hallo und herzlich willkommen! Könnt ihr mich alle hören und sehen? Daumen hoch! In wenigen Sekunden seht ihr auf eurem Bildschirm jetzt einen Blick über das Panorama der Stadt Barcelona…" 

Die virtuelle Führung durch die Sagrada Familia ist ein Probelauf. Klappt alles gut, will sie solche Online-Veranstaltungen ergänzend zum regulären Angebot in ihr Portfolio aufnehmen: Zur besseren Vorbereitung – und auch, um Gedränge vor den Hot Spots künftig zu vermeiden.

Resi Nickl arbeitet im Vorstand des katalanischen Fremdenführerverbands Aguicat. Der Verein will schon seit langem, dass Besuchergruppen auf maximal 30 Personen beschränkt werden und Guides grundsätzlich mit Flüstermikrofon und Knopf im Ohr arbeiten. Das beide Forderungen nun vermutlich Eingang in den offiziellen Anti-Corona-Maßnahmen-Katalog finden, freut Nickl:

"Das könnte tatsächlich eine Chance sein, denn dadurch lösen sich viele Probleme, die durch die riesigen Gruppen in der Altstadt entstehen, die Straßen blockieren und so Anwohner verärgern. Eine unserer Hoffnungen ist auch, dass durch die Covidkrise die Freetours ein Ende finden, die sich über Trinkgelder so halb an der Legalität vorbeiwinden. Wir hoffen, dass sich dadurch einige Übel am Markt von selbst erledigen und wieder mehr Wert auf Qualität gelegt wird."

"Weniger Besucher bedeutet weniger Einnahmen"

Nicht nur die Fremdenführer, auch das Management von Barcelonas Top-Ten-Sehenswürdigkeiten wird sich umstellen müssen. Resi Nickl klickt durch eine Bildergalerie mit Ansichten der Sagrada Familia: Alle Kräne stehen still. Die Bauarbeiten an Gaudís Meisterwerk werden zu 90 Prozent aus Eintrittsgeldern finanziert, erklärt die Fremdenführerin ihren vier virtuellen Gästen.

"Wenn dann die Sagrada Familia wieder aufgemacht wird, werden voraussichtlich 1000 Leute pro Tag eingelassen. Das ist sehr viel weniger als die 10.000, die es bis jetzt gab. Weniger Besucher bedeutet weniger Einnahmen. Dadurch wird sich auch der Baufortschritt verzögern. Eigentlich war geplant, die Sagrada Familia bis 2026 fertig zu stellen: Leider wird diese Deadline nicht zu schaffen sein. Aber vielleicht freut es ja auch ein paar Leute, dass man noch weiter Work in Progress sehen kann."

Sportler und Menschen Anfang Mai an der Basilika "Sagrada Família" in Barcelona. (imago images/ZUMA Wire/Matthias Oesterle)Die römisch-katholische Basilika „Sagrada Família“ des Künstlers Gaudí war bisher einer der Touristenmagnete in Barcelona. (imago images/ZUMA Wire/Matthias Oesterle)
Die Entschleunigung als Chance sehen: Das scheint das Gebot der Stunde. Dass die Branche sich grundlegend wandeln wird, glaubt kaum jemand. Aber einige Exzesse lassen sich in Zukunft vielleicht vermeiden. Die Miet- und Immobilienpreise in einer der teuersten Städte Spaniens fallen langsam. Viele, die ihre Wohnungen legal oder illegal an Touristen vermietet haben, versuchen jetzt längerfristig zu vermieten. Und auch der Mobile World Congress, der mit Rekordbesucherzahlen und exorbitanten Hotelpreisen Sinnbild des Höher, Weiter, Schneller war, könnte im nächsten Jahr schlanker ausfallen. Ein Nachteil ist das nicht, glaubt Mateu Hernández von Barcelona Global, einem Zusammenschluss von Institutionen und Unternehmen.

"Die persönlichen Kontakte und die Erfahrungen werden strategisch wichtiger als zuvor. Vor dem Bildschirm arbeiten wir zwar mehr als früher im Büro, aber was fehlt, sind diese informellen Treffen, bei denen die Ideen entstehen, die die Wirtschaft wirklich voranbringen. Das wird bleiben – und Barcelona ist dafür bestens gerüstet, auch weil hier fußläufig so viel zu erreichen ist. Vielleicht kommen zum nächsten Mobile World Congress nicht 150.000 Besucher, aber auch 50.000 sind schon eine Menge."

Barcelonas Chance

Noch ist die Stadt im Dornröschenschlaf. In den nächsten Wochen werden Museen, Restaurants, Theater zunächst für die Bewohner geöffnet, dann für Besucher aus dem Umland – und erst in ein paar Monaten für internationale Touristen. Der Rhythmus ist dem spanischen Exitplan geschuldet. Doch im Tourismusamt der Stadt wünscht man sich, dass auch die Barcelonesen die Ruhepause nutzen – und sich ihre Stadt wieder aneignen. Auch Mateu Hernández glaubt, dass das der Königsweg in eine bessere Zukunft ist.

"Ein gutes Beispiel dafür ist die Markthalle Boquería. In den letzten zehn Jahren hat sie erheblich an Charme verloren. Statt Obst zu verkaufen, haben die Händler vorgeschnittenes Obst im Plastikbecher für Touristen verkauft, statt Schinken gab es Knabberhörnchen mit Sticks zum Mitnehmen… Die Einheimischen haben den Markt daher gemieden – und die Händler noch stärker auf billige Produkte für Touristen gesetzt. Jetzt, wo es keine Touristen mehr gibt, konzentriert sich die Boquería wieder auf ihre traditionellen Kunden. Barcelona hat jetzt die Chance, wieder authentisch zu werden."

Und von einer authentischen Stadt werde auch der Tourismus profitieren.

Coronavirus-NewsletterAuf der Plaza del Born ist es früher Abend geworden. Die Mütter drängen zum Aufbruch, die Stunde zwischen sieben und acht Uhr abends ist für den Abendspaziergang der Senioren reserviert. Eva Poch deutet mit dem Kinn auf die heruntergelassenen Jalousien der Geschäfte am Platz.

"Diese Krise war ein heftiger Schlag für alle hier. Wenn sie sich jetzt mit Geschäften oder Unternehmen neu erfinden müssen, werden sie nicht mehr bloß an Touristen denken, sondern müssen auch unsere Bedürfnisse berücksichtigen. Alles andere wäre zu teuer: Wer weiß, vielleicht machen sie in zwei Monaten ja wieder die Grenzen zu. Ich weiß aber auch, dass wir Bürger darüber wachen müssen. Auf die Institutionen dürfen wir uns dabei nicht verlassen."  

Sonst sei man in wenigen Jahren wieder dort, wo man vor der Pandemie aufgehört habe: Im Barcelona der Exzesse.

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