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Konzert / Archiv | Beitrag vom 26.05.2021

Barbara Hannigan in KopenhagenEnde der Romantik

Moderation: Volker Michael

Eine Frau in einem schlichten, grünen Shirt blickt dirigierend in die Richtung einer Musikerin. (Sören Krabbe/DR/EBU)
Barbara Hannigan singt und dirigiert das Dänische Nationale Symphonie-Orchester in Kopenhagen/Konzerthaus von DR am 13.5.21 (Sören Krabbe/DR/EBU)

Sie liebt die Doppel- und Dreifachbelastung: Die kanadische Sopranistin Barbara Hannigan singt, dirigiert und programmiert ihre Konzerte selbst. Nun hat sie das Dänische Nationale Symphonie-Orchester mit Francis Poulencs Minioper "La Voix humaine" beglückt. Außerdem gab es Richard Strauss' "Metamorphosen".

Barbara Hannigan bekam einen Schreck, als das Publikum in Kopenhagen applaudierte. Seit fast einem Jahr hat die kanadische Sängerin und Dirigentin nicht mehr vor Zuhörerinnen gespielt. Mitte Mai war es dann soweit in der dänischen Hauptstadt. Und der warme Applaus traf sie gleich mehrmals überraschend.

Denn sie leitete nicht nur ein Orchester und sang eine Solopartie, sondern bekam in diesem Konzert mit Publikum außerdem den wichtigsten Musikpreis unseres nördlichen Nachbarlandes verliehen: den Leonie-Sonning-Preis. 

Eine Frau steht in einem grünen Shirt am Dirigentenpult und dirigiert ein Orchester, das mit relativ großen Abständen vor ihr spielt. (Sören Krabbe/DR/EBU)Barbara Hannigan singt und dirigiert das Dänische Nationale Symphonie-Orchester in Kopenhagen/Konzerthaus von DR am 13. Mai 2021. (Sören Krabbe/DR/EBU)

Zwei Musikstücke standen beim Nationalen Dänischen Symphonie-Orchester auf dem Programm – das hat ebenfalls Barbara Hannigan zusammengestellt. Und diese beiden Werke gehören nicht zwangsläufig zusammen, weder vom Klang noch von ihrem Inhalt her.

Im zweiten Teil können Sie die Solo-Oper "La Voix Humaine"/Die menschliche Stimme von Francis Poulenc hören. Das ist eine fein austarierte Beziehungsgeschichte zwischen Frau und Mann, ausgetragen allein am Telefon von einer Frau. Gesetzt ist sie für Sopran und Orchester – Barbara Hannigan wird singen. Und spielen. Und dirigieren.

Spätwerk

Am Anfang steht eine Trauermusik aus schwieriger Zeit. Barbara Hannigan wird die "Metamorphosen" von Richard Strauss dirigieren und diesem Werk für 23 Solostreicher einigen Zeilen eines Goethe-Gedichts voranstellen. Das gehört zum festen Bestandteil dieser Musik, denn der Komponist hat es selbst ins Manuskript eingetragen. Ein rätselhaftes Stück aus der Werkstatt eines alten Mannes. Richard Strauss komponierte seine "Metamorphosen" in den letzten Monaten des 2. Weltkrieges.

Trauer um Goethes Häuser 

Da saß er in seinem Haus in Garmisch-Partenkirchen. Er nahm wahr, was ihm persönlich wichtig erschien – das Münchner Nationaltheater und Teile Dresdens fielen dem Bombenkrieg zum Opfer. Das waren seine Wirkungs- und Prägungsstätten gewesen. Auch die Goethehäuser in Frankfurt am Main und Weimar waren zerstört. Darüber fiel Strauss in tiefe Trauer.

Was Ursache und Auslöser dieser Zerstörungen gewesen war – dazu können wir von Richard Strauss keine Regung erwarten. Auch keine Trauermusik über die Städte und Kulturen, die zuvor von Deutschen zerstört worden waren. 

Musik hat sie geprägt

In ihrer kurzen Dankesrede reflektierte Barbara Hannigan in Kopenhagen stark über ihren musikalischen Werdegang. Während des vergangenen Jahres hatte sie viel Zeit zum Nachdenken. Weil so viele Konzerte ausgefallen waren wegen der Pandemiebeschränkungen. Und weil zuvor zwei für sie wichtige Menschen gestorben waren, ihre Mutter und ihr musikalischer Lehrer Reinbert de Leeuw.

Im Interview mit Danmarks Radio schilderte sie ihre Beziehung zur Kunst, in der sie so großartig brilliert, folgendermaßen: "Musik hat mich werden lassen, wer ich bin. Nicht anders herum. Musik hat mich dizipliniert und kooperativ gemacht, hat mir gezeigt, dass ich einen Fokus brauche und auf mein Instrument, die Stimme und meinen Körper achten muss. So kann ich mein Bestes geben. Alles kommt durch die Musik und strahlt dann in so viele Lebensaspekte wie möglich aus."

Dirigieren und Singen gleichzeitig

Wie schafft es eine Künstlerin, ein musikdramatisches Werk wie "La Voix Humaine/Die menschliche Stimme" gleichzeitig zu singen und zu dirigieren? Im Gespräch mit Danmarks Radio beschrieb sie diese Herausforderung mit der erstaunlichen Konsequenz: Die Aufführung selbst sei nicht das Problem – schließlich dirigieren viele Pianisten ein Orchester vom Klavier aus in einem Klavierkonzert.

Aber die Vorbereitung und das Proben sei sehr anspruchsvoll in dieser Doppelrolle. Die Proben in Kopenhagen hat sie minutiös geplant und zuerst mit wenigen Orchestermitgliedern begonnen und dabei genau ihre Vorstellungen artikuliert.

Eine feministische Mini-Oper

Barbara Hannigan ist bekannt für ihre unkonventionellen Sichtweisen auf zum Teil bekannte Werke. Das zeigte sich in Kopenhagen auch bei Poulencs "La Voix Humaine":

"Wir haben bemerkt, dass das ein stark feministisches Stück ist. Denn es handelt von Selbstermächtigung. Und von Macht und Machtlosigkeit. Und es geht um Geschlechterfragen, über die sich das Stück lustig macht. Poulencs Oper schildert ja eine Frau, die das letzte Gespräch mit ihrem Ex-Liebhaber führt.

Ich fasse das Stück ganz anders auf. Ich will in Frage stellen, dass es überhaupt einen Liebhaber gibt oder dass es eine Beziehung gegeben hat. Ich fasse es so auf, dass alles ihrer Fantasie entspringt. Aber ganz klar geht es um das Verhältnis zwischen Starken und Schwachen, um Ermächtigung, Fantasie und Selbstentmündigung dieser Person."

Konzerthaus von Danmarks Radio, Kopenhagen
Aufzeichnung vom 13. Mai 2021

Richard Strauss
Metamorphosen

Francis Poulenc
"La Voix humaine", Oper in einem Akt für Sopran und Orchester (Konzertversion)

Dänisches Nationales Symphonie-Orchester
Sopran und Leitung: Barbara Hannigan

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