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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 22.05.2020

Barbara Bleisch / Andrea Büchler: "Kinder wollen. Über Autonomie und Verantwortung"Detaillierter Überblick über die Fortpflanzungsmedizin

Von Susanne Billig

Illustriesters Cover mit drei Turnschuh-Paaren, zwei in der Größe von Erwachsenen und ein Kinderpaar in der Mitte. (Hanser / Deutschlandradio)
Die moderne Medizin wirft immer neue Fragen zum Kinderkriegen auf – Barbara Bleisch und Andrea Büchler geben Antworten. (Hanser / Deutschlandradio)

Die Fortpflanzungsmedizin hilft vielen ungewollt kinderlosen Paaren. Für den Erfolg werden hier allerdings auch manchmal fragwürdige Wege beschritten. Was möglich, erlaubt und ethisch geboten ist: Darüber informiert das neue Buch "Kinder wollen".

Weltweit ist jedes sechste Paar ungewollt kinderlos. Gleichzeitig entwickelt eine boomende Fortpflanzungsmedizin immer versiertere Methoden, um mit künstlicher Befruchtung, Leihmutterschaft, womöglich sogar einer Qualitätsauslese von im Reagenzglas gezeugten Embryonen nachzuhelfen. Das wirft gravierende ethische Fragen auf – um die es in dem neuen Buch "Kinder wollen" geht.

Zwei hochkarätige Autorinnen

Zwei hochkarätige Autorinnen zeichnen für das Buch verantwortlich: Barbara Bleisch ist Mitglied des Ethik-Zentrums der Universität Zürich und Moderatorin der Schweizer Radio- und Fernsehsendung "Sternstunde Philosophie". Andrea Büchler ist Professorin für Familien- und Medizinrecht und Präsidentin der Nationalen Ethikkommission der Schweiz im Bereich Humanmedizin.

Unter wenigen glasklaren Kapitelüberschriften – "Ein eigenes Kind wollen", "Ein Kind zu meiner Zeit", "Ein bestimmtes Kind" oder "Ein Kind dank anderer" – fächern die Autorinnen die komplexen ethischen Implikationen der Fortpflanzungsmedizin umfassend auf.

Dabei beschreiben sie zunächst die Standpunkte, die zu den vielen verschiedenen Bereichen der modernen Fortpflanzungsmedizin zu hören sind – von der Betonung des Rechts auf reproduktive Selbstbestimmung über verschiedene Haltungen zum Beginn des menschlichen Lebens bis hin zu Warnungen vor einer schrankenlosen Kommerzialisierung des menschlichen Körpers oder dem Verlust natürlicher Eltern-Kind-Beziehungen.

Verzicht auf persönliche Parteinahme

Spätestens wenn die Autorinnen all diese Perspektiven rechtsphilosophisch analysieren und gewichten, ergibt sich ein vielschichtiger, anspruchsvoller Text, der fortwährend zwischen Medizin, Gesellschaftspolitik und Rechtsphilosophie changiert.

Differenziertheit und ein weitgehender Verzicht auf persönliche Parteinahme kennzeichnen das Buch, doch leider bleibt dabei manch kritischer Aspekt unterbelichtet. Etwa beim Thema Leihmutterschaft: Die innige Beziehung zwischen werdendem Kind und der Schwangeren ist den Autorinnen nur einen Halbsatz plus Fußnote wert.

Obwohl Andrea Büchler am Buchbeginn von Reisen nach Indien spricht, die ihr "Einblicke in die Praktiken dortiger reproduktionsmedizinischer Kliniken" und "Gespräche mit Frauen über persönliche Nöte, große Ungerechtigkeiten und noch größere Hoffnungen" ermöglicht hätten, erfährt man später kaum etwas über die Perspektive indischer Frauen.

Einige kritische Aspekte fehlen

Die Fragen, warum die menschliche Fruchtbarkeit derzeit so rapide sinkt, was das mit Umweltgiften zu tun hat und wie es ethisch zu bewerten ist, wenn Paare des globalen Nordens Frauen des globalen Südens für Leihmutterschaftsdienste einkaufen, werden gar nicht erst aufgeworfen. Wer sich mit dem Thema nicht sehr gut auskennt, wird solche inhaltlichen Lücken im dichten Text kaum bemerken.

So liegt mit "Kinder wollen" ein sachkundiges Buch versierter Expertinnen vor, deren Beruf das Erwägen ist. Wo aber alles ambivalent und in der Schwebe bleibt, müssen Leserinnen und Leser selbst entscheiden, ob und wie sie sich moralisch positionieren.

Barbara Bleisch, Andrea Büchler: "Kinder wollen. Über Autonomie und Verantwortung"
Hanser, Müchen 2020
304 Seiten, 22 Euro

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