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Kalenderblatt / Archiv | Beitrag vom 02.05.2013

Bank mit gutem Gewissen

Vor 25 Jahren nahm die erste deutsche Ökobank den Geschäftsbetrieb auf

Von Caspar Dohmen

Antragsformulare und ein Stempel der Ökobank aus den 80er-Jahren (dpa / picture alliance / Frank Kleefeldt)
Antragsformulare und ein Stempel der Ökobank aus den 80er-Jahren (dpa / picture alliance / Frank Kleefeldt)

Atomkraftwerke und Panzer wollten die Anhänger der Umwelt- und Friedensbewegung nie finanzieren. Genau das taten viele aber allein dadurch, dass sie ein Konto bei einer Großbank besaßen. Ende der 80er-Jahre gründeten sie eine Alternative - die letztlich scheiterte.

Musikeinspielung: "Tschernobyl. Das letzte Signal vor dem Overkill. Stoppt die AKWs."

Seit den 70er-Jahren demonstrieren in Deutschland Menschen gegen Atomkraftanlagen. Einigen Aktivisten wurde mit der Zeit ein Widerspruch ihres Handelns bewusst: Sie hatten ihr Konto bei Banken, die Projekte finanzierten, die sie politisch bekämpften, ob Startbahnen, Atomkraftwerke, Panzer oder Raketen. Der Banker Walter Burkhart:

"‘82 wurden ja die Pershings hier installiert, der Nato-Doppelbeschluss und so. Und dann kam ja der Aufruf, boykottiert die Banken, zieht das Geld von den Banken ab. Damals war dann das erste Mal, dass Menschen gedacht haben, was ich da auf dem Sparkonto habe, bewirkt ja was, wofür ich dann eventuell gar nicht bin."

"Nehmt den Banken das Geld weg", skandierten Demonstranten. Einige beschlossen, eine Bank zu gründen, deren Geschäfte mit ihren politischen Vorstellungen übereinstimmen sollten. Keimzelle war die Krebsmühle in Oberursel, in der die Arbeiterselbsthilfe Frankfurt einen Antiquitätenhandel eingerichtet hatte. Dort gründeten 16 Mitglieder 1984 den Verein der Freunde und Förderer der Ökobank e. V. Bald unterstützten quer durch die Republik etwa 30 Initiativen das Projekt, vor allem aus dem Umfeld von Grünen, SPD, Kirchen und Gewerkschaften. Fast fünf Jahre tüftelten sie am Konzept und sammelten das Gründungskapital: 12.000 Anhänger der Idee steuerten acht Millionen D-Mark bei. Die Initiative war neben der Gründung der alternativen Tageszeitung TAZ das wichtigste wirtschaftliche Leuchtturmprojekt der Alternativen in Deutschland. Die konventionellen Banker waren wenig begeistert über die "Turnschuhbanker" und die Genossenschaftsbanken wollten sie nicht mit ins Boot nehmen. Der frühere Ökobank-Aufsichtsrat Bernd Steyer erinnert sich:

"Ich weiß noch zu gut, wie Thorsten Marten, damals Pressesprecher der Ökobank in Gründung im 35., 40. Stock des DG-Hochhauses in Frankfurt war und die Kameraden Genossen gesagt haben, guck mal hier runter, hierfür haben wir 50 Jahre gebraucht, kommen Sie in 50 Jahren noch einmal wieder."

Die Neulinge erhielten jedoch laut Steyer auch Schützenhilfe, beispielsweise von dem SPD-Politiker Hans-Jochen Vogel. Dazu Bernd Steyer:

"In Nürnberg auf dem Parteitag der SPD, im Hinterzimmer dann mit Vogel konferiert, dass der Genossenschaftsverband überhaupt die Ökobank aufnimmt."

Am 2. Mai 1988 öffnete die Ökobank am Frankfurter Luisenplatz ihre Pforten, zunächst mit fünf Beschäftigten. Weitere Filialen in anderen Städten wie Freiburg und Berlin folgten. Die Alternativbanker einte ein Ziel: mit dem Geld der Sparer politisch gewollte Ziele unterstützen. Dafür prüften zwei Beiräte die Förderwürdigkeit von Projekten, während die Banker die ökonomische Machbarkeit beurteilten. Wunschprojekte erhielten Vorzugskonditionen, ob Pioniere erneuerbarer Energie und Hersteller vollwertiger Lebensmittel oder soziale Projekte zur Förderung der Gleichberechtigung oder dem Schutz von Migranten. Binnen weniger Jahre hatten sich die Frankfurter zur größten Alternativbank Europas gemausert. Wachstum war gewollt, wegen des größeren politischen Einflusses. Doch die Neubanker seien bei der Kreditvergabe zu blauäugig gewesen, sagt Albert Fink, der sich später als Aufsichtsrat der GLS Bank mit einer Übernahme der Ökobank beschäftigte, als diese längst in Schwierigkeiten geraten war.

"Zum Beispiel Bauträger, die jetzt sich ein grünes Mäntelchen gegeben hatten, da sind sie darauf reingefallen, dann sind die Kredite nachher notleidend geworden. Also wenn einer auf der richtigen politischen Schiene war, also diesen grünen fundamentalistischen Ansatz hatte, dann war der schon von vorneherein kreditwürdig."

Weil die Bank schneller Kredit ausgab, als sie Eigenkapital sammelte, öffnete sich eine gefährliche Schere zwischen Geschäftsvolumen und Eigenkapital. Und dann machten die Banker auch noch einen klassischen Fehler beim Risikomanagement: Sie vergaben einen Großteil der Kredite an eine Branche, gingen damit ein so genanntes Klumpenrisiko ein. Als die Recyclingbranche in Schwierigkeiten geriet, platzten einige Großkredite und die Bank stand selbst vor der Pleite. Die anderen Genossenschaftsbanken votierten gegen den Erhalt des ungeliebten Schwesterinstituts.

Die Ökobank wurde abgewickelt. Ein Teil des Bankgeschäfts übernahm wenig später die GLS Bank. Die Genossenschaft blieb erhalten und wurde zur OEKOGENO mit Sitz in Freiburg. Sie darf jedoch keine Bankgeschäfte betreiben und steht unter scharfer Beobachtung der Finanzaufsicht.

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