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Lesart / Archiv | Beitrag vom 22.01.2015

Band AnnenMayKantereitDanke, Papa, aber lass mich!

Von Gesa Ufer

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(imago / VIADATA)
Henning May, der Sänger von AnnenMayKantereit, bei einem Konzert in der Erfurter Messehalle am 28.12.2014 (imago / VIADATA)

Die Kölner Jungs von AnnenMayKantereit schreiben Lieder über alle Fragen, die junge Menschen so haben. Ende Januar gehen sie auf Deutschland-Tournee, viele Konzerte sind schon ausverkauft. Ihr Song "Oft gefragt" ist eine Liebeserklärung an Väter.

Songs, die aus Dankbarkeit für die eigenen Erzeuger geschrieben wurden, gibt es viele. Die Mutter aller deutschsprachigen Mutti-Hymnen kommt vom niederländischen Knaben Heintje. Als der 1967 mit elf Jahren sein Liebeslied in der ZDF-Sendung "Der Goldene Schuss" zum Besten gab, schmolz zumindest das weibliche Fernsehpublikum vor Rührung in den Sesseln.

Über 50 Jahre später beginnt Henning May, Frontmann der Kölner Band AnnenMayKantereit, seinen Song "Oft gefragt" mit einer nüchternen Aufzählung:

"Du hast mich angezogen, ausgezogen, großgezogen
Und wir sind umgezogen, ich hab dich angelogen!
Ich nehm' keine Drogen
Und in der Schule war ich auch."

Der Sohn reibt sich am Vater

Wir halten fest: Die Mindest-Anforderungen der Pflege sind erfüllt, die Soziologie der Familie findet ihre minimale Entsprechung. Das Kind ist immerhin seiner Schulpflicht nachgekommen und den Rauschdrogen ist es auch nicht anheim gefallen.

Allein: Warum packt dieser Sohn zuhause nicht aus? Und das, obwohl er zu einer Generation gehört, die ihren Eltern so nah ist wie keine vor ihr. Wahrscheinlich hören Vater und Sohn dieselbe Musik, haben das gleiche Handy-Modell und die gleichen Hosen. Vielleicht sind sie sogar bei Facebook miteinander befreundet.  Warum also klappt die Kommunikation nicht?

"Du hast Dich oft gefragt, was mich zerreißt.
Ich wollte nicht, dass Du es weißt
Du warst allein zuhaus', hast mich vermisst,
und dich gefragt, was Du noch für mich bist."

In einem Interview hat Henning May erzählt, dieses Lied für seinen Vater geschrieben zu haben. Für einen Mann, dessen Sohn sich – vielleicht weil beide so eng aufeinander bezogen waren – abgrenzen muss. So wie es bereits Generationen vor ihm auch mussten. Manche Dinge verändern sich eben nie.

Henning Mays Stimme erinnert an Rio Reiser

Jetzt, mit etwas Abstand, nachdem er flügge geworden ist und nicht mehr zu Hause wohnt, gibt der Sohn die Antwort. In gewohnter Manier: ohne große Worte zu verlieren.

"Wo Heimat ist, bist du"  

Henning May singt  mit einer Stimme, die verblüffend an Rio Reiser erinnert. Dessen Song "Für immer und dich" gilt vielen als das vielleicht schönste deutsche Liebeslied überhaupt.

"Ich sehe für Dich, hör für Dich,
ich lüge und ich schwör für Dich.
Ich hol den blauen Mond für Dich,
für Dich und immer für Dich."

AnnenMayKantereit wandeln diesen Refrain bewusst ab. Und sie nehmen dem Lied jeden Überschwang; die Liebe zum Vater ist eine andere. Sie bildet zwar den Anker und sogar das, was bei anderen das Prinzip Heimat bedeutet, mit uneingeschränkt dankbarem Heintje-Kitsch hat dieses Vater-Sohn-Verhältnis dennoch nichts zu tun.

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