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Thema / Archiv | Beitrag vom 25.06.2012

Banciu: Unglaubliche Intoleranz gegenüber Andersdenkenden

Rumänische Autorin wünscht sich breitere Protestkultur

Carmen Francesca Banciu im Gespräch mit Katrin Heise

Das Gebäude der National-Bibliothek am Revolution-Square in Bukarest in Rumänien. (picture alliance / dpa / Wolfgang Langenstrassen)
Das Gebäude der National-Bibliothek am Revolution-Square in Bukarest in Rumänien. (picture alliance / dpa / Wolfgang Langenstrassen)

Die aus Rumänien stammende Schriftstellerin Carmen Francesca Banciu beklagt einen Verfall der politischen Kultur in ihrer Heimat. Die Proteste gegen die Gängelung des rumänischen Kulturinstituts seien wichtig. Doch auch der Diskurs unter Intellektuellen sei "von einer solchen Aggressivität, dass einem die Luft weg bleibt".

Katrin Heise: Man muss wohl von einem politischen Bankrott in Rumänien sprechen. Seit Jahren kommen die Regierungen nicht an gegen Korruption und Vetternwirtschaft. Im Gegenteil, Politiker an der Spitze haben, wie sich jetzt herausstellt, vor allem die eigenen Schäfchen ins Trockene gebracht oder bringen wollen, sei es durch Amtsmissbrauch und dubios beschaffte Wahlkampfgelder oder eine wohl in weiten Teilen abgeschriebene Doktorarbeit. Anstatt diesen Plagiatsvorwurf zu entkräften, macht der sozialistische Ministerpräsident Victor Ponta durch rabiate Machtausübung von sich reden dieser Tage. Das rumänische Kulturinstitut stellte er unter Regierungsaufsicht. Dagegen haben vor einigen Tagen die Künstler und Intellektuellen Rumäniens protestiert. Die in Berlin lebende, aus Rumänien stammende Schriftstellerin Carmen Francesca Banciu hat auch unterschrieben, die Protestnote. Ich grüße Sie, Frau Banciu, schön, dass Sie zu uns ins Studio gekommen sind.

Carmen Francesca Banciu: Hallo! Schönen guten Tag.

Heise: Das rumänische Kulturinstitut ist ja so ein bisschen dem deutschen Goethe-Institut vielleicht vergleichbar, wurde also dem Parlament unterstellt. Warum tat der Premier das? Was hat er damit vor?

Banciu: Also die Begründung ist die Entpolitisierung der Institution.

Heise: War ihm also zu politisch?

Banciu: Sie war, also - das ist die Behauptung. Das Merkwürdige ist nur, dass diese so genannte Entpolitisierung von der gleichen Parteirichtung schon 2003 andersherum gemacht wurde. Also, es war ja schon mal unter der Parlamentsaufsicht und wurde unter die Aufsicht des Präsidenten gestellt, unter der gleichen Begründung. Also irgendwann haben sie sich getäuscht. Entweder jetzt oder dann.

Heise: Also man kann sagen, jeder macht, wie er das für richtig hält. Was vermuten Sie denn, was dahinter steckt?

Banciu: Ich denke leider, dass das sehr viel mit persönlichen Rachefeldzügen zu tun hat und auch damit, dass durch den Mangel an demokratischer Tradition im Lande viele Institutionen, die funktionieren, aber auch die, die nicht funktionieren, also sehr personalisiert sind. Also, dass die Person, die sie leitet, also entscheidend ist für die Situation und den guten Lauf oder den schlechten Lauf der Institution. Und in diesem Falle ist eben die Person, die das Institut leitet, sehr bedeutend, also als Gegner, politischer Gegner.

Heise: Und in diesem Fall Horia Patapievici, hat sich gegen die Regierung, gegen die sozialistische Regierung auch mal ausgesprochen?

Banciu: Er hat sich auf jeden Fall für die, für Basescu und für seine Regierung, die PDL, die ...

Heise: ... konservativ-liberale ...

Banciu: ... konservativ-liberale Partei oft eingesetzt, öffentlich eingesetzt. Und man wirft ihm vor, dass er sein Amt missbraucht hat in diesem Sinne, weil er sich politisch engagiert hat, während er eine staatliche Institution leitet.

Heise: Wenn ich Sie richtig verstanden habe, ist das aber nur so quasi der vorgeschobene Grund. Der Protest der Intellektuellen, gerade gegen diese, ja, Unter-Kuratel-Stellung des Kulturinstituts, dieser Protest war wortgewaltig. Er ist ja jetzt schon einige Tage her - gab es Reaktionen, ging er weiter, wurde er ausgebaut, der Protest?

Banciu: Also, die Diskussionen gehen weiter in der Gesellschaft und in den intellektuellen Kreisen. So weit es mir bekannt ist, also das ist ja alles noch sehr frisch, und er hat sich ausgeweitet auch zu dieser Kundgebung, wo nicht nur für das Institut protestiert wurde, sondern für die Person des Leiters, von Patapievici, also die sogenannte Bewegung der Papillons, der Fliegen. Und das finde ich merkwürdig oder ja, würde ich sagen, vielleicht auch bedauerlich, dass sich die Proteste sehr stark an die Person richten. Ich bin also für diese Proteste und glaube, dass es sehr wichtig ist.

Heise: Sie haben die Proteste ja auch unterstützt. Sie haben selber mit unterschrieben. Würden Sie aber wünschen, dass es eigentlich ein Anfang einer etwas breiteren gesellschaftlich-politischen Gegenbewegung ist und sich nicht immer nur an Personen fest macht, ob die nun politisch gerade gewollt oder nicht gewollt sind.

Banciu: Genau das wünsche ich mir, dass es nicht an Personen gerichtet wird. Denn das erzeugt dann immer wieder persönliche Gefühle, Emotionen und Auseinandersetzungen, die mit der Person zu tun haben. Und wir wollen ja nicht oder man möchte nicht in Europa und auch in Rumänien Gesellschaften und Institutionen haben, die an Personen sich binden, sondern wir wollen eine demokratische Gesellschaft haben, wo die Aufgaben für die Gesellschaft im Vordergrund stehen und nicht die Personen.

Heise: Die Amtsenthebung in den Kulturinstitutionen ist ja vergleichbar mit der Absetzung sämtlicher Präfekten, die eben auch vom Ministerpräsidenten durchgeführt wurden, also sämtliche regionale Vertreter, die nicht der sozialistischen Regierungspartei angehören, sind entfernt worden, das heißt, politisch Andersdenkende werden momentan kaltgestellt?

Banciu: Politisch Andersdenkende und besonders politisch Andersdenkende, die sich als unabhängig erweisen. Und die nicht bereit sind, sich manipulieren zu lassen oder auf ihre Meinungen oder Positionen zu verzichten. Und das ist die Gefahr, die nicht nur in den Institutionen in Rumänien im Moment herrscht, sondern auch in der Zivilgesellschaft. Eine unglaubliche Intoleranz gegen das Andersdenkende. Und das erschreckt mich auch in den Intellektuellenkreisen, dass es nicht anders ist. Also die Intellektuellen, die eine Meinung haben, vertragen keine andere Meinung. Und der Diskurs ist von einer solchen Aggressivität, dass einem die Luft weg bleibt.

Heise: Sagt die Schriftstellerin Carmen Francesca Banciu, sie berichtet über die Situation in Rumänien. Frau Banciu, vielleicht komme ich jetzt auf einen kleinen Hoffnungsschimmer. Es gab nämlich die Verurteilung des ehemaligen sozialistischen Ministerpräsidenten Adrian Nastase wegen Amtsmissbrauchs. Das war ja die erste Verurteilung dieser Art, obwohl Korruption natürlich kein Geheimnis war bisher in Rumänien. Ist es nicht ein Hoffnungsschimmer, dass die Justiz vielleicht auf einem guten, unabhängigen Weg ist?

Banciu: Es gibt die Möglichkeit, tatsächlich. Man muss aber sehr aufmerksam hinschauen und auch wach bleiben und das, was man bis jetzt erreicht hat, auch weiter entwickeln, sozusagen.

Heise: Wie ist das eigentlich, wie frei kann eigentlich die Presse berichten, wie frei konnten und können Künstler und Intellektuelle bisher auch auf Missstände hinweisen und sich äußern?

Banciu: Also können - das können sie. Und das tun sie in bestimmten Zeitschriften, die aber natürlich nicht sehr beliebt sind. Sie sind nicht nur von Regierungsseite zum Beispiel nicht beliebt, sondern auch untereinander, die Intellektuellen untereinander sind sehr angefeindet, und noch mal möchte ich das betonen: Das ist einer der großen und wichtigen Gründe, warum es nicht weitergeht. Dass die Interessen der Gesellschaft und des Landes weniger bedeuten als die Gruppeninteressen.

Heise: Hätten da vielleicht die Intellektuellen auch mal etwas früher aufstehen müssen? Oder sind sie auch zu befangen in ihren Kreisen wiederum?

Banciu: Sie waren befangen. Ich hoffe, dass sie jetzt aufgewacht sind und dass sie nicht mehr die sämtliche interne und persönliche Kriege führen werden, genauso wie die Regierenden, sondern dass sie erkennen werden, das, was man bis jetzt erreicht hat, die Schritte der Demokratisierung, die darf man nicht verlieren. Und dass es nur eine Möglichkeit gibt, eben miteinander zu kommunizieren, unterschiedliche Meinungen zu akzeptieren, aus diesen unterschiedlichen Meinungen etwas Gemeinsames machen, nicht, indem man nur Kompromisse also in Interessen, also die Interessen fördert, sondern die gemeinsamen Interessen, das Weiterkommen dieser Gesellschaft.

Heise: Und da wollte ich noch einhaken: Gibt es denn ein Miteinander zwischen den Intellektuellen und der Bevölkerung? Kann es also tatsächlich der Ausgangspunkt einer breiteren Bewegung werden?

Banciu: Also der Kommunismus hat sehr stark dafür gesorgt, dass Intellektuelle und Arbeiter und die Bevölkerung untereinander angefremdet sind, dass die einen, also die Intellektuellen, oft eine elitäre Haltung haben und sich nicht nur nicht interessieren für die Bevölkerung, sondern sie sogar missachten als ungebildet und so weiter. Aber sie haben auch einen Auftrag, eben zu bilden. Und nicht sich abzuschotten und in elitären Kreisen über Kultur zu sprechen. Dass diese Kluft nicht mehr weiter ausgebreitet wird, und also dass man sich interessiert für den anderen. Und ich hoffe, dass die Entwicklung der Gesellschaft und auch die Entwicklung der Intellektuellen so weit ist, dass sie das erkannt haben, dass es nur so weiter gehen kann.

Heise: Hofft die Schriftstellerin Carmen Francesca Banciu. Sie beschreibt die gesellschaftspolitische Situation in Rumänien. Frau Banciu, vielen Dank für das Gespräch!

Banciu: Ja, gerne. Danke für die Einladung!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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