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Fazit / Archiv | Beitrag vom 23.10.2011

"Banalisierung des Wortes Revolution"

Agnes Heller und Zygmunt Bauman über europäische Geschichte und Gegenwart bei einer Tagung in Jena

Von Hilde Weeg

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Agnes Heller (Carl von Ossietzky Universität Oldenburg)
Agnes Heller (Carl von Ossietzky Universität Oldenburg)

Sie gehören zu den inspirierendsten Kommentatoren der politischen Entwicklung in Europa: die ungarische Philosophin Agnes Heller und der polnische Soziologe Zygmunt Bauman. Am Wochenende waren sie Gäste des Imre-Kertész-Kollegs in Jena.

Einen "Workshop" nannten es die Veranstalter. Es wurden aber Lehrstunden über die europäische Geschichte und Gegenwart. Erzählt und luzide kommentiert von zwei Menschen, die sie selbst erlebt und erlitten haben.

Agnes Heller, nur 1,50 Meter klein, aber hellwach, lebt in Budapest und New York. Die Philosophin wuchs auf in Budapest, inmitten europäischer Geistes- und Kulturgeschichte, lebte aber 50 Jahre lang unter totalitären Regimes:

"Das heißt, das war ein Widerspruch zwischen meinen kulturellen Erlebnissen in Europa und zwischen meinen politischen Erlebnissen innerhalb Europas. Ich habe positive Erlebnisse nie innerhalb Europas gehabt, nur außerhalb – erst in Australien, dann in den Vereinigten Staaten, nie in Europa. Doch meine Kultur zieht mich immer nach Europa zurück. Nicht nur nach Ungarn, aber zu Europa im Allgemeinen."

Zur Zeit zählt sie zu den schärfsten Kritikerinnen der rechtsnationalen ungarischen Regierung Viktor Orbáns. Die vor allem im Westen vielfach betonten Gemeinsamkeiten der Staaten Europas begleitet sie schon lange mit Skepsis und Warnungen. Europa, was ist das eigentlich?

"Das schaut wie eine einfache Frage aus – aber es ist eine historische Frage: Denn in allen historischen Perioden haben sich die Europäer verschieden identifiziert: Es war einmal ein christliches Europa, es war ein Europa der Aufklärung, des technischen Fortschritts, der weißen Menschen – es gab so viele verschiedene Europas – progressive, rassistische, ganz verschiedene Identifikationen. Die älteste und die meiner Meinung nach anziehendste ist: Europa als den Kontinent der Freiheit zu beschreiben. Wir sind für die Freiheit."

Aber selbst diese Begriffe können nicht einmal für alle Nationen Europas gelten und nur für die jüngste Geschichte:

"Diese wunderbar europäische Tradition, die großen europäischen Werte: Niemand hat darüber gesprochen, dass die totalitären Regime auch Europäer sind. Dass Europa Totalitarismus erfunden hat, dass Hitlers Deutschland und Stalins Russland sind europäische Länder. Der Totalitarismus ist nicht in Iran oder Irak entstanden, sondern in Europa."

Nach dem Fall der Mauer, bei der Gründung des ökonomischen Bündnisses habe man verpasst, die unterschiedlichen Lebensformen der Menschen mit zu berücksichtigen:

"Dieselben Normen – moralische, ethische und ökonomische Normen, können nicht gültig sein, wenn die traditionellen Lebensformen so verschieden sind, als im Süden, Westen und Norden."

Zygmunt Bauman (dpa / picture alliance / Manuel H. De Leon)Zygmunt Bauman (dpa / picture alliance / Manuel H. De Leon)Auch der polnische Soziologe Zygmunt Bauman kommentiert die gegenwärtige Entwicklung in Europa pointiert und skeptisch, vor allem auch die Entstehung der jungen Protestbewegungen weltweit. Eine Revolution sei das keineswegs, lacht der fast 86-Jährige:

"Das ist eine Banalisierung des Wortes Revolution! Nicht jeder radikale Wechsel ist eine revolutionäre Veränderung. Sehr oft sind ist der Wandel nur der Zusammenbruch eines bestehenden Verhältnisses, ohne die Möglichkeit es durch etwas Besseres, Vielversprechenderes zu ersetzen. Es gibt aber keine solche Vision, es gibt nichts, womit wir diese Situation jetzt ersetzen könnten. Die einzige Konsequenz ist nicht die Anstrengung, ein neues Europa zu bauen, sondern nur die Krise zu managen, zu reagieren und zu versuchen, was immer davon übrig bleibt, zu bewahren. Aber eine Revolution ist das nicht."

Auch Bauman sieht die Krise als Strukturkrise: es gebe eine ökonomische, aber keine politische Einheit, und damit keine Institution, die den Zustand direkt kontrollieren oder verändern könne. Jetzt gebe es nur zwei Alternativen:

"Entweder die EU integriert jetzt die Ökonomie in die Politik – oder sie geht einen Schritt zurück."

Über eines war man sich auf der Tagung einig: Die Protestbewegungen und auch die nationalistischen Tendenzen sind bisher geringer, als man sie zum Beispiel während der Weltwirtschaftskrise Anfang des 20. Jahrhunderts beobachten konnte. Für die Zukunft selbst könne man aber nichts ableiten, so Agnes Heller, auch Zufälle spielten dabei eine große Rolle:

"Dasselbe, das wiederholt sich nicht. Aber etwas Ähnliches ist natürlich möglich – die schlimmen Perspektiven sind natürlich ebenso möglich wie die schönen Perspektiven – aber wir wissen nicht, was passieren wird."

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