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Profil / Archiv | Beitrag vom 25.08.2006

"Bamberg ähnelt Glasgow in gewisser Weise"

Die schottische Schriftstellerin Louise Welsh lebt für ein Jahr in Deutschland

Von Ingrid Norbu

Beim ersten Besuch in Bamberg sei sie überrascht gewesen , "wie schön es hier ist", erzählt Louise Welsh.  (DRadio)
Beim ersten Besuch in Bamberg sei sie überrascht gewesen , "wie schön es hier ist", erzählt Louise Welsh. (DRadio)

In ihren Krimis schreibt Louise Welsh über heruntergekommene Typen in finsteren Gegenden Londons und Glasgows. Dem Leser zeigt sie die soziale Wirklichkeit Großbritanniens mit Alkoholexzessen und Verwahrlosung der Menschen am Rande des Wirtschaftsbooms. Derzeit arbeitet die Schottin zusammen mit Landsleuten und deutschen Künstlern in der Bamberger Villa Concordia.

Niemals würde sie ihre Körperrundungen unter zeltartigen Blusen verstecken. Louise Welsh kleidet sich stets figurbetont, trägt Faltenröcke und eng anliegende Oberteile, gerne in Rot oder Grün. Ihr Gesicht umrahmen kurze braune Haare mit blonden und roten Strähnen.

Träfe man sie in ihrer Heimatstadt Glasgow in einer der zahllosen Eckkneipen, der Abend wäre gerettet: Sie ist eine großartige Erzählerin und nutzt dieses Kapital auch beruflich: Sie ist Schriftstellerin. Derzeit lebt sie nicht in Schottland, sondern in Bayern, besser Franken, in Bamberg.

"Als ich zum ersten Mal nach Bamberg kam, war ich überrascht, wie schön es hier ist. Aber ich war auch überrascht, weil es in gewisser Weise Glasgow ähnelt. Hier gibt es jede Menge Kneipen, so viele Brauereien und so viele Orte, wo man sich vergnügen kann. Das hatte ich nicht erwartet."

Aus ihrer Wohnung in Glasgow, über ihr wohnte einst ein Drogenhändler, der die Sucht nicht überlebte, ist sie nun für ein Jahr in ein Appartement in Bamberg umgezogen, mit der Einladung im Künstlerhaus Concordia zu arbeiten.

Trotz pittoresker Umgebung treibt es sie gedanklich weiter in den finstersten Gegenden in Glasgow oder London um, obwohl sie sich durchaus auch einen Bamberg-Krimi vorstellen könnte. Angefangen hat Louise Welsh 1992 mit Zeitungsartikeln und Kurzgeschichten. Es folgte ein Studium für Kreatives Schreiben, bis die Dozentin sie aufforderte, die ersten drei Seiten eines Romans zu schreiben. Louise blieb erst einmal in ihrer eigenen Welt.

"Mein erster Roman ‚Die Dunkelkammer’ spielt im Milieu der Antiquariate. Ich habe acht Jahre lang Secondhand-Bücher verkauft und musste nicht groß recherchieren. Doch mein 2. Buch ‚Tamburlaine muss sterben’ spielt im 16. Jahrhundert. Der große Dramatiker Christopher Marlowe wird erstochen in einer Taverne gefunden. Ich wanderte durch London und versuchte mir Christopher Marlowes Stadt vorzustellen. Ich ging ins Globe Theater, das wieder aufgebaut wurde und versuchte mich in diese Welt hineinzuversetzen. Recherchieren ist wichtig, aber Phantasie ist wichtiger."

Louise Welsh wurde 1965 in London geboren. Ihre Mutter musste als Putzfrau oft um drei Uhr morgens aufstehen. Harte Arbeit war so auch für sie selbstverständlich. Neben dem Schreiben musste Louise Welsh jobben, anfangs jedenfalls. Dass nun jemand ihr Appartement in Bamberg putzt, ist ihr fast peinlich.

Moral wurde in der Familie hoch gehalten. Diesen Unterton hat Louise beibehalten, trotz aller Exzesse und Obszönitäten, die sie beschreibt.
Für ihren neuesten Roman "Der Kugeltrick" hat sie sich die Halbwelt der kleinen Varietés in Berlin, London und Glasgow ausgesucht und taucht den Leser in ein Wechselbad aus Slapsticks und düsteren Beschreibungen.

"In meinem letzten Buch ist der Protagonist ein Zauberer, der auf der Bühne Tricks vorführt. Er lebt in der Welt der Illusionen, muss sich aber auch in der Realität bewähren. Ich habe mich mit Zauberern getroffen, mich an Tricks versucht, bin da aber schnell meine Grenzen gestoßen. Selbst die Zauberkunststücke für Sechsjährige waren zu schwer für mich."

Die Protagonisten ihrer drei Romane sind alles Männer. Nicht nur pure Verwandlungslust treibt Louise Welsh zu diesem "literarischen Transvestitentum" an, wie sie es nennt. Rilke, der Held ihres ersten Romans "Die Dunkelkammer" ist ein Homosexueller, der schon mal für eine schnelle Nummer im Park verschwindet.

"Bei manchen Plots braucht man einfach einen Mann. In zwei meiner Romane zeige ich wie Frauenkörper in der Vergnügungsindustrie benutzt werden. Ich wollte eine männlich neutrale Perspektive, einen Homosexuellen, jemand, der darin nicht verstrickt ist."

Ihre Helden sind heruntergekommene Typen, die zu Detektiven wider Willen werden. Sie besitzen so viel Anstand und Mut, weder wegzugucken noch wegzulaufen. Trotz aller Gefahren gehen sie den Dingen auf den Grund. Der Leser wähnt sich weniger in einem zu lösenden Kriminalfall, sondern in der sozialen Wirklichkeit Großbritanniens mit Alkoholexzessen und der Verwahrlosung der Menschen am Rande des Wirtschaftsbooms auf der Insel. Trotz des trüben Hintergrunds freut sich Louise Welsh geradezu diebisch über ihren Rollentausch, auch im neusten Buch "Der Kugeltrick".

"”Der Protagonist meines neusteten Buches ist ein ganz normaler Mann. Es macht ihm Spaß hinter Frauen herzuschauen. Er denkt: Sie ist so süß, so nett, ich mag sie.""

Die Kunst der tollkühnen Wendungen beherrscht Louise Welsh perfekt. Und auch ihre neue Umgebung ist nicht sicher vor Überraschungen. Sechs schottische Künstler arbeiten mit sechs Deutschen in der Villa Concordia in Bamberg zusammen. Doch Spaß muss auch dabei sein, meint Louise Welsh und dabei leuchten ihre dunklen Augen geradezu koboldhaft auf und ihre Nasenspitze hebt sich noch etwas höher.

"”Wir werden Haggis das schottische Nationalgericht, gekochter Schafsmagen gefüllt mit Innereien und Hafermehl, für unsere deutschen Freunde zubereiten. Ich glaube nicht, dass sie sich darauf freuen. Aber wir werden dafür sorgen, dass sie es essen. Ich bin sicher, sie werden es mögen. Ein großartiges Gericht und wir müssen es extra aus Schottland einfliegen lassen.""

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