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Buchkritik | Beitrag vom 22.06.2021

Balde/Arzallus: "Kleiner Bruder"Ausbeutung, Unsicherheit, Gewalt und Einsamkeit

Von Birgit Koß

Das Cover des Buches "Kleiner Bruder", auf dem das Gesicht eines kleinen Jungen in Nahaufnahme zu sehen ist. (Deutschlandradio / Suhrkamp Verlag nova)
Kraftvoll, berührend, aufrüttelnd: die Lebensgeschichte von Ibrahima Balde. (Deutschlandradio / Suhrkamp Verlag nova)

Die Suche nach seinem kleinen Bruder führt den jungen Mann Ibrahima aus seinem Heimatort in Guinea bis nach Irun in Spanien. Ein sehr persönlicher, erschütternder Bericht über das Leiden junger Afrikaner auf ihrem lebensgefährlichen Weg nach Europa.

82,4 Millionen Menschen waren Ende 2020 wegen politischen Konflikten, Verfolgung und Menschenrechtsverletzungen weltweit auf der Flucht, hat das UN-Flüchtlingskommissariat kürzlich mitgeteilt. Das entspricht in etwa der Bevölkerung Deutschlands – und spiegelt sich auch in der Literatur wieder.

Fluchtgeschichten werden derzeit häufiger erzählt. Das Buch "Kleiner Bruder" hat eine bemerkenswerte Entstehungsgeschichte. Autor Ibrahima Balde will gar nicht nach Europa flüchten, sondern begibt sich auf die Suche nach seinem verschwundenen Bruder.

Die Odyssee bringt ihn bis nach Irun, in den Norden Spaniens. Dort trifft der 24-jährige Analphabet 2018 auf den baskischen Sänger Amets Arzallus und erzählt ihm seine Lebensgeschichte. Der Bertsolari, ein volkstümlicher Dichter, der vor dem Publikum auf baskisch reimt, singt und improvisiert, schreibt sie für Ibrahima auf.

Nach dem Tod des Vaters ist er der Ernährer

Ibrahima Balde, 1994 in Guinea geboren, einem kleinen westafrikanischen Land mit einer Analphabetenrate von über 50 Prozent, hat die Schule nur kurz besucht. Nach dem Tod seines Vaters muss er für den Lebensunterhalt der Familie sorgen.

Im Nachbarstaat Liberia lernt der Junge, Lastkraftwagen zu reparieren. Als auch noch die Mutter erkrankt, kehrt er in sein Heimatdorf zurück und übernimmt als ältester Sohn die volle Verantwortung.

Besonders wichtig ist ihm, dass sein kleiner, aufgeweckter Bruder Alhassane weiterhin die Schule besuchen kann. Doch nach drei Jahren ist der plötzlich verschwunden, meldet sich schließlich aus Libyen und sagt, er wolle nach Europa.

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Ibrahima erzählt von seinem Weg auf den Spuren seines Bruders über Guinea, Mali, Algerien bis nach Libyen. Er beschreibt die lebensgefährliche Durchquerung der Wüste, berichtet von menschenverachtender Ausbeutung, von Unsicherheit, Gewalt, Einsamkeit und Verzweiflung. Aber Ibrahima trifft auch immer wieder Menschen, die ihn mit ihren geringen Möglichkeiten unterstützen und stärken.

Kraftvolle Anklage gegen Rassismus

Als jemand erzählt, dass Alhassane im Mittelmeer ertrunken sei, verliert Ibrahima jeglichen Lebensmut. Doch er findet Freunde, die ihn ermutigen, nicht aufzugeben. So landet er schließlich über Marokko in Spanien.

Auf sehr schlichte und doch fast poetische Art erzählt Ibrahima Balde in eigenen Bildern von seinem Leben, seinen Vorstellungen, seiner Glaubenswelt. Er spricht über die ihm anerzogenen Werte, von seinem unglaublichen Leidensweg und versucht zu erklären, woher er die Kraft zum Überleben geschöpft hat.

Damit wird dieses kleine Buch zu einer kraftvollen Anklage gegen Rassismus, Menschenverachtung und den unglaublich durchorganisierten und brutalen Handel mit Menschenleben. Es geht unter die Haut und rüttelt auf – und endet glücklicherweise mit Ibrahimas Überleben und einem berührenden Gedicht.

Ibrahima Balde, Amets Arzallus: "Kleiner Bruder. Die Geschichte meiner Suche"
Aus dem Baskischen von Raul Zelik
Suhrkamp Verlag 2021
139 Seiten, 14 Euro

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