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Profil / Archiv | Beitrag vom 26.06.2007

Balancieren durch die Zwischenräume der Metaphern

Porträt der Lyrikerin und Schriftstellerin Nora Bossong

Von Anna Bilger

Nora Bossong setzt ihre Worte präzise. (Stock.XCHNG / Christy Thompson)
Nora Bossong setzt ihre Worte präzise. (Stock.XCHNG / Christy Thompson)

Sie ist erst 25 und hat schon zwei Bücher geschrieben - und das sogar in zwei unterschiedlichen Disziplinen: Nora Bossong hat einen Roman und einen Band mit Gedichten veröffentlicht. Momentan studiert die junge Schriftstellerin in Berlin und ist beim diesjährigen Berliner Poesiefestival gleich zweimal dabei. Ihre Gedichte sind präzise gesetzt, verdichtete Worte, die doch in der Schwebe bleiben.

"Das funktioniert ja wie 'n gutes Musikalbum, dass du immer wieder lesen kannst, und immer wieder diesen Song und diesen Track hören und abspielen kannst und immer wieder was neues findest."

Wenn Nora Bossong über Lyrik redet, dann schnell und fast ein wenig atemlos. Und doch plappert sie nicht, sondern setzt die Worte sehr präzise.

"Die Lyrik hilft dabei, Sprache genauer zu betrachten, also das einzelne Wort ernster zu nehmen, also nicht das Wort als Mittel zum Zweck, um Inhalt rüberzubringen, sondern das Wort als Grundmaterial von Literatur sehr ernst zu nehmen."

Nora Bossong ist 25 und schreibt Gedichte. Für sie geht es nicht um Hebung, Senkung und Versmaß, Gedichte sind für sie konzentrierte Geschichten, erzählt auf wenigen Zeilen. Und wie Musik könne man die immer wieder und überall konsumieren.

Unweit vom Berliner Alexanderplatz sitzt die junge Schriftstellerin in einem Café. Sie hat die langen roten Haare locker zusammengesteckt, trägt ein olivefarbenes T-Shirt und goldene Ohrringe. Sie ist klein und schmal. Auf dem Tisch steht ihr weißer Laptop. Vom Bildschirm liest sie ein Gedicht:

"Und gingen wir durch meine Mutterstadt
fast lautlos, sprach er nichts, als bliebe es so
ungesagt und lag in diesem Sommertag
ein heißes Flüstern, gab uns kein Baum,
kein Tunnel Schatten, ließ meine Hand von
seiner Hüfte ab und fragte er mich nach
des Laudons Grab - ich weiß nicht, glaub,
er wollte nicht mehr weiter,
mein Vater."


"Rolandslied" ist eines von 39 Gedichten, die Bossong gerade in ihrem ersten Lyrikband veröffentlicht hat. Sehr knappe und sehr klare Lyrik, die doch nie eindeutig ist. Worte, die durch Zwischenräume balancieren. Aussagen, die in der Schwebe bleiben.

Dort, im Vagen und etwas Düsteren fühlt sich Nora Bossong wohl. Schon als Teenager hat sie gerne Edgar Allan Poe gelesen. Jetzt steht sie auf David Lynch. Sie mag Geschichten, die Freiräume öffnen und Fragen offen lassen.

Auch ihr erster Roman "Gegend" - der vergangenes Jahr erschien - ist ein eher zwielichtiges Kammerspiel. Das Aufeinandertreffen einer Patchworkfamilie: Tochter und Vater besuchen die Halbschwester und ihre Mutter. Nora Bossong erzählt in strengem Ton und ohne wahren Höhepunkt und Happy End.

"Ich würde mir selbst nicht trauen, wenn ich so erzählen würde. Wenn ich mich hinstelle und sage, ich kann euch erzählen wie die Geschichte ausgeht, ich kann euch sagen, wie bestimmte Sachverhalte sind. Sondern das Metaphorische liegt mir mehr, ich finde es tatsächlich glaubwürdiger."

Auch die Familie von Nora Bossong ist, wie die der Erzählerin im Roman, Patchwork. Der Vater hat bereits eine Tochter. Und die Eltern trennen sich wieder, als Bossong gerade in die Schule kommt. Sie lebt beim Vater in Hamburg und der Mutter in Bremen. Über ihre Familie spricht sie jedoch nur zögerlich. Und wehrt sich dagegen, dass immer wieder nach dem autobiographischen Bezug gesucht wird.

Mit dem Schreiben beginnt sie schon als Kind. Dass sie eine ganze Menge Talent entwickelt, ist spätestens klar, als sie einen Studienplatz am Literaturinstitut in Leipzig bekommt. Direkt nach dem Abi will sie endlich nur noch schreiben.

"Deswegen habe ich am Literaturinstitut angefangen zu studieren, um da gerechtfertigt schreiben zu dürfen, also dass man niemanden erklären muss, warum man das macht ... und wenn jemand nachgefragt hat, konnte ich das eindeutig erklären, ich mach hier was ganz Normales."

Leipzig hat sie inzwischen hinter sich, ein Literatur-Stipendium in der Tasche - und einen neuen Studienplatz. Berlin, Humboldt-Uni, Kulturwissenschaften und Philosophie. Sie will noch mehr lernen, wohnt in Berlin-Schöneberg in einer WG, auch ihr Mitbewohner schreibt. Gerade arbeitet die 25-Jährige an ihrem zweiten Roman.

"Ein bisschen Angst vorm zweiten Buch ist schon da, weil man anders rangeht, weil man denkt, wenn nicht alles schief geht, wird es ein Buch und nicht: Ich schreibe an etwas und wenn ganz viel zusammenkommt, wird es ein Buch."

Im Gespräch ist Nora Bossong zurückhaltend und sehr ernsthaft. Und wenn sie arbeitet, dann mit viel Disziplin - das hat sie in Leipzig gelernt. Vormittags schreibt sie, wenigstens drei Stunden täglich. Nachmittags geht sie zur Uni. Und abends trifft sie Freunde - zum Glück, wie sie sagt, nicht nur Autoren.

"Wenn ich nicht auch die anderen Freunde hätte ... die sind mindestens genauso wichtig für mich, weil sie 'nen anderen Blick auf die Welt haben, und da sind dann solche Dinge wie Literaturbetrieb (...) ganz weit weg und man kann den Leuten zuhören und sie erzählen ganz andere Sachen als die Leute, die selber schreiben."

Manchmal klingt Nora Bossong so, als glaube sie selbst noch nicht so ganz daran, dass sie jetzt dazu gehört, zum Literaturbetrieb. Und so wagt sie auch nur eine vorsichtige Prognose: Wenigstens die nächsten fünf Jahre will sie weiter daran arbeiten, zu sein, was sie sich schon lange wünscht: Schriftstellerin.

Hinweis:
Nora Bossong liest heute am 26.6.07 auf dem "poesiefestival berlin", gemeinsam mit fünf anderen Berliner Autoren hat sie ein Gruppengedicht geschrieben, gemeinsam tragen sie es vor. Um 22h im Maschinenhaus der Kulturbrauerei. Eintritt 5, ermäßigt 3 Euro.

Der Lyrikband "Reglose Jagd" von Nora Bossong ist in der Edition Postskriptum beim Verlag zu Klampen erschienen. Das Erzähldebüt "Gegend" bei der Frankfurter Verlagsanstalt.

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