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Nachspiel | Beitrag vom 25.04.2021

Bahnradsportlerin Kristina Vogel"Für mich zählt meine Selbstständigkeit"

Von Sabine Gerlach

Kristina Vogel, querschnittsgelähmte Olympiasiegerin und erfolgreichste Bahnradfahrerin der Welt, am Rande der Talkshow "Riverboat" in Leipzig. (picture alliance / ZB / Thomas Schulze)
"Es ist wichtig, sich die richtigen Ziele zu setzen", sagt Kristina Vogel, querschnittsgelähmte Olympiasiegerin und erfolgreichste Bahnradfahrerin der Welt. (picture alliance / ZB / Thomas Schulze)

Weltmeisterin, Olympiasiegerin, Weltrekordhalterin: Kristina Vogel war im Bahnradsport extrem erfolgreich - bis zu einem Trainingsunfall 2018. Seither kämpft sie sich zurück ins Leben. In ihrer Biografie schildert sie, wie ihr das gelang.

"Ich glaube, dass man immer vor Dingen Angst hat, die man nicht kennt. Und wenn man "normale" Menschen fragt, ob sie behinderte Menschen kennen oder nicht, dann heißt es ganz oft: Nein. Und ich erlebe selber im Alltag, dass solche Menschen ein bisschen Berührungsangst haben. Ich finde, dass das alltäglicher werden muss, weil: Ich bin immer noch ich, nur halt eben anders. Ein jeder hat sein Päckchen zu tragen und bei mir sieht man es nun mal mehr als bei manch anderen."

Das sagte Kristina Vogel vor Kurzem in der Jubiläumsausgabe der Fernsehsendung "Selbstbestimmt" vom Mitteldeutschen Rundfunk. Seit 30 Jahren setzt sich das Magazin für Inklusion und Teilhabe von Menschen mit Handicap ein. Kristina Vogel ist prominente Patin der Sendung.

Bahnradfahren ist wie Karussel fahren 

"Immer noch ich – nur anders", so lautet ihr Lebensmotto, und so heißt auch ihr Buch. Wer es liest, erfährt viel über ihre Kindheit und Jugend, über ihre Partnerschaft, die Anfänge auf dem Rad und ihre großen sportlichen Erfolge. Im Buch und in vielen Interviews – so wie Ende Februar bei Deutschlandfunk Nova – beschreibt sie anschaulich, was am Bahnradfahren so faszinierend ist:

"Durch die Bahn zu fahren ist etwa wie Karussell fahren, von den G-Kräften, man betreibt diese Achterbahn aber selber. Also Achterbahnfahren auf dem Fahrrad. Und dann ist es durch dieses Sprinttaktieren, dieses Katz-Maus-Spielen, was man da macht, ist es ein bisschen wie auch Schach spielen. Also: Bahnradsport ist Achterbahn selber betreiben und dabei auch noch Schach spielen."

Selfie mit Weltmeisterinnen: Kristina Vogel mit (v.l.n.r.) Lea Sophie Friedrich, Miriam Welte, Pauline Sophie Grabosch und Emma Hinze. (picture alliance / Augenklick/Roth | ROTH/AUGENKLICK)Selfie mit Weltmeisterinnen: Kristina Vogel mit (v.l.n.r.) Lea Sophie Friedrich, Miriam Welte, Pauline Sophie Grabosch und Emma Hinze. (picture alliance / Augenklick/Roth | ROTH/AUGENKLICK)

"Ich war nicht die Schnellste, aber ich glaube, ich war mental immer die Härteste", schreibt Kristina Vogel in ihrem Buch. Ehrgeiz, Härte, Fleiß, Disziplin und der unbedingte Wille, immer die Erste zu sein, haben aus ihr die erfolgreichste Bahnradfahrerin der Welt gemacht.

"Ich bin mal von einer Weltmeisterschaft nach Hause gekommen und habe zu meinem Lebenspartner gesagt: 'Michael, Du, das war das letzte Mal, ich werde nie wieder Weltmeister', und drum hab ich mich bei jedem Training einfach immer so getrieben gefühlt, dass ich das Gefühl hab, ich muss einfach! Und wenn ich hier nicht mach, dann werde ich nicht mehr Weltmeister, das ist einfach viel zu wenig, was ich hier trainiere – ich muss, ich muss, ich muss."

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Ausführlich beschreibt Kristina Vogel in ihrem Buch den tragischen Trainingsunfall, der ihr Leben komplett veränderte. Am 26. Juni 2018 fährt die damals 27-Jährige auf der Bahn in Cottbus mit hoher Geschwindigkeit ihre Runden. Wie aus dem Nichts steht plötzlich ein anderer Fahrer auf der Bahn. Kristina Vogel stürzt und bleibt lebensgefährlich verletzt liegen. Sofort ist ihr klar: Es ist ernst. Sie kann ihre Füße nicht mehr spüren. Ihre Lunge kollabiert. Tagelang kämpft die Athletin um ihr Leben.

Für die Doppel-Olympiasiegerin und elffache Weltmeisterin ein Déjà-vu: Bereits 2009 hatte sie einen schweren Verkehrsunfall mit lebensgefährlichen Verletzungen. "Von daher kannte ich viele Dinge auch schon und konnte mich drauf konzentrieren, das irgendwie durchzustehen, und habe diese Phase, was ist das, was passiert hier gerade mit mir, einfach abkürzen können. Und ich glaub, das ist was, wofür ich fast dankbar bin, diesen ersten Unfall gehabt zu haben, dass ich einfach wusste, was jetzt irgendwie passiert. So, und dann ging das halt so nach und nach einfacher, dass ich gesagt hab, ich darf nicht lockerlassen, ich muss hier einfach kämpfen."

Sehr berührend sind die Passagen, in denen Kristina Vogel von diesem Kampf erzählt. Ein halbes Jahr liegt sie in Berlin in der Unfallklinik in Marzahn, muss mehrfach operiert werden und in der Reha vieles neu lernen. Die heute 30-Jährige beschreibt die teils unerträglichen Schmerzen, die vielen dunklen Stunden, die sie überstehen muss; ihre Hilflosigkeit und Verzweiflung. Aber auch wie sie sich nach und nach ihr Leben zurückholt. Highlights: Die erste Dusche, das erste Mal im Rollstuhl sitzen und in ihrem Krankenzimmer einfach so aus dem Fenster schauen.

Das Durchbeißen hilft auch in der Reha

"Es ist, glaube ich, wichtig, sich die richtigen Ziele zu setzen, sich erlauben zu träumen, aber auch ganz realistisch bleiben. Und dann geht man so step-by-step, geht immer voran und immer weiter und dann schafft man's auch ganz realitätsnah, sich da irgendwie durchzukämpfen, einfach dranzubleiben. Und so war es für mich auch, dass erste Mal vom Bett umsetzen, das erste Mal dann das; dann hat mein Therapeut irgendwann mal gesagt, ‚Du, Rollstuhl-Bodentransfer‘, also, wenn ich mal aus dem Rollstuhl rausgeplumpst bin, gibt es so zwei Techniken, wieder reinzukommen in den Rollstuhl und er hat gesagt, bevor Du hier gehst, die Reha quasi verlässt, dann können wir das."

Kristina Vogel beim Einlagerennen mit einem Handbike, links Exprofi Jens Voigt. (picture alliance / Augenklick/Roth | Roth/Augenklick)Auf Zack: Kristina Vogel beim Einlagerennen mit einem Handbike, links Exprofi Jens Voigt. (picture alliance / Augenklick/Roth | Roth/Augenklick)

Kämpfen, sich Durchbeißen, immer wieder über die eigenen Grenzen gehen: Das, was sie als Sportlerin aus dem Effeff beherrschte, half Kristina Vogel dabei, auch den zweiten Unfall und die Folgen zu bewältigen. Den Rollstuhl-Bodentransfer beherrscht sie längst und sie hat – mühsam – gelernt, Hilfe anzunehmen. Der Unfall, so sagt sie, habe sie freier gemacht. Eine Karriere als Parasportlerin sei kein Thema.

"Ich habe 18 Jahre Leistungssport gemacht, ich hab der Welt bewiesen, dass ich's kann, ich musste in dieser Zeit irgendwie auch, das habe ich jedenfalls gedacht, und von daher: Der Rest ist für mich einfach auch Zugabe, in Anführungsstrichen. Ich muss überhaupt nicht mehr, ich kann aber."

Einsatz für Inklusion und den Abbau von Barrieren

Sie muss nicht, aber sie kann und sie will. Seit Mai 2019 sitzt Kristina Vogel als parteilose Abgeordnete für die CDU im Erfurter Stadtparlament und setzt sich dort unter anderem für die Inklusion von Menschen mit Behinderung und den Abbau von Barrieren ein. Sie ist angestellt bei der Bundespolizei und wird als Keynote-Speakerin von Unternehmen oder als Sportkommentatorin gebucht. Kristina Vogel hat ihren Weg mit Handicap gefunden. Sie ist immer noch sie selbst – nur anders.

In der Fernsehsendung "Selbstbestimmt" vom MDR sagt Kristina Vogel, was für sie zähle – bei allem, was sie tue – sei ihre Selbstständigkeit:

"Einfach tun zu können, was ich möchte und wann ich das möchte. Ob das verrückte Sachen sind wie Fallschirmspringen oder Halfpipe fahren oder ganz normale Dinge wie einfach Autofahren, das ist für mich Selbstständigkeit."

Kristina Vogel: "Immer noch ich. Nur anders"
Piper, München 2021
272 Seiten, 20 Euro

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