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Religionen | Beitrag vom 16.09.2018

Bahai-Gemeindesprecher Ali FaridiEin Parlament der Religionen

Ali Faridi im Gespräch mit Thorsten Jabs

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Die Decke des Baha'i-Tempels in Hofheim-Lorsbach im Taunus - das einzige religiöse Zentrum der Baha'i-Religion in Europa (imageBROKER)
Bahai-Tempel im Taunus - die Bahai-Religion sei dafür prädestiniert, interreligiös aktiv zu sein, sagt der Gemeindesprecher Ali Faridi. (imageBROKER)

In einigen deutschen Städten bilden verschiedene Glaubensrichtungen einen "Rat der Religionen". Vorreiter sind Hannover und Frankfurt am Main. Dort treffen sich die Räte zu ihrem ersten Bundeskongress. Für die Gemeinde der Bahai ist Ali Faridi dabei.

Thorsten Jabs: Herr Faridi, das Bahaitum entstand im 19. Jahrhundert im Iran, wo es bis heute als größte religiöse Minderheit verfolgt wird. Es sieht die ganze Menschheit als eine Einheit und einen einzigen unteilbaren Organismus. Sind sie dafür prädestiniert, in einem Rat der Religionen mitzuwirken?

Ali Faridi: Ich denke ja, denn, wie Sie schon erwähnten, die Grundsätze, welche die Bahai-Religion bietet, sind gerade dafür prädestiniert, interreligiös aktiv zu sein. Wir versuchen, unseren Anteil dazu beizubringen, dass wir zu einer friedlicheren Welt kommen und den Erwartungen und Herausforderungen einer multireligiösen Gemeinschaft gerecht werden, in dem Sinne, dass die Menschen einander näherkommen, dass sie mehr voneinander erfahren. Denn alleine der Abstand oder Angst vor dem Fremden sind die Ursachen vieler Unstimmigkeiten, vieler Streitigkeiten, bis hin zu den vielen Kriegen. Und dies könnte man nur in einem wertschätzenden, gemeinsamen Diskurs angehen und nicht immer nebeneinander und gegeneinander.

Weltparlament der Religionen als Vorbild

Jabs: Werfen wir zusammen mal einen Blick in die Geschichtsbücher. Am 11. September 1893, also vor rund 125 Jahren, da gab es so einen Diskurs, denn da tagte zum ersten Mal das Weltparlament der Religionen. Damals kamen mehr als 4.000 Menschen unterschiedlicher Konfessionen nach Chicago. 100 Jahre dauerte es dann, bis das nächste Treffen stattfand. Seitdem trifft man sich regelmäßig. Ist das auch ein Vorbild für einen Rat der Religionen oder einen Runden Tisch der Religionen, der in einer Stadt gegründet wird?

Faridi: Durchaus, denn nach diesem ersten Zusammenkommen des Parlaments der Religionen, sind weitere Initiativen entstanden, unter anderem das Projekt Weltethos unter der Leitung von Hans Küng. Kurze Zeit darauf ist auch Religions for Peace entstanden in Kyoto. Religions for Peace und auch Weltethos hatten von Anfang an die Idee für Räte der Religionen, allerdings die Ideen waren so anders strukturiert, also wenig praxisnah.

Porträt des Bahai-Gemeindesprechers Ali Faridi (Ramin Faridi )Der Bahai-Gemeindesprecher Ali Faridi (Ramin Faridi )

Im Laufe der Zeit haben sich mehrere weitere Bewegungen zu dieser Sache bekannt oder auch sich in diese Richtung vorgearbeitet, und es hat schon einige Jahre gedauert, wo, je nach den Örtlichkeiten und je nach den gegebenen Verhältnissen, verschiedene Begegnungsstätten oder auch Runden entstanden, die sich Runde Tische der Religionen nannten, die Foren der Religionen und so weiter. In Deutschland hat im Zuge der Herausforderungen, die mit der Zuwanderung verbunden sind, die Idee noch einmal an Interesse gewonnen, oder die Idee wurde viel mehr vorangetrieben, dass diese Art der Zusammenarbeit, die von den größeren Einrichtungen des Dialoges vorgesehen waren, in erster Linie dann fruchtbar werden, wenn man von der Basis beginnt, nicht auf der Weltebene, auch nicht auf der Landesebene, sondern zunächst auf der Basisebene.

Dann wurden in Deutschland die beiden großen Städte, die eigentlich auch als Weltstädte zu nennen sind, nämlich Frankfurt und Hannover – Frankfurt wegen seiner Funktion als Drehpunkt vieler internationaler Zusammenkünfte, Begebenheiten oder auch als zentraler Flughafen in Europa, und Hannover in Bezug auf seine Funktion als Weltstadt, nämlich als Messestadt –, die waren die ersten Vorreiter, die schon vor vielen Jahren zu einem Rat der Religionen kommen. Aber erst jetzt seit Kurzem sind nach und nach viele Räte der Religionen neu entstanden, die dabei sind, ihre ersten Erfahrungen zu machen.

Gespräche und Begegnungen im Konfliktfall

Jabs: Können Sie mal ein Beispiel nennen, an dem man vielleicht deutlich machen kann, dass der interreligiöse Dialog im Rat der Religionen erfolgreich war?

Faridi: Ja, ich kann Ihnen mindestens zwei Beispiele nennen. Das eine bezieht sich auf Verhältnisse zwischen zwei Gemeinschaften, und das zweite bezieht sich auf die Gesamtgesellschaft. Das erste Beispiel: Wir erfuhren, dass bei einer Stadtteilveranstaltung eine jüdische Musikgruppe, eine jugendliche Musikgruppe aufgetreten ist, und die wurden unter anderem von anderen Anwesenden angepöbelt und mit Steinen beworfen. Das Ergebnis war, dass eine Delegation vom Rat der Religionen sich mit den beiden Seiten dieses Konfliktes zusammentat. Die Örtlichkeiten wurden besucht und mit den Leuten, die an diesem unangenehmen Vorkommnis beteiligt waren, wurden Gespräche geführt. Wir haben auch zugleich eine Erklärung, ein Statement dazu herausgegeben, dass wir Derartiges verurteilen und dass Derartiges nicht mehr vorkommen sollte, aber, wie gesagt, wir haben uns nicht nur mit einem Statement begnügt, sondern wir sind auch aktiv geworden. Wir konnten die Situation einigermaßen beruhigen.

Das zweite Beispiel: Als etwa vor etwas über zwei Jahren die sogenannte Pegida- oder Hagida-Bewegung in Hannover versucht hat, regelmäßige Demonstrationen zu gestalten, dann haben sich Akteure der Zivilgesellschaft – dazu gehörten die Bereiche der Politik, Gewerkschaften, Kirchen, aber auch vor allem der Rat der Religionen, also der interreligiöse Dialog –, haben sich zusammengetan als Gegenstück zu diesen Demonstrationen, die dort geplant waren, wurden zu einer Art Friedensinitiative in Gang gesetzt, auch so an mehreren Montagen hintereinander. Diese Demonstrationen nahmen ihren Anfang in der Marktkirche von Hannover mit einem interreligiösen Friedensgebet, und dann kamen im Verlauf des weiteren Zuzugs der Menschen immerhin zuletzt um die 20.000 Menschen zusammen, und das hat letztendlich dazu geführt, dass diese sogenannte Hagida-Bewegung in Hannover keinen Fuß fassen konnte.

Chemnitz beschäftigt die Räte der Religionen

Jabs: Das ist ja ein sehr aktuelles Thema, Fremdenfeindlichkeit. Inwiefern beeinflussen auch die Ereignisse in Chemnitz die Arbeit eines Rates der Religionen oder des Bundeskongresses der Räte der Religionen?

Faridi: Die Ereignisse in Chemnitz beschäftigen uns natürlich auch. Zugleich wissen wir, dass wir mit guten Ratschlägen die Sache nicht in den Griff bekommen, aber uns ist auf jeden Fall bekannt, dass die Begegnung durchaus einen großen Einfluss haben konnte, denn die Menschen haben insgesamt im Verlauf der Geschichte immer Angst vor dem Fremden gehabt, so wie es eben in den alten Märchen ist: Angst vor dem Unhold, Angst vor dem Ungeheuer, oder das Unbekannte ist, das den Menschen Angst macht. Wenn der Unbekannte zum  Bekannten wird, dann ist die Angst sehr abgeschwächt, und dann werden auch diejenigen, die diese Angst noch weiterführen, auch nicht die Gelegenheit nutzen können, und daher unser Ratschlag wäre, dass die gesellschaftlichen Akteure sich zusammentun und dafür sorgen, dass die Menschen sich häufiger begegnen, denn in Wirklichkeit sind beide Seiten von Ängsten und von etwas schwierigeren Zukunftsperspektiven geplagt.

Insofern denken wir, dass diese Sache auf jeden Fall nicht so bleiben kann und auch nicht so bleiben wird. Das ist eine Herausforderung, und wir müssen versuchen, damit umzugehen, und auf jeden Fall wird das auch ein Thema sein, wenn wir jetzt bei diesem ersten Kongress der Räte zusammenkommen, denn die meisten Räte sind sehr neu entstanden, und wir konnten aus unseren Erfahrungen einige Beispiele dort auch herausstellen, sodass auch die neuen Räte der Religionen aus unseren Erfahrungen Nutzen ziehen und die möglicherweise Fehler oder auch Unzulänglichkeiten, die wir schon überwunden haben, zum Anlass nehmen, die Sache von Anfang an einigermaßen gut in Griff zu bekommen.

Bundeskongress zur besseren Vernetzung

Jabs: Das heißt, der Bundeskongress ist jetzt auch die Möglichkeit, sich besser zu vernetzen und insgesamt, dass die Städte auch besser zusammenarbeiten, auch gerade bei solchen aktuellen Themen wie Ausländerfeindlichkeit, Antisemitismus.

Faridi: Auf jeden Fall. Die Städte sind allerdings sehr verschieden strukturiert. Auch die beiden Räte der Religionen in Hannover und Frankfurt sind sehr verschieden. Während wir in Hannover viel mehr mit der Basis der Gemeinschaften arbeiten, sind in Frankfurt zunächst einmal mehr die Dachorganisationen an der Arbeit des Rates beteiligt. Beides ist notwendig, aber wichtig ist es, dass wir dauerhaft vernetzt in Kontakt sind, sodass wir, ohne dass wir regelmäßig zu einer großen Konferenz zusammenkommen, wissen, was wo gemacht wird, und dieser Erfahrungsaustausch ist das Ziel dieser Zusammenkunft

Jabs: Herr Faridi, vielen Dank für das Gespräch!

Faridi: Ich danke Ihnen!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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