Seit 20:03 Uhr Konzert
Donnerstag, 29.10.2020
 
Seit 20:03 Uhr Konzert

Tacheles / Archiv | Beitrag vom 18.06.2011

"Bärendienst" für die globale Biodiversität

DLG-Präsident warnt vor Auswirkungen europäischer Nachhaltigkeitsziele

Carl-Albrecht Bartmer im Gespräch mit Ernst Rommeney

Podcast abonnieren
Welche Auswirkungen hat die deutsche Landwirtschaft auf die weltweite Biodiversität? (AP)
Welche Auswirkungen hat die deutsche Landwirtschaft auf die weltweite Biodiversität? (AP)

Der Präsident der Deutsche Landwirtschafts-Gesellschaft (DLG), Carl-Albrecht Bartmer, sieht im Landschafts- und Biodiversitätsschutz in Europa eine Ursache für hohe Lebensmittelpreise auf den Weltmärkten.

Deutschlandradio Kultur: Heute mit Ernst Rommeney und einem Gesprächspartner, der als Landwirt auf seinem Hof in Löbnitz an der Bode in Sachsen-Anhalt arbeitet. Zugleich ist er Präsident der Deutschen Landwirtschaftsgesellschaft – Carl-Albrecht Bartmer. Haben Sprossen eigentlich auch ein Qualitätssiegel der DLG?

Carl-Albrecht Bartmer: Soweit ich weiß, nicht. Ich muss zugeben, an der Stelle bin ich auch sehr froh, dass sie keines haben. Wahrscheinlich hätten wir über viele Jahre Sprossen geprüft und sensorisch für hervorragend möglicherweise definiert und denen auch ein Siegel gegeben. Tatsächlich kann eine Prüfung der DLG solche Risiken, wie sie jetzt eingetreten sind in speziellen Chargen, auch bei Sprossen nicht ausschließen. Aber tatsächlich sind sie nicht geprüft von uns.

Deutschlandradio Kultur: Aber fragen Sie sich nicht manchmal auch, warum Deutschland, aber auch Europa nacheinander immer wieder von einer Lebensmittelplage gepeinigt wird?

Carl-Albrecht Bartmer: Also, ich glaube erst einmal, dass Lebensmittel schon immer den Menschen sehr am Herzen gelegen haben und auch die Qualität von Lebensmitteln sehr am Herzen gelegen hat und die Sensibilität für nicht gut erzeugte Lebensmittel für Menschen wichtig war. Es gibt einfach auch einen Grund, warum die DLG schon immer Qualitätsprüfung betreibt. Es gibt übrigens auch einen Grund, warum wir schon seit über 100 Jahren Qualitätsparameter, auch rechtliche Parameter für Lebensmittel haben. Also, die Menschen waren schon immer kritisch gegenüber den Produkten, die sie konsumieren. Früher waren ja auch sehr viel mehr Krankheiten noch mit dem Konsum verbunden.

Ich glaube, dass die aktuellen Krisen, von denen wir so gebeutelt erscheinen, tatsächlich auch eine Konsequenz sind eines sehr, sehr, viel genaueren Untersuchens von Lebensmitteln, Erkennens von Komponenten in Lebensmitteln, die dann auch nicht für die Gesundheit förderlich sind, sodass wir möglicherweise auch daraus eine höhere Sensibilität entwickeln.

Deutschlandradio Kultur: Aber eigentlich haben Sie ja einen Vorteil in der Deutschen Landwirtschaftsgesellschaft, weil sie als Landwirte mit der Ernährungsindustrie zusammenarbeiten. Im Grunde haben Sie alle unter einem Dach. Häufig müssen ja die Bauern auch ausbaden, was andere in der Lieferkette für Fehler gemacht haben. Was tun Sie fürs Qualitätsmanagement?

Carl-Albrecht Bartmer: Die Geschichte EHEC ist zunächst einmal eine große Last für die Landwirte – überhaupt keine Frage, auch eine große Last für den Konsumenten, der mit gefährlichen Lebensmitteln zu tun hatte. Ehrlicherweise werden wir in unserem Umgang mit Lebensmitteln, die wir – und das ist ja unser Verbraucherwillen – aus allen Ecken der Welt, mitunter mit dem Flugzeug transportiert, als Leckerbissen uns präsentiert, in einer Frische, die wir zu bestimmten Jahreszeiten nicht kennen, natürlich auch mit von dort importierten Risiken versehen. Die können Sie übrigens bei höchster Dichte an Kontrollen auch nie ganz ausschließen.

Was die DLG als Fachorganisation, die sich ganz besonders auch der Lebensmittelprüfung widmet, machen kann, ist: Sie kann im Rahmen ihrer Untersuchungen mit 2.000 ehrenamtlichen hoch qualifizierten Lebensmittelprüfern Produkte blind verkostet auf ihre Herstellungsqualität überprüfen. Das hat zwei Vorteile. Einmal weiß der Kunde, der solche Produkte konsumiert, dass sie eben tatsächlich auch höchster Herstellungsqualität entsprechen. Es gibt aber einen zweiten Vorteil und das macht die Arbeit der DLG in 125 Jahren auch sichtbar: Der, der nicht erfolgreich an diesen Prüfungen teilnimmt, bekommt einen exakten Hinweis, an welchen Stellen er nicht erfolgreich war. Er geht damit in seinen Produktionsprozess, optimiert den und wir haben in 90 Prozent der Fälle eine Wiedereinreichung solcher Produkte, und zwar so lange, bis die Produkte so gut sind, dass auch den Standards, die unsere Qualitätsprüfer setzen, entsprechen.

Das heißt, die DLG hat durch ihre 125-jährige Prüfungstätigkeit tatsächlich die Produktqualität von Lebensmitteln in Deutschland erheblich verbessert.

Deutschlandradio Kultur: Aber nehmen wir mal ein anderes Beispiel, die Futtermittelpanscherei, die es immer mal wieder gab. Da stellt sich die Frage: Wäre es nicht bei Ihnen sinnvoll, dass Sie – in anderen Fachbereichen würde man sagen – eine Ethikkommission haben, die sagen würde, was darf man machen und was nicht, dass das Standard wird, was man nicht macht oder was man sich abschminkt?

Carl-Albrecht Bartmer: Aber nehmen Sie mal den Fall Dioxin. Jeder der dort Tätigen in diesem speziellen Fall, in dieser speziellen Futtermühle wusste, dass das, was er tut, nicht ethisch war. Jede Ethikkommission, die dem vorher erklärt hätte, das darfst du nicht, hätte in dem Abwägungsprozess zwischen wirtschaftlichem Erfolg und Handeln bei dem speziellen Fall nichts bewirkt. Ergo: Wir brauchen eine sehr präzise Lebensmittelkontrolle, aber wir müssen auch verstehen, so wie wir Verkehr kontrollieren und nicht jeden Geschwindigkeitsüberschreitenden feststellen, wir werden es nicht ausschließen können, dass es Schwarze Schafe gibt, die tatsächlich auch gegen diese Regeln verstoßen.

Dann kommt allerdings ein entscheidender Punkt. Dann gilt es, wenn solche Fälle auftreten, das ist ja interessanterweise auch bei dem Dioxin sehr schnell aufgetaucht, dass Analysen a) feststellen, hier stimmt was nicht, und dann sich über ein Qualitätssicherungssystem sehr schnell rückverfolgen lässt, wer es war.

Deutschlandradio Kultur: Immer wieder wird diskutiert, ob wir unsere Lebensmittel nicht über zu große Entfernungen hinweg transportieren. Wäre das für Sie ein Argument, wieder mal nachzudenken über die regionale Lebensmittelversorgung?

Carl-Albrecht Bartmer: Also, ich glaube, alle im Wertschöpfungsprozess Lebensmittel beteiligten Unternehmen denken heute über Nachhaltigkeit nach. Ich glaube auch, diese Frage von Lebensmitteltransporten hat etwas zu tun mit Nachhaltigkeit. Es ist durchaus zu hinterfragen, ob ein Verbraucherverhalten, aber auch ein Produzentenverhalten, das die letzten Schmankerl aus Afrika als vielleicht reizvolle Herausforderung des Speiseplans feiert, genauso wie es vielleicht auch heikel ist, dass ich Produkte in Holland produziere, in Spanien verpacke und dann wieder nach Deutschland zurück liefere und Herkunftsland Spanien drauf fixiere. Also, diese Dinge sind durchaus mit sehr, sehr vielen Fragezeichen versehen. Ich glaube auch, dass wir in dem Prozess sehr viel intensiver nachdenken.

Interessanterweise gibt es kein Unternehmen im Agrarbereich oder im Lebensmittelbereich, das heute nicht über Nachhaltigkeitssysteme, Zertifizierungssysteme nachdenkt oder sie zum Teil auch realisiert. Übrigens macht die DLG das auch. Und die DLG hat, übrigens in Zusammenarbeit mit der Deutschen Bundesstiftung Umwelt und zwei wissenschaftlichen Instituten in Halle und München, ein eigenes Nachhaltigkeitszertifizierungssystem für die Urproduktion entwickelt – irrsinnig schwierig. Und wir arbeiten sehr intensiv inzwischen mit einzelnen Musterpartnern in der Lebensmittelkette zusammen, in der wir tatsächlich versuchen, die Nachhaltigkeit der Erzeugung zu optimieren.

Und das führt dazu, dass wir morgen möglicherweise sehr viel stärker das bekommen, was Sie gerade anregen, eine regionale Produktion, weil es einfacher ist, regionale Wertschöpfungsketten, Lebensmittel auch in ihrer Nachhaltigkeit zu zertifizieren. Und wir kriegen eines hinein, dass die externen Kosten, zum Beispiel von großen, weiten Transporten, auch mal sichtbar gemacht werden in so einem System und dann auch als Manko entsprechend zertifiziert werden.

Deutschlandradio Kultur: Brauchen wir eigentlich in Europa noch Subventionen für die Landwirtschaft oder – noch spezieller gefragt – wozu brauchen deutsche Bauern noch öffentliche Unterstützung?

Carl-Albrecht Bartmer: Dann, wenn wir uns sehr bewusst für Standards in Europa entscheiden, die sich wirklich wesentlich von denen unterscheiden weltweit. Das ist übrigens eine sehr legitime Entscheidung eines europäischen Konsumenten, das auch zu wünschen.

Ich glaube, dass die Europäische Union – und sie ist ja dabei, nach 2013 für ihren nächsten Planungshorizont sich Gedanken zu machen, wie diese Förderung von Landwirtschaft auszusehen hat – eigentlich erst mal grundlegend klarmachen muss, was erwartet sie eigentlich von dieser Landwirtschaft. Und in welchem Kontext steht diese Landwirtschaft?

Deutschlandradio Kultur: Sie hat doch eigentlich gesagt, und das sagt auch die nationale Agrarpolitik, wir wollen im weitesten Sinne den Landschaftsschutz und den Umweltschutz haben. Und jeder, der was für die Landschaft tut, soll besser gefördert sein als ein anderer, der eben von seinem Geld gut leben kann.

Carl-Albrecht Bartmer: Ich sag Ihnen mal eine Sache, die zwei Wissenschaftler – ein Italiener und ein Deutscher – vor einem Jahr herausgearbeitet haben.

Europa ist klimatisch, das kann man jetzt wunderbar sehen, von den Böden, von der Qualifikation der Landwirte einer der fruchtbarsten und bedeutendsten Agrarstandorte, Gunststandorte dieser Welt. Europa sollte deshalb eigentlich in der Lage sein, sich im Wesentlichen auch selbst zu versorgen, insbesondere wenn man noch weitere Pläne hat, wie vielleicht Bio-Energie oder Ähnliches zu erzeugen.

Dieses Europa importiert zurzeit netto knapp 50 Mrd. US-Dollar an Agrarprodukten aus aller Welt. Netto heißt, sie importieren mehr als sie exportieren. Diese zwei Wissenschaftler, die ich Ihnen genannt habe, haben das mal umgerechnet und haben festgestellt, dass Europa damit virtuell auf Flächen außerhalb seiner Grenzen ungefähr auf gut 30 Mio. Hektar für sich Landwirtschaft betreiben lässt. Deutschland hat 11,5 Mio. Hektar Ackerfläche. Fast die dreifache Fläche von Deutschland wird außerhalb von europäischen Grenzen für Europa erzeugt. Warum?

Weil wir Bioenergie betreiben, weil wir Palmöl importieren, weil wir Futtermittel importieren, wie Soja, weil wir unsere Produktionspotenziale nicht in dem Maße nutzen, wie wir es könnten, indem wir Landwirte dafür bezahlen, dass sie extensiv wirtschaften. Dafür bekommen sie von der EU und von den jeweiligen Ländern zusätzliche Gelder. Weil wir – und jetzt sind wir bei dem Thema, das Sie angesprochen haben – uns entschieden haben, dass wir an bestimmten Standorten hier in Europa, speziell in Deutschland, gerne größere Biotope einrichten wollen, weil wir den Wunsch haben, eine Biotopvernetzungsstruktur, da werden dann Zahlen von ungefähr 10 Prozent der Fläche in den Raum geworfen, die man gewährleisten möchte, um dann auch eine entsprechende Biodiversität in Europa, speziell in Deutschland zu gewährleisten.

Auf den ersten Blick sieht das ganz toll aus. Aber auf den zweiten Blick muss man da doch genau gucken, was passiert eigentlich da international? In einer Phase, in der wir weltweit mehr Lebensmitteln erzeugen als wir verbrauchen, kann man sagen, ist ja toll, dass Europa 30 Mio. Hektar außerhalb seiner Grenzen für sich bebauen lässt. Da können ja Landwirte, Kleinbauern, wie sie alle heißen, dabei sehr viel Geld verdienen.

Das Tragische ist nur, dass wir in den letzten zwei Jahren eine Verdoppelung von Lebensmittelpreisen in der Welt hatten und wir uns die Frage stellen müssen, ob nicht das, was wir in Europa tun, einen direkten Einfluss hat auf die Lebensmittelpreise auch außerhalb unserer Grenzen.

Und Sie können es dann noch weiter zuspitzen und können sagen: Vielleicht ist das Biotop, was ich hier einrichte und was ich auch beispielhaft schön einrichte und traumhaft für viele Arten, vielleicht ist das gerade der Grund, weshalb irgendwo an der Südgrenze der Sahara oder im Regenwald irgendjemand, weil er das entsprechende Äquivalent an Getreide, was hier in Europa nicht wächst, dann dort erzeugen muss, also, wo er entsprechende Biotope dort zerstört.

Da müssen wir auch sehr viel weiter drüber nachdenken. Wir müssen tatsächlich mit unserem Handeln, auch unserem Agrarhandeln hier innerhalb Europas weit mehr bedenken als nur unsere europäischen Grenzen und Kriterien von Einkommensverteilung innerhalb europäischer Bauern, Einkommensverteilung der Landwirtschaft zu den übrigen Wirtschaftszweigen, Fragen auch der entsprechenden Schönheit und Biodiversität unserer Landschaft, wir müssen tatsächlich immer gucken, was hat das eigentlich für Wirkungen außerhalb unserer Grenzen. Wir könnten nämlich der globalen Biodiversität einen Bärendienst, der globalen Nachhaltigkeit einen Bärendienst erweisen, indem wir sagen, wir machen Deutschland zum Musterland der Nachhaltigkeit und bezahlen es im Prinzip mit Flächen, die wir außerhalb Europas in Anspruch nehmen.

Deutschlandradio Kultur: Sie sagen, man kann Deutschland und Europa nicht zu einer Parklandschaft machen und dann seine Lebensmittel außerhalb produzieren. Was müsste man dann machen? Intensiver produzieren in Europa?

Carl-Albrecht Bartmer: Man müsste beides tun. Und das ist eigentlich mein Votum. Wer hier Standorte reservieren will für Biodiversität, der darf nicht die Last dafür, nicht erzeugter Lebensmittel auf internationale außereuropäische Märkte abwälzen, sondern der muss dann dafür sorgen, dass auch Flächen hier tatsächlich Produktivitätsfortschritte realisieren, die dann diesen Mehrertrag leisten, damit man sich tatsächlich auch solche Elemente wie schöne Biotope, Heckenlandschaften und Ähnliches auch leisten kann.

Deutschlandradio Kultur: Aber uns wird ja noch mehr vorgeworfen, uns Europäern, dass wir mit unseren Exporten die heimische Landwirtschaft, beispielsweise in Afrika oder sonst wo, zerstören, weil wir den Kleinbauern dort keine Chance mehr geben, mit Billigprodukten noch mithalten zu können.


Carl-Albrecht Bartmer: Dieses Bild der Agrarexporte kommt aus der Zeit von Milchseen, Schweinebergen, Getreidebergen.

Deutschlandradio Kultur: Heute sind's Hühner und dergleichen mehr.

Carl-Albrecht Bartmer: Da gibt's aber keine Berge. Und interessanterweise, ja, es ist ja wirklich so, die Zeiten haben sich einfach verändert. Die EU hat sich übrigens einseitig verpflichtet, Exportsubventionen wirklich nur in ausgesprochenen Notfällen anzuwenden. Das ist manchmal jetzt während der Milchkrise mal bei Milchpulver passiert, aber es gibt ansonsten keine Exportsubventionen mehr der EU. Das ist tatsächlich eine Geschichte der Agrarpolitik der 80er-, 90er-Jahre, in denen das in großem Umfang gemacht wurde.

Das, was wir jetzt machen, ist genau das Gegenteil. Wir verknappen international sonst verfügbare Agrarproduktion, indem wir hier auf unseren Standorten nicht in dem Maße Agrarprodukte produzieren, wie wir vielleicht könnten, weil wir bestimmte Technologien nicht einsetzen, weil wir bestimmte Flächen auch für andere Zwecke reservieren.

Deutschlandradio Kultur: Nun wird ja der europäischen Agrarpolitik vorgeworfen, sie würde auch dadurch falsche Anreize setzen, dass diejenigen, die eh schon gut laufende Betriebe haben, nämlich die Großbetriebe, noch das meiste an Subventionen kassieren – ein altes Thema. Wann wird das gelöst?

Carl-Albrecht Bartmer: Ich kann mir durchaus vorstellen, dass die EU in einem nächsten Reformschritt sagt: Weil die Situation sich auch bezüglich der Knappheit von Agrarprodukten so deutlich verändert, dass der Landwirt vermutlich sehr viel mehr sein Einkommen am Markt und nicht so sehr, wie in der Vergangenheit, über staatliche Zuwendungen erzielt, gehe ich in einen gewissen "decline", in eine gewisse Absenkung auch dieser Subventionen über den Zeithorizont.

Übrigens muss man sich auch klar machen, das kann nur über Zeithorizonte gehen, weil alle Pläne, die ein Landwirt macht, jede Maschine, die er investiert, jedes Gebäude, was er baut, aber auch jeder Pachtvertrag, jeder Kaufvertrag über Boden, den er abschließt, ist natürlich heute in einem Kontext mit einer gegebenen Agrarpolitik geschlossen. Das heißt, jemandem heute abrupt zu sagen, pass mal auf, das mit den Subventionen war jetzt mal, das würde erhebliche Schäden hervorrufen.

Ich gehe dann schon davon aus, dass ein großer Teil der Beihilfen, der heute überwälzt wird auf knappe Faktoren, also, wenn Sie eine Situation haben, Agrarbeihilfen für meinen Betrieb und die würden um 10 Prozent erhöht werden, dann wüsste das mein Verpächter genauso schnell wie ich. Und er würde sagen, pass mal auf, Carl-Albrecht Bartmer, du kriegst ja jetzt 10 Prozent mehr Beihilfen. Das kriegst du ja nur, weil du von mir die Fläche hast, also, gib mal ein ganzes Teil davon ab.

Und da ist genau der Prozess, den wir auch erleben. Wir haben ja einen gigantischen Anstieg der Bodennutzungskosten. Und das ist sicherlich auch ein Überwälzungseffekt dieser Beihilfen.

Ich gehe davon aus, wenn wir umgekehrt einen Absenkungsprozess haben, dass wir über die Zeit, nicht sofort, weil, Pachtverträge laufen eben auch mit einer entsprechenden Laufzeit, wenn wir über die Zeit tatsächlich einen vielleicht sinkenden oder zumindest stabilen weiteren Verlauf der Pachten haben und damit ich in eine wettbewerbsfähige Situation kommen.

Deutschlandradio Kultur: Wir können uns ja ein Nebeneinander von Lebensmittelproduktion und Energieproduktion auf dem Acker leisten. Und Sie haben gesagt, um den Preis, dass wir außerhalb des Kontinents anbauen und Güter nachfragen. War das ein Irrtum mit der Energieproduktion in Europa – zumindest dann, wenn man nicht an die nächste Generation Biomasse denkt?

Carl-Albrecht Bartmer: Also, ich muss Ihnen ganz ehrlich sagen: Wenn ich die aktuelle Diskussion verfolge, eine aktuelle Diskussion, die auf der einen Seite sagt, Lebensmittelerzeugung. Ich glaube, kein Land wird je etwas anderes sagen, das erste, was wir tun, ist Lebensmittelerzeugung, und zwar höchster Qualität. Wir wissen aber, dass von den Lebensmitteln, die wir hier in Europa erzeugen, nicht nur wir Europäer betroffen sind, sondern eine Welt, die in zwölf Jahren um eine weitere Milliarde Menschen wächst, eine Welt, die gleichzeitig wohlhabender wird. Diese Wachstumsraten des Einkommens führen natürlich auch sehr stark gerade in den noch nicht so weit entwickelten Ländern zu einer verstärkten Nachfrage nach Lebensmitteln.

Wenn Sie das zusammenzählen, ist allein schon der Lebensmittelbereich hoch ambitioniert. Denn die Flächen haben mehr Lebensmittel zu erzeugen. Aber im Gegenteil, eigentlich sind viele Flächen sogar unter dem Blickwinkel auch nachhaltiger Bewirtschaftung sehr kritisch zu betrachten. Sie verzehren mitunter fossiles Grundwasser. Das heißt, sie werden auf Dauer nicht in dem Maße beregnet werden können, wie es heute noch passiert. Das sind viele bedeutende Produktionsflächen in aller Welt.

Und ein zweiter Teil, da kann man sich drüber streiten, wie intensiv er wird, wird durch die klimatischen Veränderungen, die wir im Moment erleben, die wir messen, wir wissen nicht, in welchem Maße wir sie nach vorne fortschreiben können, aber dass sie die Lebensmittelerzeugung positiv beeinflussen, ist wohl eher weniger anzunehmen als gegenteilig.

Das heißt, die Herausforderung ist schon im Lebensmittelbereich extrem groß. Und jetzt entscheiden wir uns, dass auch noch Bioenergie erzeugt werden soll, weil, Bioenergie passt ja hervorragend in die Nachhaltigkeitsstrategie, in der man ja sich versprochen hat, weniger CO2 zu emittieren. Passt auf den ersten Blick wunderbar, aber greift natürlich auf die gleiche Biomasse zu, die eigentlich auch zur Ernährung verfügbar wäre.

Dann schaffen wir so tolle Instrumente wie feste Anteile von Biodiesel oder Bioethanol in unseren Kraftstoffen. Vollkommen unabhängig davon, wie teuer diese Rohstoffe sind, verbrauchen wir immer diese definierten Prozentsätze im Kraftstoff. Das heißt, wenn Preise hoch sind, Produkte also knapp sind, verbrauchen wir genauso viel, wie wenn Preise niedrig sind. Und keinen schert, dass für diese Produkte jetzt nicht Lebensmittel produziert werden, dass also auch diese Tatsache globale Preise erhöht.

Und dann wollen wir vielleicht auch noch stoffliche Alternativen aus zum Beispiel Ölen generieren, die dann für fein- oder hochtechnische Öle verwendet werden. Wenn Sie Baumaterialien, Pkw-Bestandteile aus Biomasse herstellen wollen, ist ja alles unter dem Blickwinkel der CO2-Emission eine ganz tolle Variante. Dann haben Sie das Gefühl, es fahren mehrere Züge auf dem gleichen Gleis aufeinander zu, nur keiner hat bis jetzt verstanden, wie man die Gleise so legt, dass die alle vernünftig aneinander vorbeifahren können.

Und das, was uns auch als DLG, als Fachorganisation DLG, dabei besonders in Erstaunen versetzt, ist, den einzigen Schlüssel, den wir haben, diese Widersprüche aufzuheben, nämlich den Einsatz unseres Verstandes, unseres Nachdenkens, unserer Wissenschaft für eine bessere Form der Bewirtschaftung – besser heißt, mehr erzeugen, heißt aber auch Ressourcen sparen, nachhaltiger agieren -, diese Instrumente werden mitunter nicht gewollt, weil man Bilder von einer historischen Landwirtschaft vor Augen hat, von der man glaubt, das wäre schon so gut, wie es mal war.

Deutschlandradio Kultur:Grüne Gentechnik.

Carl-Albrecht Bartmer: Ich meine nicht nur die Grüne Gentechnik. Wir haben ja ein ganz breites Feld von Instrumenten, die tatsächlich, ich sag mal, Fortschritt ermöglichen. Wir sind der Welt führender Erzeuger von moderner Landtechnik. Wir haben im Herbst die größte Landtechnikausstellung der Welt, eine der größten Ausstellungen überhaupt der Welt, die AGRITECHNICA in Hannover. Hier sehen Sie tatsächlich Fortschritt.

Aber wenn Sie die Ingenieure dort sprechen, dann sagen die: Ja, uns fehlt zunehmend der Sachverstand an den Hochschulen. Agrarforschung ist tatsächlich einer der am wenigsten unterstützten Wirtschaftsbereiche. Wir haben eine tolle Automobilforschung, wir haben tolle Motorenforschung. Wir haben eine tolle Luftfahrtforschung. Aber Agrarforschung, von der wir eigentlich wissen, wir brauchen sie dringend, wird vernachlässigt, wird unter anderem auch innerhalb der Hochschulen vernachlässigt, so als kleines Mauerblümchen – ja, eigentlich eine nicht stochastische Wissenschaft, das ist so ein bisschen, wie die da auf dem Hof rumoperieren...

Also, ehrlicherweise ist das ganz fatal. Das war übrigens auch in der Geschichte mal ganz anders. Als wir alle Hunger hatten, hatten wir ganz tolle Agrarforschung. Stichwort Grüne Gentechnik: Natürlich. Züchtung ist einer der Schlüssel für eine höhere Leistungsfähigkeit einer Pflanze.

Ich bin selber Ackerbauer. Wenn ich eine Pflanze habe, die bessere Wurzeln hätte, die, weil sie bessere Wurzeln hat, das Wasser besser erschließt, wenn trockene Jahre sind, wie dieses, die, weil sie bessere Wurzeln hat, Nährstoffe im Boden besser aufnimmt und damit Auswaschung auch von Nährstoffen minimiert, die in der Lage ist, vielleicht etwas weniger Blatt, aber dafür mehr Ähre zu bauen, weil das Blatt häcksle ich in Form von Stroh, die Ähre will ich ernten, weil, das sind die Dinge von denen wir als Lebensmittel leben, dann ist das für mich eine große Leistung.

Und wenn ich klassische Züchtungsverfahren nutze, die ja heute schon biotechnisch auch bereichert sind und damit auch sehr viel verbessert sind, dann ist das gut. Aber klassische Züchtungsverfahren sind tatsächlich noch nach wie vor Verfahren, indem wir wie unsere Altvorderen Trial and Error machen, Versuch und Irrtum. Und erst nach drei Jahren wissen wir, ob der Versuch ein guter Versuch war oder ein Irrtum. Das heißt, der Zuchtprozess dauert extrem lang - eine Sorte, zehn Jahre - Stichwort: 12 Jahre, eine Milliarde Menschen.

Wenn ich meine Erkenntnis nutze und weiß, wie ein Genom zusammengesetzt ist – und das weiß ich heute und ich weiß, an welchen Stellen welche Eigenschaften sind, die ich suche in einer Kulturzielpflanze – und ich bin in der Lage, das auf direktem Weg zu transferieren, dann ist mir persönlich schleierhaft, warum ich das die Natur im Trial- und Error-Verfahren über lange Zeit machen lasse und mich selber ausschließe. Übrigens interessanterweise auch hier ist Europa auf weiter Flur ziemlich allein in der Welt. Mit, ich glaube, bestimmt 130 Mio. Hektar gentechnisch veränderten Organismen, also der 10-fachen Fläche von Deutschland, nimmt die da einen anderen Pfad ein – ich sage mal, vielleicht zum Glück dort.

Aber auch wir müssen uns einfach als Gunststandort Europa auch hier ein wenig nach unserer Verantwortung fragen, wie in allen anderen Bereichen auch die Defizite erwähnen und uns nicht leisten, die großzügig mal auszublenden, weil ja die anderen Aspekte, wie Nachhaltigkeit, wie Biodiversität, wie kein Einsatz von Pflanzenschutzmitteln natürlich positiv zu bewerten sind, gar keine Frage.

Deutschlandradio Kultur: Danke, Carl-Albrecht Bartmer, dass Sie mit uns Tacheles gesprochen haben.

Tacheles

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur