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Länderreport | Beitrag vom 19.06.2019

Bad Karlshafen erfindet sich neuNeuer Hafen belebt alte Barockstadt an der Weser

Von Ludger Fittkau

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2525921377_Bad Karlshafen 020.jpg (Deutschlandradio / Ludger Fittkau)
Beliebtes Ausflugsziel: Durch den wiedereröffneten Hafen sollen mehr Touristen nach Bad Karlshafen kommen. An den Wochenenden funktioniert das schon. (Deutschlandradio / Ludger Fittkau)

Malerisch liegt Bad Karlshafen mit seinen Barockhäusern an der Weser. Doch die Stadt drohte auszusterben. Die Wiedereröffnung des alten Hafens hat wieder mehr Leben gebracht. Die Einwohner hoffen, dass sich das auch auf die restliche Stadt auswirken wird.

Dorothe Römer schlägt als Treffpunkt den "Treidelkahn" vor. Der Kahn liegt nicht im neuen Hafenbecken, das vor wenigen Wochen nach 90 Jahren wiedereröffnet wurde, sondern steht auf festem Boden am Hafenrand des kleinen nordhessischen Weserstädtchens Bad Karlshafen. Einige Kinder klettern auf den Planken herum.

"Wir waren bis vor Kurzem ein vom Aussterben bedrohter Ort", sagt Dorothe Römer. "Es gab kaum noch Kinder. Wenn man hier auf dem Platz gesessen hat, hat man keine Kinder gesehen. Und jetzt hat sich das vollständig verändert. Große Familien, seien sie nun aus Syrien oder aus Somalia oder aus Afghanistan, Irak, wohnen hier in der Innenstadt."

Jeder hat einen Fluchthintergrund

Ein Bruderpaar aus dem syrischen Aleppo hat den "Treidelkahn" als begehbare Skulptur gebaut, erklärt Dorothe Römer. Das hölzerne Denkmal erinnert an das Treideln, das mühsame Ziehen von Lastschiffen durch Tiere oder Menschen flussaufwärts. Diese Technik gab es an manchen Flüssen bis in das 20. Jahrhundert hinein. Die syrischen Flüchtlinge haben den Schiffrumpf komplett mit Szenen aus der Geschichte bemalt:

"Die auf der einen Seite Karlshafen darstellen, mit den alten und neuen Flüchtlingsbewegungen. Und auf dieser Seite des Treidelkahns die Kulturgeschichte der Menschheit."

Dorothe Römer steht an dem "Treidelkahn" am Rand des Hafenbeckens von Bad Karlshafen.  (Deutschlandradio / Ludger Fittkau)Engagiert in Bad Karlshafen: Dorothe Römer arbeitet für die Flüchtlingshilfe und ist in einem Verein für den Hugenotten- und Waldenserpfad aktiv. (Deutschlandradio / Ludger Fittkau)

Karlshafen ist als Barockstadt im ausgehenden 17. Jahrhundert von Hugenotten besiedelt worden. Die protestantischen Glaubensflüchtlinge aus Frankreich wurden vom damaligen Landgraf Carl von Hessen-Kassel in den noch heute existierenden Barockhäusern rund um das Hafenbecken an der Weser untergebracht, erzählt Dorothe Römer. Sie selbst sei ein "Hugenottenkind", sagt sie:

"Die Stadt existiert nur, weil es Flüchtlinge gibt. Das hat sich nie so geändert. Es gibt in Karlshafen nur Leute mit einem Flüchtlingshintergrund. Es gibt keine eingeborenen Chatten! Da muss man nach Helmarshausen, in unseren mittelalterlichen Stadtteil. Da gibt es tatsächlich Ureinwohner. Alle anderen Menschen, die sie hier treffen, kennenlernen und sprechen, sind Menschen mit einem irgendwie gearteten Fluchthintergrund. Und natürlich integrieren wir hier die Menschen".

Auf den Wegen der Hugenotten wandern

Dorothe Römer arbeitet hauptamtlich für die Flüchtlingshilfe des Landkreises Kassel, in dem Bad Karlshafen liegt. Gleichzeitig engagiert sie sich für einen Verein, der einen Fernwanderweg entlang der historischen Fluchtrouten der Hugenotten und Waldenser geschaffen hat. Die Wanderroute, die aus Frankreich und Norditalien nach Deutschland führt, endet in Bad Karlshafen. Sie ist inzwischen offiziell eine sogenannte Kulturroute des Europarates:

"Europäische Kulturrouten- Kulturrouten des Europarates. Die Älteste überhaupt ist der Jakobsweg. Dann gibt es die Via Regia, die Hanseroute. Und nun auch schon seit zehn Jahren den Hugenotten- und Waldenserpfad. Voraussetzung für eine Kulturroute des Europarates ist, dass mindestens drei Länder des Europarates an dieser Sache teilnehmen. Wir sind vier Länder: also Deutschland, Italien, die Schweiz, Frankreich. Und der größte Teil des Hugenotten- und Waldenserpfades, der tatsächlich ein physischer Weg ist, den man laufen kann, in beide Richtungen, ist durchgehend markiert, der größte Teil geht durch Deutschland", erläutert Römer.

Der Antiquar Bernhard Schäfer steht in seinem Geschäft in Bad Karlshafen. Um ihn heraum sind überall Buchregale. (Deutschlandradio / Ludger Fittkau)Kenner der Geschichte Bad Karlshafens: Der Antiquar Bernhard Schäfer erklärt in seinem Geschäft Besucher über die Historie auf. (Deutschlandradio / Ludger Fittkau)

Nur wenige hundert Meter vom Hafenbecken entfernt liegt das Buch- und Kunstantiquariat von Bernhard Schäfer. Auch Schäfer stammt aus einer Karlshafener Hugenottenfamilie. Wenn Kunden in seinen Laden kommen und an der Wand des mehr als 300 Jahre alten Hauses das mächtige Regal mit oft ebenso alten Büchern erblicken, stellen sie oft spontan eine Frage, so Schäfer:

"Das ist doch bestimmt eine Bibliothek von einem berühmten Hugenotten, der hier in Karlshafen gewohnt hat? Da muss ich die erst mal auf einen Topf setzen und sagen: Genau das Gegenteil war hier in Karlshafen der Fall. Hier ist sozusagen der Bodensatz der Hugenotten zurückgeblieben und die, die wussten wo es lang ging oder die eine Idee hatten, die sie verwirklichen wollten, die sind nach Berlin, Brandenburg, Preußen. Aber nicht in Karlshafen geblieben."

Revolutionärer Geist aus Bad Karlshafen

Harry Oberländer, der in Schäfers Antiquariat gekommen ist, bleibt ebenfalls nicht in Karlshafen, obwohl er hier geboren wurde und sein Elternhaus noch hier steht. Den Schriftsteller und langjährigen Leiter des Hessischen Literaturforums zog es Ende der 1960er-Jahre nach Frankfurt an Main. In der Zeit der Studentenbewegung schloss er sich einer Gruppe namens "Revolutionärer Kampf" an, zu der damals auch Daniel Cohn-Bendit gehörte. Doch nun ist Harry Oberländer fast 70 Jahre alt und aus Kosten- und Platzgründen in sein Elternhaus zurückgezogen. Dort liest er einen kleinen Prosatext über seine Jugend in Bad Karlshafen:

"Sie möchten wahrscheinlich zuerst mal wissen, wo ich geboren wurde und was ich für eine beschissene Kindheit hatte. Und womit meine Eltern beschäftigt waren und so, bevor sie mich hatten. Und diesen ganzen David-Copperfield-mäßigen Scheißkram, aber ich habe keine Lust darauf. Ich habe diesen Satz im Schulbus gelesen, als ich von Karlshafen, das damals noch kein staatlich anerkanntes Bad war, nach Hofgeismar fahren musste, weil dort meine Schule war. Es ist der Anfang von J.D. Salingers `Fänger im Roggen´. Es war Ende der 60er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Die Bundesstraße ist die B83. Schriftstellerisch arbeite ich seitdem immer wieder am B83-Blues."

Auch wenn an den Außenlagen am Hafenbecken noch gewerkelt wird: Mitte Mai ist in Bad Karlshafen der neue Hafen in Betrieb genommen worden, nachdem er nun rund 90 Jahre ein nicht von Booten von der Weser aus erreichbarer Ententeich war.

Mehrere Millionen Euro für Bauprojekt

Der Neubau von Schleuse und Betriebsgebäude inmitten des Barockensembles wurde mit 5,5 Millionen Euro als "Nationales Projekt des Städtebaus" vom Bund gefördert. Die Stadt mit ihren 3600 Einwohnern zahlt noch einmal eine Million Euro dazu, damit im Hafenbecken Boote mit einer Länge von bis zu zwölf Metern anlegen können. Im Rathaus, das auch direkt am Hafen steht, koordiniert der junge Bürgermeister Marcus Dittrich das Großprojekt:

"Im Vorfeld war die Hafenöffnung sehr umstritten. Den Ausschlag hat dann ein Bürgerentscheid gegeben, der auch sehr knapp zugunsten des Projekts ausgefallen war. Allerdings hat sich jetzt inzwischen die Stimmung doch gewandelt, seitdem klar ist, dass der Hafen jetzt wirklich fertig ist, seitdem man sehen kann, wie es am Ende nun aussehen wird. Und dadurch, dass auch der Kostenrahmen und der Zeitplan eingehalten wurde, sind nun die meisten Kritiker nun zu Befürwortern des Projektes geworden."

Bad Karlshafen knüpft nun mit der Hafenöffnung nach fast einem Jahrhundert wieder an die Gründungsphase der Barockstadt vor 300 Jahren an. Diesmal geht es nicht um Lastkähne, die auf der Weser Industrieprodukte und andere Waren transportieren sollen. Diesmal geht es um die Freizeitschifffahrt, die durch den restaurierten Schleusenkanal das schöne Hafenareal in der Barockstadt ansteuern soll.

Bürgermeister hofft auf Belebung der Stadt

Bad Karlshafen war schon einmal als Weltkulturerbe im Gespräch. Zu Recht, finden die Bewohner und Besucher der Stadt, die oft mit dem Fahrrad an der Weser entlang aus dem nahegelegenen Westfalen kommen:

"Schön. Gucken sie mal das Panorama hier, das ist ja einmalig in Deutschland", sagt ein Tourist.

"Dass es zu einer Belebung kommt, das kann man jetzt schon feststellen. Wenn man an den Wochenenden nach Karlshafen kommt, wird es schon schwierig, irgendwo einen Parkplatz zu finden", findet eine Besucherin.

"Nun, die großen Schiffe fahren ja nicht auf der Weser. Onassis kommt nicht mit Anhang und gibt hier mit Anhang ein paar Millionen aus."

Doch auch wenn etwa der griechische Reeder Onassis wohl nicht mit einer Luxusjacht Karlshafen ansteuern wird: Der Häuserleerstand der vergangenen Jahrzehnte nach dem Niedergang der lokalen Industrie soll bald Geschichte sein, hofft der Bürgermeister:

"Das Hafenprojekt war ja nicht nur darauf bedacht, nur Bootsleute nach Bad Karlshafen zu holen, sondern insgesamt die Stadt wieder zu beleben. Zu zeigen, die Stadt hat sich nicht aufgegeben, will wieder nach vorn gehen und deshalb denke ich auch, dass es auch für junge Familien ein neuer Ansporn ist. In Bad Karlshafen kann man gut leben, wenn natürlich auch das drum herum, die Infrastruktur stimmt und natürlich auch genug Arbeitsplätze dann vorhanden sind."

Es gibt nur noch einen Lebensmittelladen

Arbeitsplätze, die gibt es zurzeit in Bad Karlshafen etwa durch Kurbetrieb im Gesundheitssektor und im Tourismus. Gerade an den Wochenenden sind die Betten im Sommer oft ausgebucht. Allerdings Der "Schwan", ein schönes altes Barockhotel am Hafen, ist stark sanierungsbedürftig und soll nun verkauft werden. Das macht den Bewohnern der Stadt und vielen Gästen am Hafenbecken Sorgen.*)

Ebenso die Tatsache, dass es aktuell nur noch einen Lebensmittelladen in der Stadt gibt. Doch andererseits: Im Hafengebiet selbst werden zurzeit leerstehende Ladenlokale renoviert. Man ahnt, dass es zumindest in den Sommermonaten bald rund um das Hafenbecken eine quirlige Gastronomie geben wird. Dorothe Römer, deren Familie hier auch einen Weinhandel betreibt, weist darauf hin, dass es rund um einen Freizeithafen immer saisonale Schwankungen geben wird:

"Wenn sie in Südfrankreich Ende Oktober oder im November unterwegs sind, da hat nichts mehr geöffnet. Alles hat geschlossen. Dass wir hier ein Saisonbetrieb sind, das ist klar. Ich glaube auch nicht, dass sich das ändern wird. Es wird sich mit der Hafenöffnung auch nicht großartig ändern, dass hier im Winter sehr viel Betrieb sein wird. Wenn aber die Saison wirklich ausgenutzt und ausgeschöpft wird, dann sind doch sicher einige Gastronomen froh, wenn sie im Winter mal nicht jeden Samstag und Sonntag und jeden Abend und jeden Feiertag arbeiten müssen."


*) Rüdiger Laabs vom "Hotel am Schwan" hat gegenüber Dlf Kultur unterdessen bestätigt, dass für das Hotel aus Alters- und Gesundheitsgründen ein Nachfolger gesucht wird. Das Traditionshaus sei in den zurückliegenden Jahrzehnten immer wieder renoviert und instand gehalten worden. Natürlich werde gegebenenfalls ein neuer Eigentümer seine eigenen Ideen umsetzen wollen und entsprechende finanzielle Mittel bereithalten, so Laabs. Die Sorgen, dass der "Schwan" eventuell geschlossen wird, will  er seinen Nachbarn nehmen. Das Hotel bleibt in jedem Fall geöffnet, versichert Rüdiger Laabs.

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