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Lesart | Beitrag vom 05.08.2020

Bachmann-Preisträgerin Helga Schubert"Bis zuletzt hat Christa Wolf totalitäre Ideen gehabt"

Helga Schubert im Gespräch mit Frank Meyer

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Montage aus den Portraits von Helga Schubert und Christa Wolf (links Klaus Franke, rechts Eventpress Hoensch)
Helga Schubert (hier auf einem Foto von 2001) und Christa Wolf kannten sich lange Zeit, auch weil beide in Neu Meteln ein Haus hatten. Schubert sagt, sie habe sich immer stärker von Wolf distanziert. (links Klaus Franke, rechts Eventpress Hoensch)

In der "FAZ" hat Helga Schubert ihre Kolleginnen Christa Wolf und Sarah Kirsch als "SED-Schriftstellerinnen und auch -Funktionärinnen" bezeichnet. Bei Kirsch handele es sich um eine Verwechslung, sagt die Bachmann-Preisträgerin nun, bei Wolf nicht.

Mit harschen Worten wurde die diesjährige Bachmannpreisträgerin Helga Schubert am Wochenende in der "Frankfurter Allgemeinen" ("FAZ") zitiert. Ihre verstorbenen Schriftstellerkolleginnen Christa Wolf und Sarah Kirsch seien "SED-Schriftstellerinnen und auch -Funktionärinnen" gewesen, war in der Zeitung zu lesen.

Im Gespräch mit Frank Meyer korrigierte Helga Schubert ihre Äußerungen einerseits – sie habe das in der "FAZ" erschienene Porträt nicht autorisiert und die Redaktion bereits auf eine Verwechslung hingewiesen: Nicht von Sarah Kirsch habe sie als Funktionärin gesprochen, sondern von Anna Seghers. Sie haben sich bereits an die Redaktion der Zeitung gewandt mit der Bitte, das redaktionelle Missverständnis zu korrigieren.

Kirsch ist eine große Dichterin

"Für mich sind Sarah Kirsch und Christa Wolf völlig verschiedene Menschen, völlig verschiedene Schriftstellerinnen", erklärt Schubert. "Und ich bin auch nur mit Sarah Kirsch befreundet gewesen." Kirsch halte sie für eine große Dichterin, wenngleich für politisch naiv, denn immerhin sei auch Kirsch in die SED eingetreten.

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Schuberts Haltung gegenüber Christa Wolf bleibt hingegen unversöhnlich. Wolf habe sich um ihre Sympathie bemüht, habe sie sehr ausgefragt, habe das auch "verwurstet" im Sommerstück, sagt Schubert. Deshalb sei sie immer stärker auf Distanz zu Wolf gegangen, die für das Zentralkomitee der SED kandidiert habe und als IM Margarete aktiv gewesen sei.

Dass Wolf auch selbst Opfer von Ausspitzelungen gewesen sei, lässt Schubert als Relativierung nicht gelten. Wolf sei der DDR bis zu deren Ende treu geblieben und habe den Staat mit dem "Aufruf für unser Land" sogar noch erhalten wollen.

Wolf Anhängerin totalitärer Ideen

Beinhaltet ihre Formulierung "SED-Schriftstellerin" nicht die Abwertung des gesamten literarischen Schaffens von Wolf? "Ich finde, dass mir andere Schriftsteller mehr zu sagen haben", antwortet Schubert.

Haben sich also all jene getäuscht, die – etwa als junge Menschen in der DDR – aus Christa Wolfs Büchern Gegenentwürfe erfahren haben zu dem engen Menschenbild, das von offizieller Seite in der DDR vermittelt wurde? Generationsspezifische Leseerfahrungen wolle sie niemandem absprechen, sagt Schubert.

Zugleich unterstreicht die Bachmann-Preisträgerin 2020 noch einmal ihre kritische Haltung gegenüber Wolf: Die Autorin, Jahrgang 1929, sei einmal "glühende Anhängerin des Hitlerreichs" gewesen. "Dann war sie eine glühende Anhängerin der Stalin-Zeit", so Schubert. "Bis zuletzt hat sie eigentlich immer noch totalitäre Ideen gehabt."

Identitätsklau über Wolf

Schließlich komme noch eine persönliche Komponente ins Spiel, räumt Schubert ein: Wenn Leute zu ihr ins mecklenburgische Neu Meteln kämen, um sie zu interviewen, erklärt Schubert, würde ständig nach Christa Wolf gefragt: Wo Wolf gewohnt habe, wo das "Sommerstück" spiele.

Das versteht Schubert als eine Abqualifzierung ihrer eigenen Arbeit. "Ich will auch nicht immerzu über Christa Wolf definiert werden", sagt sie. "Das ist ein Identitätsklau und das ärgert mich einfach." Sie räumt ein, dass sie zu vereinfachen anfange, wenn sie provoziert werde und immerzu nach Wolf gefragt werde. Künftig werde sie sich deshalb nicht mehr zu Christa Wolf äußern.

Und noch eine Lehre habe sie gezogen: Sie werde Texte autorisieren, was sie im Falle des FAZ-Textes nicht getan habe, weil sie davon ausgegangen sei, dass man das bei Porträts nicht mache.

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