Das Feature, vom 31.12.2019, 19:15 Uhr

Bach und BraunkohleDenn das Schöne bedeutet das mögliche Ende der Schrecken

Von Constanze John

Das Schöne – wer vermutet es gerade in der Abteilung Schwefelgewinnung des VEB Braunkohlenveredelung Espenhain? Der giftspeiende Betrieb war einer der ersten, die noch unter der Modrow-Regierung 1990 geschlossen wurden. Wer hier arbeitete, bedurfte zum Überleben des Schönen, einer Nische. Das deckte sich gelegentlich mit politischen Maßgaben.

Braunkohleveredelungswerk Espenhain im Sommer 1990 (dpa / Zentralbild / Waltraud Grubitzsch)
Braunkohleveredelungswerk Espenhain im Sommer 1990 (dpa / Zentralbild / Waltraud Grubitzsch)

Im Bach-Jahr 1985 beschlossen Kulturfunktionäre des Rates des Kreises Borna, eine Brigade "Johann Sebastian Bach" im VEB Braunkohlenveredelung Espenhain "anzuregen". So ein Name musste auffallen – normalerweise hießen die Arbeitskollektive  eher "Ernst Thälmann".

Siegfried Naß, leitender Technologe der Abteilung Schwefelgewinnung, nahm die "schöne Idee" auf und begann sie auszureizen: Warum nicht mit einigen unternehmungslustigen Leuten auf Spurensuche gehen – ganz nach eigenem Plan?

Betreut von einen Musikwissenschaftler besuchte Naß mit seinen Kolleginnen und Kollegen Konzerte und Lesungen, Kirchen und Ausstellungen - 50 Progammpunkte absolvierte der Bach-Zirkel bis 1990. Nach der Wende wurde noch die Fahrt nach Lübeck angetreten, die zuvor unmöglich war. 
 
Im Jahre 2006 waren die Mitglieder, inzwischen fast alles Rentner, ein letztes Mal auf Reisen – hin zu Johann Sebastian Bach, zurück zu ihren "schönen alten Zeiten"...

Heute ist Siegfried Naß 87 Jahre alt. Er erfreut sich bester Gesundheit und immer noch an Bachs Musik. Das Material zum Projekt "Zirkel auf dem Wege zu Johann Sebastian Bach" liegt inzwischen im Bach-Museum Leipzig. 

Denn das Schöne bedeutet das mögliche Ende der Schrecken
Bach und Braunkohle
Von Constanze John

Regie: Ulrike Bajohr
Produktion: Dlf 2006

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