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Feiertag - Kirchensendung | Beitrag vom 22.07.2018

Babyklappe im Agape-Haus in LübeckLeben schützen und bewahren

Von Klaus Böllert, Hamburg

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Eine Babyklappe in Potsdam (dpa / picture alliance / Bernd Settnik)
Frauen, die ihr Neugeborenes im Agape-Haus in die Babyklappe legen, finden dort einen Brief vor – in dem wird ihnen auch Hochachtung ausgesprochen. (dpa / picture alliance / Bernd Settnik)

Babyklappen sind in Deutschland höchst umstritten. Einer der Orte, in dem Mütter ihre Neugeborenen anonym abgeben können, ist das Agape-Haus. Die Initiatorin hat Hochachtung vor den Müttern, die ihr Baby in die Klappe legen.

Nur 600 Meter vom Weltkulturerbe Holstentor entfernt, im Zentrum der Lübecker Altstadt, steht in der Mengstraße 62 ein altes Patrizierhaus. Wie viele andere dort hat es eine schmucke Fassade, wie bei vielen anderen führen einige Treppenstufen zum Hauseingang hinauf. Eigenartig aber ist auf der linken Seite eine metallene Klappe. Darauf ein Schild: Babyklappe. Hier können Babys anonym in ein Neugeborenen-Wärmebett gelegt werden. Diese Babyklappe gibt es seit 18 Jahren. Sie war die zweite deutschlandweit und die erste in Schleswig-Holstein. Eingerichtet von Friederike Garbe in ihrem Haus.

"2003 ging der Alarm los und ich dachte ‚Na ja, ist wahrscheinlich wieder Fehlalarm‘ und ich komme runter und denke ‚das ist ja wohl ein Ding, jetzt haben sie dir sogar eine Puppe reingelegt‘. Und dann sah ich, dass die Puppe lebte. Erst einmal habe ich  gesagt: ‚Herzlich willkommen!‘ Das kam so aus mir raus. Und dann bin durch den Hof gelaufen und habe immer gesagt ‚Oh, wir haben wirklich ein Baby‘. Das war das eindrücklichste Erlebnis für mich, dass dieses Kind wirklich lebte und mir hier oder uns hier anvertraut war und dadurch überleben konnte."

"Ein phänomenales Erlebnis"

Das gilt inzwischen für 23 Kinder. Die beiden letzten wurden in einer stürmischen Nacht vom 31. Oktober auf den 1. November vergangenen Jahres in die Babyklappe gelegt. Im Schlafzimmer von Hausmeister Stefan Pieper-Teschendorf ging die Babyalarmglocke los. Er sprang auf und ging nach unten.

"Und da lag ein kleines Mädchen in der Babyklappe drin. Ich habe sie angeschaut, hab sie rausgenommen und bin dann zu Frau Garbe hin. Dann sind wir, meine Frau und ich, rübergefahren in die Uni-Klinik mit der kleinen Maus und dann waren wir bei der ersten Untersuchung dabei. Danach waren wir dann frühstücken, meine Frau und ich, und wollten uns eigentlich gerade wieder ins Bett legen, da ging das zweite Mal der Alarm. Und wir haben eigentlich gedacht: Fehlalarm. Ich bin zu Frau Garbe, sag ich: das ist Fehlalarm, das kann gar nicht sein. Dann bin ich runtergegangen und da schau an: ein zweites kleines Mädchen. Wie alt war die? Vielleicht zwei Stunden. Und das ist einfach ein phänomenales Erlebnis."

Alle Mütter finden dort einen Brief von Frau Garbe. Darin die Informationen, dass sie die Entscheidung, ihr Kind wegzugeben, noch einige Wochen lang zurücknehmen können, dass sie auch nach Jahren noch Kontakt zum Kind aufnehmen können und das Kind diesen Kontakt bestimmt suchen wird. Vor allem aber drückt Friederike Garbe in diesem Brief ihre Hochachtung für die Mutter aus, die ihr Kind in die Babyklappe gelegt hat.

"Große Achtung, ja. Ich habe auch Mütter hier gehabt, die abgetrieben haben. Auch die waren in einer großen Not. Aber dass diese Mütter in unserer Gesellschaft sagen "Wir haben niemanden, aber unser Kind soll leben und ein gutes Leben haben", das hat meine ganz große Hochachtung."

Hochachtung vor den Müttern, die ihr Kind in die Klappe legen

Und einmal hatte sie auch die Möglichkeit, einer Mutter diese Hochachtung persönlich zu bekunden.

"Die hat mir ihr Baby durch den Hof gebracht; hat es nicht in die Babyklappe gelegt, hat  es drei Stunden zuvor zur Welt gebracht. Und hat mir gesagt: ‚Machen sie meinem Baby und mir die Tür auf.‘ Und da hab ich gesagt: ‚Würden Sie noch einmal wiederkommen?‘ Und zwei Tage später kam sie und hatte einen kleinen Jungen an der Hand. Es war also das zweite Kind. Und auf meine Frage ‚Warum haben sie eigentlich nicht abgetrieben‘ hat sie gesagt: ‚Das hätte ich nie gekonnt.‘ Und das zeigt mir, dass diese Mütter wirklich ein Herz für ihre Kinder haben."

Friederike Garbe weiß um die Kritik an den Babyklappen, in der es vor allem um das Recht von Kindern geht, die leiblichen Eltern zu kennen. Frau Garbe verweist da auf den Brief an die Mütter, in dem sie ja darum bittet, dem Kind diese Chance zu geben. Als es Überlegungen gab, Babyklappen zu verbieten, kämpfte sie gegen ein Verbot – bis ganz nach oben.

"Also ich habe an unseren damaligen Bundespräsidenten Herrn Gauck geschrieben: ‚Wenn Sie die Babyklappen abschaffen wollen in Deutschland, müssen sie vorher unsere Gesellschaft ändern.‘ Die Not dieser Mütter ist die Anonymität, in der sie leben, dass sie sich niemand  anvertrauen können und wollen auch und aus diesem Grund ihre Babys eben hier abgeben. So: Deswegen ist es mein großes Anliegen, dass diese Mütter wertgeschätzt sind."

Wer liebt, darf sich Vater und Mutter nennen

Deswegen betont sie so nachdrücklich ihre Hochachtung für die Frauen, die wollen, dass es ihren Kindern gut geht – bei anderen Eltern. Denn nicht nur leibliche Eltern seien wahre Eltern. Wer liebt, dürfe sich Vater und Mutter nennen.  Dabei verweist Frau Garbe auf das Urteil König Salomos aus der Bibel. Zwei Frauen lagen in einem Schlafraum. Jede hatte ein Neugeborenes an der Seite. Eines starb in der Nacht und die Frau tauschte es gegen das lebende Kind. Am Morgen behaupteten beide Frauen, dass sie die wahre Mutter seien. Salomos Urteil: Das Kind solle mit dem Schwert in zwei Teile zerschnitten werden. Doch da verzichtet die wahre Mutter, weil sie will, dass ihr Kind am Leben bleibt und anhand dieser Reaktion erkennt Salomo die Richtige.

"Die eine Mutter wollte, dass das Kind geteilt wird, damit sie zu ihrem Recht kommt. Und die andere Mutter hat gesagt ‚Nein, das Kind soll leben‘. Und das ist für mich die richtige Mutter. Und das haben diese Findelkinder, die das erleben an ihren Eltern. Und wenn so eine Familie dann hierher kommt und sagt: ‚Wenn sie die Babyklappe nicht hätten, Frau Garbe, wären wir niemals Großeltern geworden.‘ Oder eine Familie kommt hier mit einem kleinem Mädchen an und die Mutter sagt: ‚Jeden Morgen, wenn ich aufwache und dieses Kind sehe, kann ich mein Glück nicht fassen.‘ Zu erleben, dass diese Kinder wirklich Glück bringen in Familien, das ist für mich das Allerschönste."

Nicht nur christliche Vorträge halten – sondern praktisch helfen!

Dass Friederike Garbe sich so für junge Mütter einsetzt, hat mit Überzeugung zu tun – und mit einem Versprechen. Als ihr Mann Günther fünf Bypässe bekam und nicht klar war, ob er überleben würde, da betete sie und versprach, etwas besonders Gutes zu tun, wenn er überlebt. Was es schon gab: Den Verein "Leben. Bewahren. Lübeck", dessen Vorsitzende Frau Garbe inzwischen ist.

"Der Verein suchte ein Haus für Mütter, damit sie praktisch helfen können. Also nicht nur Vorträge halten ‚Ihr sollt nicht abtreiben und ihr müsst so und so nach den christlichen Maßstäben‘, sondern sie sagten: ‚Wir brauchen ein Haus, in dem wir praktisch helfen können.‘ Und da haben wir gesagt ‚Ja, das haben wir. Das können wir umbauen dazu.‘"

650 qm groß ist das Haus. Günther Garbe, ein Ingenieur, plante und organisierte den Umbau. Frau Garbe gab dem Haus den Namen: Agape-Haus. Das griechische Wort steht zur Unterscheidung von anderen Formen von Liebe, für die uneigennützige Liebe, für eine von Gott inspirierte Liebe.

"Agape: Ich liebe dich, weil du bist. Und das ist an nichts gebunden, an keine Voraussetzung, sondern einfach nur an die Tatsache: Da ist ein Mensch, der da ist und der ist es wert, geliebt zu sein."

Aufwachen in Geborgenheit

In dem Haus haben schon sehr viele, nämlich gut 200 junge Mütter mit ihren Kindern oder auch kleine Familien ein zu Hause gefunden. Heute lebt auch Annika Bassow hier. Am 1. April ist sie eingezogen, am 29. April kam ihre Tochter Emily zur Welt.

"Bin hier ganz toll aufgenommen worden und Frau und Herr Garbe und auch die Steffi und der Stefan, das sind so herzliche Menschen, ganz, ganz, ganz tolle Personen. Und auch das ganze Haus ist einfach wunderschön, finde ich, also ganz toll."

Wie jedes andere Paar mit dem ersten Kind sind auch Annika Bassow und ihr Partner manchmal unsicher. Haben Fragen. Suchen Rat. Hier im Agape-Haus sind sie damit nicht allein.

"Klar hat man heutzutage immer ein Telefon am Mann, ne. Aber das ist etwas ganz anderes, doch, dass einfach eine Gemeinschaft da ist, das habe ich schon immer gemocht. Und oftmals, wenn ich dann Fenster aufhab, dann höre ich auch hier schon die Stimmen und…quasi neben meiner Eingangstür hängt auch ein gehäkeltes Bild, da steht ‚Aufwachen in Geborgenheit‘. Da habe ich gedacht: ‚Das ist so.‘"

Aufwachen in Geborgenheit – das ist Teil eines Gebetes, das Friederike Garbe zur Eröffnung des Hauses geschrieben hat:

Einschlafen ohne Angst vor Morgen, aufwachen in Geborgenheit.

Vertrauen dem, der Leid und Sorgen,  verwandelt in Gelassenheit.

Er ists, der alles trägt und hält.

Sein Arm umfängt mich und die Welt.

So besinnlich und ruhig das klingt, so hört es sich nicht immer an im Agape Haus. Schließlich leben Kinder hier. Das Agape Haus ist so etwas wie eine Mehr-Generationen-Großfamilie auf Zeit. Und wo kommt diese Familie zusammen? Am großen Esstisch.

"Das ist einfach eine tolle Sache, wenn gemeinsam gegessen wird, dass es verschiedene Speisen hier; wenn alle etwas mitbringen, es sind ja verschiedene Nationalitäten vertreten, also ganz ganz toll."

Beim Essen große Gemeinschaft erleben

Es ist wirklich eine Tischgemeinschaft, zu der oft noch ehemalige Bewohner kommen. Dann sitzen die Garbes, sitzen junge Familien mit ehrenamtlichen Helfern und dem Hausmeister am Tisch. Ohne Unterschiede im Ansehen, freut sich Stefan Pieper-Teschendorf.

"Das ist, also es gibt hier keine Unterschiede und das spürt man auch. Wenn wir Familientisch haben, kommen auch noch andere Familien dazu von außerhalb, die hier mal gelebt haben; und das ist ein großes buntes Gemisch mit ganz viel Freude. Also - und ganz viel interessanten Sachen, wenn eine andere Nationalität kocht. Das kann lecker schmecken, das kann auch manchmal sehr scharf sein. Das ist immer eine Überraschung wert."

Das mit den verschiedenen Nationalitäten, das liegt daran, dass die Garbes ihr Haus seit 2015 noch einmal neu und anders geöffnet haben: für Flüchtlinge. 

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