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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 26.02.2019

Azubi-App „TalentHero“ Per Smartphone zur Ausbildung

Von Josephine Schulz

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Schüler mit Smartphone (imago/PhotoAlto/Dinoco Greco)
Die App ist kostenlos für Jugendliche und kostenpflichtig für Unternehmen. (imago/PhotoAlto/Dinoco Greco)

Im vergangenen Jahr konnten fast 50.000 Lehrstellen von den Unternehmen nicht besetzt werden. Gleichzeitig hatten rund 25.000 Jugendliche keinen Ausbildungsplatz. Die App "TalentHero" soll beide Seiten zusammenbringen.

"Nachdem ich mich kurz angemeldet habe, muss ich meine Hobbies und Interessen auswählen. Ich trage da einfach Zeichnen, Computerspielen und Volleyball ein." 

Julius, 16 Jahre alt, trägt alles auf seinem Smartphone ein. Dann erscheinen Kreise, die aussehen wie Seifenblasen und in jeder steht ein Interessensgebiet. 

"Ich kann hier eintragen, welche Berufsfelder mich am meisten interessieren, da wähl ich hier IT und Computer, hier kann ich dann zwischen Unterfeldern wählen, was mir an dem Berufsfeld am meisten Spaß macht, da drück ich einfach auf kreativ sein, mit IT-Systemen arbeiten und Material bearbeiten." 

Julius ist im Orientierungscheck der App "TalentHero". Das kleine Programm soll junge Menschen so einfach und schnell wie möglich – mobil auf dem Smartphone – den passenden Ausbildungsplatz liefern. 

"Wenn ich dann auf Ergebnisse anzeigen drücke, werden mir relativ viele Ausbildungsplätze vorgeschlagen. Auszubildender zum Elektroniker für Energie- und Gebäudetechnik das klingt relativ ansprechend, oder ein Ausbildungsplatz als Bauzeichner für Tief-, Straßen und Landschaftsbau, würde mir auch gefallen." 

Es gibt rund 350 Ausbildungsberufe in Deutschland

Als ich die App ausprobiere, werden mir vor allem Lehrstellen als Köchin oder Friseurin angeboten. Koch-Azubis können mit einem monatlichen Gehalt von 450 bis 670 Euro rechnen, steht dort – und es gebe Nacht- und Wochenendschichten. Transparenz gehört dazu, um die Jugendlichen möglichst genau zu informieren, auf was sie sich einlassen. Insgesamt knapp 350 Ausbildungsberufe gibt es in Deutschland. Durch dieses Dickicht soll die App navigieren – kostenlos für Jugendliche, kostenpflichtig für Unternehmen.

"Ich glaube, insgesamt ist einfach die Kommunikation auf den beiden Ebenen ganz anders. Also auf der einen Seite, die super digitalen, innovativen, schnelllebigen Jugendlichen und auf der anderen Seite die vielleicht, ich sags mal böse, die konservativen verstaubten Personaler; hört sich jetzt schlimm an, aber es ist einfach ne ganz andere Zielgruppe und Altersgruppe meistens."

Sagt Katja Haack vom Portal "Meinestadt.de". Sie hat die Azubi-App "TalentHero" seit 2015 mitentwickelt. Mittlerweile hätten sie fast 400.000 Jugendliche  runtergeladen, mit sehr positivem Feedback, wie Haack sagt. Die App sei auch eine Antwort auf eine paradoxe Situation in Deutschland. Überall ist vom Fachkräftemangel die Rede, laut Berufsbildungsbericht vom vergangenen Jahr konnten fast 50.000 Lehrstellen von den Unternehmen nicht besetzt werden. Gleichzeitig blieben rund 25.000 Jugendliche unversorgt. Und das sind nur die, die bei der Bundesagentur für Arbeit gemeldet waren. 

Professionelle Bewerbung ohne Papierkram

Besonders Jugendliche mit Hauptschulabschluss haben es auf dem Ausbildungsmarkt schwer. Und rund ein Viertel der Azubis bricht die Ausbildung ab. Offenbar gibt es also gewisse Probleme, Angebot und Nachfrage in Einklang zu bringen. Die App soll nun Jugendliche dort abholen, wo sie sind: am Smartphone. Von dort können sie ohne Papierkram eine professionelle Bewerbung an eine passende Firma schicken.

"Also, wir machen es möglich, dass sich die Jugendlichen komplett übers Smartphone bewerben können. Das heißt, dass sie einen Lebenslauf in unserer App erstellen. Sie können Dokumente hochladen, und am Ende ein nicht ganz klassisches, aber professionelles Anschreiben mit eingeben, dass dann die Bewerbung vervollständigt."

Homepage von talenthero.de (www.talenthero.de)Screenshot der Homepage talenthero.de (www.talenthero.de)
Trotzdem gebe es nach wie vor Ausbildungsberufe, da sei die Bewerberzahl zu gering, hier müssten sie Unternehmen anders präsentieren, rät Katja Haack: 

"Unser All-Time-Favorit ist der Zerspanungsmechaniker. Das ist ein sehr bekannter Beruf, der sehr schwierig zu besetzen ist. Der funktioniert in unserer App auch nicht so gut. Aber gerade da müssen die Unternehmen noch eine Schippe drauflegen."

Unternehmen sollen sich mithilfe der App so präsentieren können, dass sie für junge Menschen attraktiv sind. Jugendliche sehen über YouTube-Videos und Kurzprofile, was sie sich von den Berufen erwarten können. Das würde sich auch Julius noch stärker von der Berufsvorbereitung in der Schule erwarten.

"Also ich find, wenn man jetzt zum Beispiel mit so ner App arbeiten würde, und das Schülern früher näherbringen könnte, dass das auf jeden Fall nen Schritt in die richtige Richtung wäre, weil wir haben jetzt einmal diese Agentur für Arbeit besucht, aber ansonsten so personalisierte Vorschläge für Ausbildung haben wir jetzt so noch nicht kennengelernt."

Imageverbesserung mit Lehrstellen-App 

Gerade an Gymnasien, wie bei Julius, sind Ausbildungsoptionen kaum Thema. Vielen gilt die Ausbildung als schlechte Alternative zum Studium, höchstens als Plan B oder C, wenn der Schulabschluss nicht gut genug ist. Auch das will die App ändern und der Berufsausbildung zu einem besseren Image verhelfen. Die Bundesregierung verfolgt das gleiche Ziel. Dafür braucht es aber wahrscheinlich mehr als eine cool aufgemachte Jobvermittlung.

Denn, wenn den Jugendlichen fehlt es oft an Fähigkeiten, wenn sie die erste Hürde der Bewerbung geschafft haben, meint eine Sozialarbeiterin, die anonym bleiben möchte, und an einer Berliner Sekundarschule arbeitet.

"Wie man sich präsentiert in so einem Vorstellungsgespräch oder Assesmentcenter, hinsichtlich der sozialen Komponenten. Das wäre viel wichtiger."

Die Sozialarbeiterin findet, ein stärkerer Fokus auf Softskills in der schulischen Berufsvorbereitung wäre nötig: Wie man sich gut präsentiert, wie man im Team arbeitet. Aber auch, dass die Unternehmen vermitteln, welche Anforderungen sie an Mitarbeiter haben, und dass man mit sozialen Stärken Chancen auf einen Aufstieg im Berufsleben hat, auch ohne beste Noten. 

"Weil es gibt sehr viele, die sehr ehrgeizig sind, eben ganz hart an ihrem Schulabschluss arbeiten, die aber so zurückhaltend sind, oder so verschlossen und dann gar keine Idee haben: Warum werde ich eigentlich immer abgelehnt, warum krieg ich keinen Ausbildungsplatz... und das ist ärgerlich einfach."

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