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Interview / Archiv | Beitrag vom 02.06.2016

Azize Tank zur Armenier-Resolution"Nicht nur eine Geschichte der Türkei"

Azize Tank im Gespräch mit Dieter Kassel

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Demonstration gegen geplante Bundestagsresolution vor dem Brandenburger Tor in Berlin. (dpa-Bildfunk / Paul Zinken)
In der türkischen Gemeinschaft stößt die Resolution bei vielen auf Unverständnis. (dpa-Bildfunk / Paul Zinken)

Die Armenier-Resolution im Bundestag stellt türkische Abgeordnete vor eine schwere Wahl. Die Linken-Abgeordnete Azize Tank will zustimmen - bewertet das Papier aber dennoch kritisch: Es verschweige wichtige Fakten zur deutschen Mitschuld.

Der heutige Tag ist für die türkischstämmigen Abgeordneten im deutschen Bundestag ein besonders schwieriger. Viele Türken in Deutschland sehen in der Resolution zum Völkermord in Armenien eine Affront gegen ihr Land, weshalb die Abstimmung eng verquickt ist mit den derzeit ohnehin schwierigen deutsch-türkischen Beziehungen. Die türkischstämmige Bundestagsabgeordnete Azize Tank (Linke) hat mit uns darüber gesprochen, wie sie sich entscheiden wird.

Obwohl sie die Resolution für verbesserungswürdig halte, stimme sie zu, sagte Tank im Deutschlandradio Kultur.

"Auch in unserer Gesellschaft müssen wir uns mit dem Thema Völkermord beschäftigen."

Allerdings handele es sich nicht nur um eine Geschichte der Türkei - Deutschland habe enorm dazu beigetragen. Wichtige Informationen dazu fehlten jedoch in der Resolution.

Tank: "Deutsche Unternehmen wie die Philip Holzmann AG setzten damals beim Bau der Bagdad-Bahn 10.000 armenische Zwangsarbeiter ein, die sich kostenlos von der Osmanischen Armee ausliehen - und anschließend in den sicheren Tod geschickt haben."

Als weiteres Beispiel nannte die Abgeordnete die Deutsche Bank AG und die Victoria Versicherungsgesellschaft, die von Vermögensanlagen und Versicherungspolicen der armenischen Bevölkerung profitiert hätten.

Über diese Fälle von Mitschuld und Beihilfe müsse gesprochen werden, so Tank. Es sei nicht so, wie es in der Resolution stehe:

"Wir haben es gewusst, aber wir haben nichts gemacht. Die haben schon auch profitiert."


Das Gespräch im Wortlaut:

Dieter Kassel: Wenn in – falls sie den Zeitplan einhalten – so ungefähr drei bis vier Stunden im Bundestag über eine Resolution abgestimmt wird, die die Vertreibung und Ermordung von Armeniern, Aramäern und anderen christlichen Minderheiten im Osmanischen Reich vor gut 100 Jahren als Völkermord verurteilt, die aber – das sollte man nicht vergessen – auch die deutsche Mitschuld, die Schuld des damaligen Deutschen Kaiserreiches an diesen Vorgängen erwähnt, dann werden die türkischstämmigen Abgeordneten wie alle anderen auch ihre Entscheidung von ihrem Wissen und ihrem Gewissen abhängig machen.

Aber darauf wollten sich offenbar viele Interessensgruppen, die eine solche Resolution verhindern wollen, nicht verlassen. Nicht wenige Abgeordnete berichteten deshalb von starkem Druck, der seitens türkischer Verbände und türkischstämmiger Wähler auf sie ausgeübt worden sei. Wir wollen wissen, ob das wirklich immer passiert ist und wie es im Einzelfall aussah. Und zwar wollen wir das von Azize Tank wissen, sie ist in der Türkei geborene und dort aufgewachsene Deutsche, sitzt für die Partei Die Linke im Deutschen Bundestag und im Ausschuss für Arbeit und Soziales, und sie ist jetzt am Telefon. Schönen guten Morgen, Frau Tank!

Azize Tank: Einen schönen guten Morgen!

Kassel: Haben Sie das persönlich auch erlebt, dass Druck auf Sie ausgeübt wurde im Vorfeld dieser Abstimmung?

Tank: Also, nicht jetzt persönlich, ich habe das nicht als Druck aufgenommen, weil bei jedem interessanten Thema es immer interessante Gruppen gibt, die uns sehr viele Mails schicken. Und wir sind daran gewöhnt eigentlich, ich sage mal, für mich war das jetzt nicht als Druck in dem Sinne.

Kassel: Aber auch in persönlichen Gesprächen … Ich schätze Sie ein als jemanden, der auch einfach oft durch die Stadt läuft, durch Tempelhof-Schöneberg vor allen Dingen, wo Ihr Wahlbezirk ist. Haben Sie da nicht doch auch oft Haltungen erlebt, die doch sehr kritisch waren, und die auch gesagt haben, gerade Sie mit Ihrer Lebensgeschichte dürfen nicht mit Ja stimmen?

Tank: Von der türkischen Community vielleicht, die sind auch daran gewöhnt, ich bin kein unbekannter Mensch hier in Berlin. Ich habe sehr lange in Charlottenburg-Wilmersdorf als Migrantenbeauftragte gearbeitet und ich habe mit der armenischen Gemeinde in Berlin sehr viele Veranstaltungen durchgeführt. Deswegen steht mein Standpunkt eigentlich fest und auch damals … Daher ist es bei mir vielleicht etwas anders.

Deutschland trägt eine Mitverantwortung

Kassel: Nun sind es ja zwei verschiedene Dinge, einerseits für sich selbst zu sagen, ich finde, der Begriff Völkermord ist im Zusammenhang mit diesen Ereignissen vor gut 100 Jahren angemessen, und auch gleichzeitig zu sagen, ich finde es richtig, dass der Bundestag eine solche Resolution verabschiedet. Warum finden Sie beides richtig?

Tank: Erstens, warum so eine Resolution? Obwohl ich Verbesserungen für nötig halte, stimme ich zu, weil ich finde, auch in unserer Gesellschaft müssen wir uns mit dem Thema Völkermord beschäftigen. Die ganze Gesellschaft, also, es ist nicht nur eine Geschichte der Türkei, sondern Deutschland hat auch enorm dazu beigetragen.

Ich gebe nur ein, zwei Beispiele, wo das in der Resolution nicht drin steht: Zum Beispiel deutsche Unternehmen wie die Philipp Holzmann AG setzten damals beim Bau der Bagdad-Bahn zehntausend armenische Zwangsarbeiter ein, die sie sich kostenlos von der osmanischen Armee ausliehen und anschließend in den sicheren Tod geschickt haben.

Die anderen, die Deutsche Bank AG und die Victoria Versicherung AG, die haben sehr viel davon profitiert, Vermögensaneignung und Versicherungspolicen der armenischen Bevölkerung. Darüber hinaus wollte damals die Türkei die Verantwortlichen vor Gericht stellen. Deutschland hat dann zum Beispiel Talat Pascha, das war der damalige Außenminister im Osmanischen Reich, Asyl gewährt und ihn in Charlottenburg versteckt und vor der Strafverfolgung in der Türkei geschützt.

Die sind ((Unterbrechung der Verbindung)) eigentlich uns hier in dieser Gesellschaft in Deutschland dann auch damit beschäftigen und müssen auch darüber mal reden. Das ist auch Mitschuld und Beihilfe. Es ist nicht so, wie in der Resolution steht, wir haben gewusst, aber wir haben nichts gemacht. Die haben schon davon auch profitiert. Also, das muss auch offen ausgesprochen werden. Und ja, Armenien muss … Daraus müssen Konsequenzen gezogen werden und Armenien muss diese Beihilfe anerkennen und entschädigt werden.

Kassel: Nun haben Sie gesagt, es muss offen darüber gesprochen werden. Das, finde ich, ist eigentlich gar keine Frage. Aber es ist ja auch immer die Frage, wie man darüber spricht. Es geht ja in diesem Fall nicht nur um das Verhältnis – das haben Sie ja auch gerade indirekt schon erwähnt – Deutschlands zur Türkei, sondern auch um das Verhältnis zwischen der Türkei und dem heutigen Armenien. Die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung Aydan Özogus – nicht nur sie, aber unter anderem sie – hat gesagt, dass sie deshalb diesen Antrag und diese Resolution kritisch sieht, weil sie findet, dass diese Abstimmung Türen eher zuschlagen könnte auch zwischen Armenien und der Türkei. Wäre es nicht vielleicht wirklich sinnvoller, viel diplomatischer vorzugehen als mit einer solchen Resolution, die für viele ja auch eine Provokation ist?

Für die Armenier geht es um Anerkennung

Tank: Das ist richtig, gebe ich ihr auch recht. Selbstverständlich verhärtet das auch die Fronten, solche Resolutionen. Und eigentlich, die Türkei und Armenien als Land, die Nachbarländer … In den vergangenen Jahren sind sie schon aufeinander eingegangen und haben sich gegenseitig auch besucht. Und circa 2014 hat Erdogan das als … nicht direkt entschuldigt, aber das ist ein sehr schmerzhaftes Ereignis. Und damit ist er umgegangen, aber trotzdem, ohne den Völkermord anzuerkennen, hat er versucht, dieses Leid ein bisschen in den Vordergrund zu stellen. Und ((Unterbrechung der Verbindung)) angefangen, ihre eigenen Archive zu öffnen und dass von beiden Seiten Historiker und Historikerinnen sich mit diesem Thema beschäftigen. Eigentlich müsste man darauf setzen, dass derartige Gespräche weitergeführt werden sollten. Sie wurden dann unterbrochen, jetzt kann ich persönlich nicht beurteilen, warum und wieso. Was man vom Präsidenten wahrgenommen hat, ist er von der armenischen Seite nicht auf großes Interesse gestoßen, das kann ich aber natürlich jetzt so nicht beurteilen.

Ich finde, man soll das … Es geht hier um die Versöhnung. Und ich finde, es ist traurig genug, seit 100 Jahren, sogar 101, dass man zu so etwas sich gegenseitig nicht näherkommt. Und noch dazu: In der Türkei leben viele Armenier und wir sind befreundet. Und deswegen, da ist es in der Türkei noch doppelt und dreifach in der Verantwortung, näher an die Armenier heranzugehen und eine friedliche Hand zu reichen und zu sagen, jetzt müssen wir mal miteinander ernsthaft reden und eine Anerkennung für beide Seiten … Ich glaube, wenn ich so meine armenischen Freunde dann hören, es geht um die Anerkennung. Es geht um … Die haben das Gefühl, es wird alles verleugnet, als ob das nicht geschehen wäre. Und das zu vermeiden, muss man schon miteinander reden. Und Deutschland könnte im Hintergrund auch bei so einem Gespräch eine große Rolle spielen.

Kassel: Sagt Azize Tank, linke Bundestagsabgeordnete. Ich danke Ihnen sehr für das Gespräch! Und ich glaube, wie Sie heute abstimmen, das muss ich Sie jetzt nicht mehr direkt fragen, das ist ja sehr, sehr klar. Danke und einen angenehmen Tag!

Tank: Ich danke Ihnen!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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