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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 05.06.2020

Autorinnen aus NordirlandDie Vergangenheit ist noch immer im Alltag zu spüren

Von Michael Hillebrecht

Nächtliche Szene an der Küste Nordirlands. (Eyeem / Moritz Wellner)
Der dichterische Reichtum Nordirlands wurde von den Nachbarn im Süden und Osten lange Zeit kaum wahrgenommen. (Eyeem / Moritz Wellner)

Erstmalig ging 2018 der renommierte Booker Prize nach Nordirland. Damit haben nordirische Autorinnen mehr Aufmerksamkeit bekommen. Aus verschiedenen literarischen Blickwinkeln schreiben sie über den dortigen Alltag und die Politik.

"Schriftstellerinnen sind auf dem Vormarsch in Nordirland. Ständig verschaffen sich neue weibliche Stimmen Gehör", sagt Jan Carson. Und Lucy Caldwell ergänzt: "Dass Anna Burns zum ersten Mal den Booker Preis nach Nordirland holte, bringt natürlich zusätzliche Aufmerksamkeit für nordirische Literatur von Frauen."

Burns wurde 2018 mit dem renomierten Preis ausgezeichnet. Mit ihrem Roman "Milchmann" findet sie auch bei nordirischen Autorinnen einer jüngeren Generation wie Lucy Caldwell und Jan Carson große Anerkennung.

Der Nordirlandkonflikt in der Literatur

Der Roman ist in einem katholischen Viertel einer nordirischen Stadt in den 1970er-Jahren - auf dem Höhepunkt des Nordirlandkonflikts - angesiedelt. Paramilitärische Gruppen sorgen mit Bomben und Heckenschützen für konstanten Terror. Brutale Strafaktionen gegen vermeintliche Abweichler in den eigenen Reihen sind an der Tagesordnung. Hinzu kommt die Überwachung durch das britische Militär und die Polizei.

Porträt von Anna Burns. (Getty Images / David Levenson)Mit ihrem Roman "Milchmann" holte Anna Burns 2018 erstmals den renommierten Man-Booker-Preis nach Nordirland. (Getty Images / David Levenson)

Die Autorin wuchs im Belfaster Viertel Ardoyne auf. Dieser vornehmlich katholische Stadtteil war während des Nordirlandkonflikts sowohl von den Gewaltexzessen katholischer Paramilitärs als auch von den britischen Gegenmaßnahmen besonders betroffen.

Eine Gesellschaft unter Druck

"Ich bin ich in einer Gesellschaft aufgewachsen, die lange unter Gewalt gelitten hat und unter enormem Druck stand. Das hatte großen Einfluss auf das Buch", berichtet Burns.

Auch jüngere Autorinnen wie Carson und Caldwell hat der Nordirlandkonflikt noch sehr stark geprägt. Carson ist in einer vom radikalen Protestantismus geprägten Umgebung aufgewachsen. Sie wurde 2019 für ihren Roman "The Fires Starters" mit dem Literaturpreis der Europäischen Union ausgezeichnet. Sie kennt die klaustrophobische Atmosphäre zur Zeit des Nordirlandkonflikts sehr genau:

"Es gibt hier ein Sprichwort: 'Was immer du sagst, sag nichts.' Es stammt aus der Zeit des Nordirlandkonflikts. Alle hatten Angst, sich durch unbedachte Äußerungen in Gefahr zu bringen."

Als Protestantin hat Carson die gleichen Erfahrungen gemacht wie die katholische Erzählerin des Romans von Burns: Um die Reihen im Nordirlandkonflikt geschlossen zu halten, wird ein enormer sozialer Druck ausgeübt.

"Es ist ein kleines Land, hier leben nur 1,6 Millionen Menschen. Wir hocken alle aufeinander, das erzeugt ein Gefühl der Klaustrophobie."

Konflikt auch im Exil

Caldwell veröffentlichte bereits 2006 ihren Debütroman "Ein Sommer in Belfast". Sie wurde schon früh als neue weibliche Stimme aus Nordirland wahrgenommen. Sie betont aber, dass es in den Jahrzehnten zuvor wichtigen Autorinnen anders erging; sie fanden zu wenig Beachtung.

Porträt von Lucy Caldwell. (Getty Images / Corbis / Colin McPherson)In ihrem Debütroman "Ein Sommer in Belfast" schilderte Lucy Caldwell die Ehe zwischen einer Katholikin und einem Protestanten in den 1980er-Jahren. (Getty Images / Corbis / Colin McPherson)

Caldwell profitierte bei der Abfassung ihres ersten Romans von einer räumlichen Distanz zu ihrem Heimatland. Nachdem sie ihre Kindheit und Jugend in Belfast verbracht hatte, ging sie 1999 zum Studium nach Cambridge.

"Irisch zu sein, kam mir damals nicht in den Sinn. Erst in England wurde mir klar, wie wenig englisch ich in Wirklichkeit war, und dass ich irisch war, weil ich auf der irischen Insel aufgewachsen bin. Beim Schreiben meines ersten Romans begann ich, vieles infrage zu stellen, was bis dahin für mich selbstverständlich gewesen war."

Allerdings konnte sich Caldwell auch in England beim Schreiben ihres ersten Romans nicht vom Nordirlandkonflikt lösen. Darin schildert sie die konfliktreiche Ehe zwischen einer Katholikin und einem Protestanten in den 1980er-Jahren.

"Der Konflikt in meinem Roman ist die verschärfte Variante eines Konflikts, der meine ganze Kindheit durchzogen hat. Meine Mutter war katholisch und mein Vater protestantisch. Meine Eltern verzichteten auf die Ausübung ihrer Religion, um ihre Ehe nicht zu gefährden."

Die Traumata wirken weiter

Carson beschreibt in ihrem Roman "The Fire Starters" vor allem männliche Umgangsweisen mit den psychischen Folgen des Nordirlandkonflikts: "Mich hat besonders interessiert, wie Männer mit Wut, Angst und Verbitterung umgehen."

Porträt von Jan Carson. (Getty Images / Roberto Ricciuti)Jan Carson sieht das fragile Gleichgewicht der Kräfte in Nordirland durch den Brexit bedroht. (Getty Images / Roberto Ricciuti)

Der Roman spielt im Belfast des Jahres 2014, also lange nach der Beendigung des Nordirlandkonflikts. Viele Männer hatten da noch mit den psychischen Folgen zu kämpfen und Traumata zu verarbeiten.

"Für mich ist es eine Folge des Nordirlandkonflikts, dass selbst junge Männer der Mittelschicht diese Hemmung und die Unfähigkeit zu reden geerbt haben, obwohl sie selbst nie physische Gewalt erlebt haben."

Der Brexit bedroht den Frieden in Nordirland

Auf der politischen Ebene sehen die beiden Autorinnen das fragile Gleichgewicht der Kräfte in Nordirland in den vergangenen Jahren vor allem durch den Brexit bedroht.

"Es wäre sehr naiv, das zu leugnen", sagt Carson und Caldwell ergänzt: "Wenn der Brexit kommt, wird es eine richtige Grenze zwischen Nordirland und dem Rest des Vereinigten Königreichs geben müssen."

Carson schätzt besonders die Offenheit in Fragen nationaler Identität, die sich nach der Beendigung des Nordirlandkonflikts entwickelt hat. Auch diese Offenheit sieht sie durch den Brexit bedroht.

"Vor dem Brexit hätte ich gesagt: 'Politisch bin ich britisch und kulturell irisch.' Mit dem Brexit wurde das für mich fraglich und die Coronakrise hat das noch verstärkt. Ich fühle mich jetzt mehr irisch. Ich habe einen irischen Pass, den ich auch regelmäßig benutze."

Besserer Umgang mit der Coronakrise

Das Karfreitagsabkommen erlaubt der Bevölkerung Nordirlands, neben dem britischen auch über einen irischen Pass zu verfügen. Der irische Pass würde ihnen auch nach dem Ende der momentanen Übergangsfrist beim Brexit den uneingeschränkten Zugang zur Europäischen Union erlauben.

Aber nicht nur der Brexit beeinflusse die Lage in Nordirland. Auch die Coronakrise habe bereits spürbare Veränderungen mit sich gebracht, so Carson:

"Wegen der Coronakrise haben viele Menschen hier über ihr Verhältnis zum Süden Irlands neu nachgedacht. Wie sie dort damit umgegangen sind, hat vielen Leuten in Nordirland imponiert".

Graffito mit dem Schriftzug "NHS" an einer Mauer in Belfast. (Getty Images / Charles McQuillan)Überall in Nordirland wurden in den vergangenen Wochen Graffitis, die Motive aus dem Nordirlandkonflikt zeigen, mit Dankesbotschaften für den Gesundheitsdienst NHS übermalt. (Getty Images / Charles McQuillan)

Im Gegensatz zur Republik Irland verhielt sich die britische Regierung zu Beginn der Coronapandemie zögerlich und unentschlossen. Carson sieht aber auch positive Folgen der Krise. Etwa, wenn sie die Coronamaßnahmen der nordirischen Regionalregierung betrachtet:

"Es stimmt mich beinahe hoffnungsvoll, wenn ich sehe, dass in der Politik die alten Konflikte zwischen Protestanten und Katholiken beiseite geschoben wurden. Beide Seiten haben in den letzten Wochen zusammengearbeitet. Die jüngere Generation in der Politik konzentriert sich auf die wirklich wichtigen Fragen. Und in der Mehrheit sind es die Frauen, die fantastische Arbeit leisten."

Lange Zeit waren die Stimmen von Frauen nicht zu hören. Caldwell und Carson sehen sich als Teil einer neuen Generation von Autorinnen, die sowohl voneinander profitieren, als auch für die Repräsentanz von weiblichen Perspektiven in der Gegenwartsliteratur Nordirlands sorgen.

(dw)

Lucy Caldwell schreibt zurzeit einen Roman über die Bombardierung Belfasts während des Zweiten Weltkriegs durch die deutsche Luftwaffe im April und Mai 1941. Sie ist deshalb sehr an deutschen Augenzeugenberichte über diese Luftangriffe interessiert. Sollten Sie über entsprechendes Material verfügen, wenden Sie sich bitte an folgende E-Mail-Adresse: belfast1941@yahoo.com

Sprecherinnen: Runa Greiner, Maria Hartmann, Bettina Kurt und Anika Mauer
Regie: Stefanie Lazai
Ton: Jan Fraune
Redaktion: Dorothea Westphal

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