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Im Gespräch | Beitrag vom 17.05.2019

Autorin Undine ZimmerEine Kindheit ohne Familienurlaub und Capri Sonne

Moderation: Annette Riedel

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Die Autorin Undine Zimmer (Andreas Labes)
Die Autorin Undine Zimmer (Andreas Labes)

Ihre Eltern sind Langzeitarbeitslose. Was es für ein Kind heißt, in Armut aufzuwachsen, hat Undine Zimmer in einem Buch erzählt. Sie konnte dennoch studieren und hilft inzwischen anderen Menschen, Jobs zu finden.

Erst schrieb Undine Zimmer für das "Zeit Magazin" über ihre Kindheit als Sozialhilfe-Empfängerin, dann erschien 2013 ihr Buch "Nicht von schlechten Eltern – meine Hartz IV Familie".

"Es ist eine Liebeserklärung an meine Eltern, sie sind die Helden. Ich versuche ihnen da ein bisschen den Respekt zurückzugeben, die Anerkennung zu geben, die sie ja in der Gesellschaft nach dem Leistungsmaßstab nicht bekommen."

Wenig Ressourcen, aber Liebe zur Bildung

Undine Zimmer, 1979 in Berlin geboren, berichtet vom Leben ohne Sonntagsbraten, Familienurlaub und Capri-Sonne-Trinkpäckchen. Sie zeigt jenseits von Klischees, dass auch in Unterschichtfamilien die Bildung eine große Rolle spielen kann:

"Ich komme aus einer Familie mit wenig Ressourcen, wir haben aber diese Liebe zur Bildung immer gehabt. Das Lesen, geistige Betätigung ist etwas, was meine Mutter mir mitgegeben hat."

Undine Zimmer lernte Ballett und Klarinette, besuchte eine Schule in Schweden, studierte in Berlin Literatur. Doch in dieser "intellektuelleren Welt" fühlte sie sich oft als Fremdkörper:

"Man merkt, dass man aus einer anderen Normalität kommt." Das müsse man innerlich "immer wieder austarieren".

Hartz IV als kleinster gemeinsamer Nenner

Das, sagt Undine Zimmer, hat auch mit den Klischees zu tun, die Hartz IV- und Sozialhilfeempfängern entgegengebracht werden. Und die den betroffenen Menschen selten gerecht werden:

"Hartz IV ist meistens der kleinste gemeinsame Nenner, die Menschen gemein haben, die auf Transferleistungen angewiesen sind. Es gibt da ganz viele Varianten, ganz viele Familien. Ich würde sogar sagen, meine Familie ist eine Art Durchschnittsfamilie im Alg-II-Bezug."

Nach Versuchen im Journalismus arbeitet Undine Zimmer inzwischen in einem Jobcenter in Reutlingen. Ironie des Schicksals?

"Es hat auch etwas damit zu tun, welche Erfahrungen habe ich gesammelt, welche Fähigkeiten habe ich, wo kann ich die einbringen und damit Geld verdienen."

Doch bei aller Professionalität fragt sich Zimmer manchmal schon, wie es wäre, wenn ihr im Jobcenter ihr Vater als arbeitssuchender "Kunde" gegenüber säße.

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