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Im Gespräch | Beitrag vom 11.05.2021

Autorin und Literaturkritikerin Elke Heidenreich"Ich bin die klassische Frau, die gern alleine an der Bar sitzt"

Moderation: Katrin Heise

Elke Heidenreich posiert für ein Porträtfoto (picture alliance / Erwin Elsner)
Sie sei "eine sehr aufmerksame Beobachterin", erzählt Elke Heidenreich über ihr Schreiben. (picture alliance / Erwin Elsner)

Sie ist als Autorin von Romanen, Erzählungen und Opernlibretti bekannt. Zugleich gilt Elke Heidenreich als einflussreiche Literaturkritikerin. Sie selbst sieht sich eher als Vermittlerin – und kann mit Verrissen nicht so viel anfangen.

Ein Haus kaufen und schuldenfrei leben können: Elke Heidenreich hat ihrem Kater Nero einiges zu verdanken. Kein Wunder also, dass die Autorin und Literaturkritikerin das Haustier nach dessen Ableben prunkvoll beerdigte: in einer italienischen Weinkiste, eingewickelt in ein Designerkleid.

"Das ist wie ein Lottogewinn"

Eine weitere Grabbeigabe waren die deutsche und italienische Erstausgabe des Buchs, für dessen Protagonisten "Nero Corleone" ihr Kater zu Lebzeiten Pate gestanden und das Elke Heidenreich einigen Gewinn eingebracht hat: Nachdem der Kater einem interessierten Verleger die Wurst vom Teller geklaut und das gute weiße Hemd mit Grünkohl bekleckert hatte, war die Idee ihres ersten Kinderbuchs geboren.

"Der Verleger hat sich nicht beklagt, sondern hat gesagt: Über den musst du schreiben", erzählt sie.

Nach zwei Nachmittagen mit einer Flasche Wein in der Laube im Garten war das Buch fertig. Es wurde in über 30 Sprachen übersetzt und mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. "Ich habe es mit ganz leichter Hand geschrieben. Das ist wie ein Lottogewinn."

"Die Musik ist meine große Liebe, die Literatur ist mein Beruf"

"Ich war fassungslos und habe damit nie gerechnet", sagt sie über den Erfolg mit einem Kinderbuch, der selbst für einen im Literaturbetrieb alten Hasen wie Elke Heidenreich überraschend kam. In den zurückliegenden Jahrzehnten hat sie zahlreiche Erzählungen und Romane geschrieben.

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Sie sei "eine sehr aufmerksame Beobachterin" sagt die 1943 im hessischen Korbach geborene Autorin über ihr Schreiben. Sie notiert alles, was um sie herum geschieht – ob Telefonate im Zug oder Gespräche in der Kneipe. "Ich bin die klassische Frau, die gern alleine an der Bar sitzt. Und dann tue ich so, als höre ich nichts, aber ich höre alles!"

Auch ihrer zweiten großen Leidenschaft, der Musik, hat sich Elke Heidenreich schon literarisch gewidmet. Sie hat Opernlibretti geschrieben und ein Buch über die Rolle Venedigs für die Musik. "Die Musik ist meine große Liebe, die Literatur ist mein Beruf." Am Ende gehe es für sie aber nur mit beidem: "Es ist wie Essen und Trinken: Man kann auf keins von beidem verzichten."

"Wir sind ja nicht mehr in der Schule!"

Bekannt ist Elke Heidenreich aber nicht nur als Autorin, sondern auch als Literaturkritikerin in Funk und Fernsehen, etwa als langjährige Moderatorin der Literatursendung "Lesen!" im ZDF oder aus dem Schweizer Literaturclub.

Mit Verrissen kann sie zumindest in Radio und Fernsehen wenig anfangen und sieht sich eher als Literaturvermittlerin denn als Kritikerin.

"Wenn ich die wenige Zeit, die ich habe, nutze, um etwas zu verreißen – das macht ja keinen Sinn", sagt sie. "Das kann ich in der Zeitung machen, wo ich mich mit einem Text so auseinandersetze, dass ich am Ende ein Fazit ziehen kann. Das kann ich nicht im Fernsehen oder im Radio. Das ist der falsche Ansatz."

Das heißt allerdings nicht, dass die Bücher keiner strengen Beurteilung unterzogen werden. Stets hat sie einen Stapel Bücher auf dem Nachttisch, die sie prüft. Nach 60 Seiten Wohlwollen ist Schluss: "Wenn mich ein Buch nicht interessiert, dann lese ich es nicht weiter. Wir sind ja nicht mehr in der Schule!"

"Ich habe nur ein Leben – was soll ich mich herumquälen?"

Was sie will und was nicht – das weiß Elke Heidenreich nicht nur in der Literatur sehr genau. Schon als Jugendliche verließ sie die schwierigen Verhältnisse ihres Elternhauses und suchte sich selbst eine Pflegefamilie. Unabhängig zu sein und sich um selbst kümmern zu können, das mache sie bis heute glücklich.

"Ich mache in meinem ganzen Leben das, worauf ich Lust habe", sagt sie. "Ich war nie irgendwo fest angestellt. Ich bin aus Beziehungen weggegangen, die ich nicht mehr gut fand für mich. Ich weiß immer, was für mich gut ist und das mache ich. Ich habe nur ein Leben – was soll ich mich herumquälen?"

(era)

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